Dabbe: The Possession (2013) – Review

Dabbe 4: Cin Carpmasi

Dabbe: The Possession ist der vierte Teil, der nicht aufeinander aufbauenden Horror-Reihe aus der Türkei. Wie der Titel schon verspricht geht es dieses Mal um Besessenheit!

Originaltitel:
Land:
Laufzeit:
Regie:
Drehbuch:
Cast:
VÖ:

Dabbe: Cin Çarpması
Türkei
135 Minuten
Hasan Karacadağ
Hasan Karacadağ
Cansu Kurgun, Irmak Örnek, A. Murat Özgen u.a.
Derzeit auf Netflix

Bei Dabbe handelt es sich um eine in der Türkei sehr bekannte Horror-Reihe von Hasan Karacadağ. 2006 gestartet, erblickte 2015 der nunmehr sechste Teil der Reihe das Licht der Welt. Die Dabbe-Reihe ist stark in einen türkisch-islamischen Kontext eingebettet. Es ist jedoch auch ohne jegliche Kenntnisse dieses Kontextes möglich, den Filmen einwandfrei zu folgen, aber natürlich ist es nur von Vorteil, wenn man diese hat. So wird das titelgebende Dabbe im Islam als Kurzform für „Dābba min al-Arḍ“ verwendet, was übersetzt so viel bedeutet wie „Tier aus der Erde“ und ist ein Zeichen des jüngsten Tages. Im Film wird dieses mit dem Internet gleichgesetzt, weshalb die offizielle Schreibweise der ersten zwei Teile auch D@bbe lautet. Im vierten Teil der Reihe, Dabbe: The Possession, wird darauf kurz eingegangen:

Dabbe ist im Koran ein Zeichen des Weltunterganges. Es heißt, es umspanne die Erde wie ein Netz und dringe in jedes Haus ein. Erinnert doch ans Internet.

Im Film ist dies die Antwort darauf, wie Menschen so leicht an gefährliche schwarze Magie kommen und wieso Vorfälle mit Flüchen so stark ansteigen. Darüber hinaus spielt dieses im Film allerdings keine Rolle.
Während der erste Teil der Reihe, inspiriert von J-Horror-Filmen wie Ring oder Pulse, noch Folklore mit Technik mischt, um die Schrecken der letzten Tage auf uns loszulassen, konzentriert sich die Reihe ab dem dritten Teil Dabbe: Bir Cin Vakasi stärker auf Paranormales. So ist Dabbe: The Possession oder Dabbe: Cin Çarpması, wie der Film im Original heißt, dann auch ein relativ klassischer Horrorfilm rund um Besessenheit.

Im vierten Teil geht es kurz zusammengefasst um die junge, skeptische Psychiaterin Ebru Karaduman (Irmak Örnek), die die Exorzismen eines Hodscha (A. Murat Özgen), sprich eines islamischen Gelehrten, mittels Kamera aufzeichnen und wissenschaftlich untersuchen will. Als Untersuchungsobjekt dient Kübra (Cansu Kurgun), eine alte Freundin von Ebru, die anscheinend von einem Dschinn (Cin), einem Dämon, besessen ist…

Der Film startet mit einem Exorzismus, der äußerst billig aussieht und einen dazu verführen könnte, voreilig das Weite zu suchen. Schlussendlich ist es aber auch genau diese billige Found-Footage-Optik, die mich unumwunden in die Welt einer ruralen Türkei wirft und mich mit muslimischen Exorzisten und Dschinns konfrontiert. So lerne ich Hodscha Faruk Akat kennen, der als Exorzist nicht nur gegen Dämonen, sondern auch gegen alte Volksbräuche ankämpft und diese als Hexenwerk brandmarkt. Es ist eine Welt des Islam und der türkischen Folklore – und mittendrin Ebru, die mit ihrer Kamera drauf hält. Sie bietet uns durch ihr wissenschaftliches, von Vernunft geführtes Auge einen Einblick in diese Welt.
Nach diesem ersten von Ebru gefilmten Vorfall folgen wir dem bereits angesprochenen Feldversuch. Da die Möglichkeit besteht, dass Hodscha Faruk Akat den zuvor gefilmten Vorfall nur inszeniert hat, wählt sie eine Patientin aus, an der ein Exorzismus durchgeführt werden soll: eine Freundin aus Kindertagen, bei der bisher alle medizinischen Maßnahmen keinerlei Wirkung zeigten.

Dabbe: Cin Carpmasi

Dieser Szenenwechsel führt uns in eine pittoreske türkische Kleinstadt, welche wirklich phantastisch in Szene gesetzt ist. Die Kleinstadt Muğla im südwestlichen Bergland der Türkei als Drehort zu wählen, erweist sich auf alle Fälle als goldrichtige Entscheidung. Die gut erhaltenen, jahrhundertealten Gebäude und Straßen versetzen mich nicht nur in der Zeit zurück, sondern sogleich auch architektonisch in eine Welt, in der sich Dschinns zuhause fühlen könnten. Gemeinsam mit dem Found-Footage-Stil bringt dies eine authentische Atmosphäre mit sich, die mich sofort gefangen nimmt. Allgemein lebt der Film sehr von seinen Locations. Auch das griechische Herrenhaus, in dem sich ein Großteil der Handlung rund um Kübras Exorzismus abspielt, verbreitet ein mystisches und geheimnisvolles Flair.

Bei einer Spielzeit von über zwei Stunden lässt sich Karacadağ sehr viel Zeit die Geschichte wie auch eine bedrohliche Atmosphäre langsam aufzubauen. So lernen wir Kübra erst nach einem Drittel der Spielzeit kennen und so lange dauert es auch bis der Film zum zweiten Mal eine Form von Besessenheit zeigt – doch dieses Mal wesentlich intensiver als noch zu Beginn. Die Zeit nutzt Dabbe: The Possession jedoch nicht so sehr dafür seine Charaktere einzuführen, gerade die Psychiaterin und der Hodscha bleiben in erster Linie Stellvertreter ihrer jeweiligen Weltbilder, sondern um uns die Welt der Dämonen und bösen Geister näher zu bringen. Wir lernen über die Gespräche von Ebru mit dem Hodscha einiges über Dämonologie und werden über deren Erkundungstouren im Dorf an die animistische Welt der Dorfbewohner herangeführt. Der Film macht dabei nie einen Hehl daraus, dass es diese Wesen wirklich gibt und sie eine realistische Bedrohung sind.

Dabbe: Cin Carpmasi

Der Film bleibt seinem Tempo auch durchgehend treu und breitet weiter seine im türkischen Volksglauben und Islam begründete Mythologie aus. Dafür solltet ihr etwas Interesse mitbringen, ansonsten dürfte der Film euer Sitzfleisch arg strapazieren. Doch trotz dieser ruhigen Sequenzen schafft es Dabbe: The Possession, seine bedrohliche Atmosphäre jederzeit beizubehalten und die Spannung nicht abbrechen zu lassen. Dem ist es durchaus zuträglich, dass im Laufe des Films auch noch dunkle Familiengeheimnisse ins Spiel kommen, was nicht sonderlich kreativ sein mag, aber effektiv ist es allemal.

Zu Beginn dachte ich mir noch, dass der billige Look nur schwer zu ertragen sein wird, doch da der Film auf Found-Footage setzt, treten die optischen Mängel schnell in den Hintergrund. Karacadağ und Kameramann Halil Ibrahim Çekiç verstehen es gut den Stil zu ihrem Vorteil zu nutzen. Einerseits schaffen sie es die budgetären Mängel zu verstecken, andererseits gehört Dabbe: The Possession in der Tat zu jenen Horrorfilmen, die dem Stil eine gewisse Bedrohung abgewinnen können. Die Kamerabewegungen folgen dabei nicht ausschließlich der Found-Footage-Logik, sondern werden durchaus auch stilistisch eingesetzt. So entstammen schnelle Kamerabewegungen nicht immer der Situation, sondern werden mit Verfremdungseffekten und Montagen dazu eingesetzt, die gewünschte Stimmung zu erreichen. Found-Footage-Puristen werden diesem freien Umgang mit den Konventionen des Subgenres wenig abgewinnen können, aber ich mochte diese unverkrampfte Herangehensweise sehr. Und trotz der geringen Mittel gelingt es Çekiç immer wieder mit sehr ästhetischen Einstellungen zu überzeugen, die dem Film schlussendlich einen wesentlich hochwertigeren Anstrich verpassen, als er zu Beginn den Anschein machte.

Dabbe: Cin Carpmasi

Fazit

Dabbe: Cin Çarpmasi kann es mit Budget und Effekten sicherlich nicht mit Genre-Kollegen aufnehmen, nimmt sich aber dafür für viel Zeit für seine Welt der Dämonen, was in anderen Filmen oft zu kurz kommt. Cansu Kurgun ist mit ihrer Darstellung der Besessenen auch ziemlich auf sich allein gestellt und kann sich nicht hinter einer ausgefallenen Maske verstecken. Mit der Unterstützung einer verzerrten Stimme und ein paar Kamera-Effekten gelingt Kurgun dennoch eine glaubwürdige Performance, die sich keinesfalls verstecken muss.
Auch wenn es der Film zum Ende hin mit der Wackelkamera doch etwas übertreibt, bleibt es ein spannender Found-Footage-Film rund um böse Geister, Dämonen und Besessenheit, den ich euch durchaus ans Herz legen möchte.

 

Bewertung

SpannungRating: 4 von 5
AtmosphäreRating: 4 von 5
Gewalt Rating: 1 von 5
Ekel Rating: 2 von 5
Story Rating: 3 von 5

Bildquelle: Dabbe: The Possession © Netflix

Florian Halbeisen

Horrorfilme sind für mich ein Tor zu den unheimlichen, verstaubten Dachböden und finsteren, schmutzigen Kellern der menschlichen Seele. Hier trifft man alles von der Gesellschaft abgeschobene, unerwünschte, geächtete, begrabene: Tod, Schmerz, Angst, Verlust, Gewalt, Fetische, Obsession. Es ist eine Entdeckungsreise auf die "Schutthalde der Zivilisation".
Auf diese Reise würde ich euch gerne mitnehmen.
Florian Halbeisen

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