Pulse (2001) – Review

Pulse

Der japanische Horrorfilm Pulse ist Film gewordene Depression rund um Isolation und Suizid.

Originaltitel:
Land:
Laufzeit:
Regie:
Drehbuch:

Kairo
Japan
118 Minuten
Kiyoshi Kurosawa
Kiyoshi Kurosawa

Depression, Isolation und Suizid

Pulse gehört zu jenen japanischen Geisterfilmen, die dem japanischen Horrorkino zu Weltruhm verhalfen und deshalb auch einige US-amerikanische Remakes nach sich zogen. Wie schon bei Ringu und Ju-on ist hier auch Pulse keine Ausnahme. Regisseur Kiyoshi Kurosawa (Cure, Creepy) legt seinen Fokus jedoch nicht auf eine simple Geistergeschichte, sondern sie sind nur Mittel zum Zweck, um große gesellschaftliche Themen rund um Depression, Isolation und Suizid abzuhandeln. Kurosawa bleibt daher auch nicht nur bei der verwunschenen Technik oder dem verfluchten Haus, sondern setzt einen wesentlich größeren Maßstab an.

Dies sind selbstverständlich weltweite Phänomene, doch haben sie gerade in Japan eine unverhältnismäßige Größe erreicht. Für den kompletten Rückzug aus der Gesellschaft hat der japanische Psychologe Tamaki Saitō Ende der 90er sogar einen eigenen Begriff geprägt: Hikikomori. Die bezeichnet in Japan Menschen, die sich fast vollständig von ihrer Umwelt abkoppeln und ihr Leben meist auf ein einziges Zimmer begrenzen und ihre Tätigkeiten sich auf Computer und TV beschränken. Viele sind nachtaktiv und verlassen auch nur dann ihr Zimmer, manche nicht einmal dann. Die Ursache liegt meist an den extrem hohen Erwartungen, die an die Personen gestellt werden, und denen sie sich nicht gewachsen fühlen.  Als einzigen Ausweg sehen sie nur noch die komplette Abkapselung von der Welt.

Dieser enorme Druck dem die Menschen ausgesetzt sind, ist auch ein Faktor in der hohen japanischen Suizidrate, die eine der höchsten unter den Industrienationen darstellt. 2014 nahmen sich im Schnitt täglich 70 Japaner und Japanerinnen das Leben. Es ist also kein Wunder, dass diese im japanischen Alltag sehr präsenten Themen auch filmisch verarbeitet werden. So nahm sich zum Beispiel Shion Sono mit Suicide Circle dem Thema an und auch US-amerikanische Produzenten hatten das Thema für sich entdeckt und uns den geschmacksbefreiten The Forest vorgesetzt.

Willst du einen Geist sehen?

In Pulse folgen wir zwei zunächst voneinander getrennten Geschichten als es in Tokio zu einem enormen Anstieg von Suiziden kommt. Zudem scheinen Geister über das Internet Verbindung aufnehmen zu wollen. Immer wieder erscheint die Meldung „Willst du einen Geist sehen?“, gefolgt von Webcam-Aufnahmen von Personen vor ihren Computern in ihren Apartments. Liegt es an den Geistern, die die Menschen in den Suizid treiben oder wählen diese den Freitod aus Verzweiflung und Einsamkeit von sich aus…?

Die Webcam-Aufnahmen lassen Assoziationen zu den Hikikomori aufkommen, sind aber auf alle Fälle ein starkes Sinnbild für den isolierten Menschen in unserer Gesellschaft. Wirken schon die anfänglichen Bilder von Tokio äußerst trist, so fühlen sich die Webcam-Aufnahmen komplett leblos an. Kameramann Jun’ichirô Hayashi (Ringu) gelingt es hier hervorragend Tokio in depressive Bilder zu tauchen.

Wer sich schon mit den inhaltlichen Eigenheiten japanischer Geistergeschichten schwer tut, dem muss ich leider gleich den nächsten Knüppel zwischen die Beine werfen. Nicht nur hat das japanische Kino einen anderen Zugang zur Geisterwelt, sondern oftmals ist die Erzählweise für uns auch äußerst ungewohnt. Das japanische Kinopublikum scheint wohl grundsätzlich mit einer traumartigen, fließenden Erzählung wesentlich besser klar zu kommen. Pulse wirkt viel mehr auf einer emotionalen, als auf einer rationalen Ebene. Der Film zeigt vieles ohne dafür Erklärungen zu liefern. Daher ist manches auch für uns erst einmal so hinzunehmen.

Wer damit und mit langsam erzählten Filmen ein Problem hat, wird mit Pulse wohl wenig Freude haben. Denn nicht nur ist vieles äußerst kryptisch, zu Beginn passiert zudem auf der reinen Handlungsebene wenig. Kurosawa lässt sich viel Zeit die Bedrohung und trostlose Atmosphäre wirken zu lassen. Wer sich allerdings darauf einlassen kann, wird mit einem immens eindringlichen J-Horror belohnt. Es beeindruckt mich jedes Mal wieder aufs Neue wie gut es Kurosawa und sein Team schaffen diesen Film in ein allgemeines Gefühl von Depression zu tauchen. Die Ausweglosigkeit ist beklemmend,  die Hoffnungslosigkeit erdrückend.

Pulse

Es bleibt nichts mehr, außer geisterhaften Abdrücken an der Wand

Kurosawa, Hayashi und Komponist Takefumi Haketa arbeiten hier viel mit dissonanten Bildern und Klängen, um diesen Effekt zu erzielen. Alles wirkt immer etwas befremdlich, wie die Protagonisten beschleicht auch mich immer wieder das Gefühl, dass hier irgendwas nicht stimmt. Dazu kommen noch einfache, aber trotzdem sehr effektive Bilder wie mit dem Plastikbeutel oder auch dem Filmen von Personen allein über Schuss-Gegenschuss ohne beide Personen je gemeinsam in einem Bild zu zeigen. Dadurch verstärkt sich noch einmal das Gefühl der Isolation der einzelnen Charaktere.

Damit gehört Pulse für mich auf jeden Fall zu den ganz Großen des J-Horrors zur Jahrtausendwende, der sich glücklicherweise auch nicht scheut gesellschaftskritische Themen anzusprechen. Durch die geschickte Umsetzung durch Kurosawa ergibt sich so ein grandioser Horrorfilm, dem man auf jeden Fall eine Chance geben sollte – auch wenn man wirren, langsamen, japanischen Geistergeschichten nicht viel abgewinnen kann.

 

Bewertung

Spannung Rating: 3 von 5
Atmosphäre Rating: 4 von 5
Gewalt  Rating: 1 von 5
Ekel  Rating: 0 von 5
Story  Rating: 3 von 5

Bildquelle: Pulse © Splendid Film

Florian Halbeisen

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