Interview mit Scott Schirmer (Found, The Bad Man) (Teil 1 von 2)

Scott Schirmer

Wir hatten das Vergnügen mit Scott Schirmer, dem Regisseur von The Bad Man, ein Interview zu führen. Wir sprachen über Sex und Gewalt in Filmen, Low-Budget-Dreharbeiten und natürlich über seine Filme.


Hallo Scott! Wir freuen uns sehr darüber, dass du dir für uns Zeit nimmst. Wie geht es dir?

Oh, ich nehme Medikamente, um meine existenziellen Sorgen im Zaum zu halten.

Du hast einmal in einem Interview erwähnt, dass dich ein Magazin mit einem Making-of zu Das Imperium schlägt zurück dazu inspiriert hat, Filmemacher zu werden. Jetzt wo du einer bist: Ist es so, wie du es erwartet hast?

Es war nicht das Magazin, sondern der Film selbst. Die Star-Wars-Filme hatten einen großen Einfluss auf die gesamte Welt, aber ich denke, sie waren besonders inspirierend für Kinder meines Alters. Ich war sechs, als Das Imperium schlägt zurück rauskam und neun, als Die Rückkehr der Jedi erschien. Star Wars war ein sehr wichtiger Teil meiner Kindheit. Zuerst wollte ich wegen Star Wars Roboter bauen, aber ich glaube, das änderte sich in der vierten Klasse. Seitdem wollte ich Filme machen.
Es ist überhaupt nicht so, wie ich es mir als Kind vorstellte, denn als Kind wollte ich in Hollywood arbeiten. Das war mein Ziel, bis ich aufs College ging. Aber als ich dann anfing, Independent-Filme zu drehen, genoss ich die Freiheit. Und nachdem ich einige Zeit in Los Angeles verbrachte und mit vielen Leuten aus dem Business geredet hatte, entschied ich, dass mir das ein zu verrücktes Spiel war – eines, für das ich nicht die Geduld aufbrachte. Ich meine, du kannst dich dort für Jahrzehnte abplagen, mit dem Versuch, einen einzigen Film zu machen. Scheiß drauf! Da mach ich den verdammten Film lieber selbst.

Dein Debütfilm Found wurde von Publikum und Kritikern gleichermaßen gelobt. Hattest du damit gerechnet?

Nein, ich liebte die Vorlage „Found“ abgöttisch. Meine Leidenschaft für den Roman brachte mich aus einer fünfjährigen Schaffenspause zurück. Doch wir drehten den Film mit größeren Pausen über einen Zeitraum von acht Monaten und danach war ich noch vier bis fünf Monate mit dem Schnitt beschäftigt. Nach der langen Zeit hatte ich deshalb zu dem Werk keinen richtigen objektiven Bezug mehr und ich wusste nicht, was ich in Händen hielt, als er endlich fertig war. Nachdem ich ihn einigen Crew-Mitgliedern und engen Freunden zeigte, bemerkte ich, dass der Film etwas Besonderes sein könnte. Ich erwartete mir, an einer Handvoll Wettbewerbe teilzunehmen und hoffentlich ein oder zwei Preise zu gewinnen. Ich hatte keine Ahnung, dass der Film auf 40 Filmfestivals auf der ganzen Welt spielen und dutzende Preise gewinnen würde. Das ist wahrscheinlich eine Erfahrung, die man einmal im Leben macht.

Found

Szene aus Scott Schirmers Spielfilmdebüt Found

Warst du nach diesem großen Erfolg aufgeregt, dein nächstes Projekt angehen zu können oder verspürtest du eher den großen Druck, daran anschließen zu müssen?

Ich machte mir selbst sehr viel Druck. Ich rang mit mir selbst, ob ich Headless machen soll und entschied schlussendlich, dass das nicht die Richtung ist, in die ich gehen will. Ich wollte jedoch definitiv ein Teil davon sein, daher co-produzierte ich den Film und kümmerte mich um den Schnitt, während Arthur Cullipher einen großartigen Job als Regisseur machte. Danach wollte ich The Bad Man machen, aber das Crowdfunding damals, 2015, scheiterte kläglich. Daher entschied ich schlussendlich, dass Harvest Lake der nächste Film werden sollte. Ich machte den Film zusammen mit Brian Williams und wir versuchten, alle Erwartungen und den ganzen Druck über Bord zu werfen. Wir versuchten, einfach Spaß bei der Arbeit an einem Film zu haben, der vielleicht nicht allen gefallen wird. Es war ein großes Experiment, ohne darauf zu achten, wie es vielleicht ankommen könnte. Und wir sind wirklich stolz auf den Film und freuen uns, dass er doch so gut ankam.

Sex und Gewalt sind wichtige Bestandteile deiner Filme. Was fasziniert dich an dieser Kombination?

Ich finde, dass Sex und Gewalt sehr stark miteinander verbunden sind. Geschlechtsverkehr lässt Personen oft physisch gegeneinander antreten, es beinhaltet ein körperliches Eindringen und gewissermaßen einen Machtkampf. Es ist eine Aktivität, die Menschen anspornt, ihre Hemmungen fallen zu lassen und sich ihren Urtrieben hinzugeben. Sex kann uns erbauen oder tiefe Narben hinterlassen. Es kann eine wundervolle oder erschreckende Erfahrung sein. Es ist hervorragendes Futter, um eine Geschichte zu erzählen.

In Plank Face erleben wir den seltenen Fall, dass ein Mann von einer Frau vergewaltigt wird. War es deine Absicht die Rollen bei sexueller Gewalt umzudrehen oder ergab sich das nur durch die Story?

Ich bin immer daran interessiert, Männer so darzustellen wie Frauen traditionell in Filmen dargestellt wurden. Männer sind in unserer Gesellschaft häufig dazu gezwungen, sich wie harte Kerle zu verhalten, aber ich weiß, dass sie in ihrem Inneren dem nicht entsprechen. Sie sind genauso wie Frauen verängstigt, neugierig und verwirrt. Ich habe die Vermutung, dass harte Typen es vielleicht nicht zugeben, aber dass sie ein Interesse daran haben, die Rollen mal umgedreht zu sehen. Viele wissen das wirklich zu schätzen und können sich damit auf irgendeine Weise identifizieren. Ich weiß, dass es bei mir so ist.

Plankface

Szene aus Scott Schirmers Plankface

Ist es schwer für dich, für solch extreme Szenen Schauspieler und Schauspielerinnen zu finden?

Meine Filme entstehen quasi im Rückwärtsgang. Ich schreibe normalerweise erst dann ein Skript, wenn ich über die benötigten Orte und Schauspieler verfüge. Alles ist maßgeschneidert. Zum Beispiel für Plank Face hatten wir einen Großteil der Rollen besetzt, bevor wir das Drehbuch schrieben; zudem hatten wir auch den Drehort schon ziemlich sicher. Für Space Babes haben wir erst mit dem Skript begonnen, als sicher war, dass wir den Stripclub als Drehort bekommen.
Auf meinem Level zwischen No- und Low-Budget ist es sinnlos, ein Drehbuch ohne Einschränkungen zu schreiben, wenn du ohnehin von vornherein weißt, dass es schwierig wird, die nötigen Ressourcen zu beschaffen. Es ist klüger, mit Bedacht daraufhin zu schreiben, was du auch drehen kannst. Ich habe einige fertige Stories, die ich wahrscheinlich nie verfilmen werde, weil der Cast zu riesig und die Anforderungen an die Rolle zu groß ist und zu viele Locations vorkommen. Daher habe ich vor ein paar Jahren aufgehört, diese Art von Geschichten zu schreiben und schreibe nur noch, was sich auch realisieren lässt.

In deinem neuesten Film The Bad Man spielen Sex und Gewalt auch wieder eine wichtige Rolle. Was erwartet unsere Leserschaft?

The Bad Man ist ein psychologischer Horrorfilm über eine Frau und einen Mann, die ihrer Menschlichkeit beraubt werden. Ich dachte, das wäre eine gute Idee für einen Film, da das Einzige, das wir wirklich jemals wirklich besitzen unser physischer Körper und unser Seelenfrieden ist. Wenn der böse Clown in Bad Man also beginnt, die Charaktere in ihrer Erscheinung und in ihrem Verhalten zu ändern, überlegte ich mir: Was wäre erschreckender?

Wie kamst du auf die Idee zu The Bad Man?

Das ist immer eine schwierige Frage. Ich denke Found und Headless haben mich in einen Gemütszustand gebracht, in dem ich meine Grenzen austesten wollte. Ich wollte sehen, wie düster ich werden kann. Und ich denke The Bad Man ist die Antwort darauf. Nichts wird düsterer sein als dieser Film. Ich denke, es war wie eine therapeutische Erfahrung für mich, denn nach The Bad Man werde ich mit meinen Filmen wohl eine andere Richtung einschlagen. Sag niemals nie, denn du weißt nie, was passiert und ein tolles Skript ist ein tolles Skript, aber ich würde gerne spaßigere Horrorfilme drehen, statt dieser dramatischen Horrorfilme, die ich die letzten Jahre gedreht habe. Wir werden sehen, was geschieht.

Wie liefen die Dreharbeiten zu The Bad Man?

Ich liebte den Dreh in der Villa in Michigan. Cast und Crew waren dort abgeschottet für eine Woche. Wir haben dort zusammen übernachtet und gegessen – es war wie ein einwöchiges Sommercamp oder so. Nur, dass es im Januar in Michigan war. Wir arbeiteten wirklich hart, Tag und Nacht. Von zehn Uhr früh bis Mitternacht, aber es hat Spaß gemacht – vor allem im Nachhinein betrachtet.


Das war der erste Teil unseres Interviews mit Scott Schirmer. Im zweiten Teil plaudern wir mit dem Regisseur noch etwas weiter über The Bad Man, Filmzensur, seine Lieblingshorrorfilme und die Schwierigkeiten im Indie-Horror-Bereich.
Hier geht es zum englischen Original.

Interview von Thomas Ortlepp und Florian Halbeisen.

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