The Hills Have Eyes – Hügel der blutigen Augen (2006) – Review

Hügel der blutigen Augen

Neue französische Härte trifft auf Klassiker des Terrorkinos. Wes Cravens Kultfilm The Hills Have Eyes wird unter der Regie von Alexandre Aja einer radikalen Modernisierung unterzogen: Sein Remake ist kompromisslos und hundsgemein.

Originaltitel:
Land:
Laufzeit:
Regie:
Drehbuch:
Cast:

The Hills Have Eyes
USA
107 Minuten
Alexandre Aja
Wes Craven, Alexandre Aja, Grégory Levasseur
Dan Byrd, Emilie de Ravin, Aaron Stanford u.a.

Inhalt

Ethel und „Big Bob“ Carter feiern ihren 50. Hochzeitstag mit einem Roadtrip durch die USA, auf dem sie von ihren drei Kindern Brenda, Bobby und Lynn, Schwiegersohn Doug und Baby Catherine begleitet werden. Deren Begeisterung ist verhalten, als Bob beschließt, die Wohnwagen-Tour durch die Wüste New Mexicos nach San Diego zu lenken. Als sie einen letzten Zwischenstopp an einer einsamen Tankstelle machen, empfiehlt der zwielichtige Besitzer ihnen eine folgenschwere Abkürzung durch die Hügel. Die Familie ahnt nicht, dass sie in eine Falle gelockt wird und das Areal nach zahlreichen Kernwaffentests der Regierung radioaktiv belastet ist. Die Folgen dieses Fallouts bekommen die Carters nach einer Autopanne zu spüren, denn das ehemalige Testgelände wird inzwischen von blutrünstigen Mutanten bevölkert.

Original und Remake

Wes Cravens The Hills Have Eyes von 1977 ist ein Kultfilm des Terrorkinos und so wird der ein oder andere sicher mit den Augen gerollt haben, als 2005 ein Remake angekündigt wurde. Ein heikles Thema, nicht nur unter Horror-Fans. Zu oft lassen Remakes die vorwiegend kommerzielle Ausrichtung des kompletten Projekts durchscheinen und machen ihre Sache deutlich schlechter, als das Original. Beim Hügel der blutigen Augen von 1977 liegt die Sache allerdings etwas anders. An Schockmomenten mangelt es dem Film zwar nicht, aber einige dramaturgische Schwächen fallen dennoch auf und auch die Gewaltdarstellung wirkt aus heutiger Sicht vergleichsweise zahm. Dass der Auftrag zum Remake ausgerechnet vom Regisseur des Originals kam, lässt schon darauf schließen, dass auch Craven mit dem damaligen Ergebnis nicht vollständig zufrieden war.

„Er hat seine Qualitäten, aber er ist nicht so spannend, wie er sein könnte.“, meinte auch Alexandre Aja. Craven kontaktierte ihn, nachdem er High Tension gesehen hatte, dessen Atmosphäre nicht nur stark an das Terrorkino der 1970er Jahre erinnert, sondern laut eigener Aussage auch stark von Cravens Filmen inspiriert ist. Der Franzose unterzog The Hills Have Eyes in der Folge einer radikalen Verjüngungskur und ließ dabei trotzdem seine Wertschätzung für das Original durchscheinen. Das Ergebnis ist ein Remake, das es locker mit der Vorlage aufnehmen kann.

Hügel der blutigen Augen

Brutaler Realismus

Die Handlung bleibt größtenteils unverändert, doch Aja setzt einige neue Akzente. Aus dem Tankwart, der die Familie im Original noch warnt, wird so ein schwacher Opportunist, der den Mutanten hin und wieder Urlauber zuspielt und dafür behalten darf, was an Wertsachen abfällt. Auch die Antagonisten haben sich verändert, sind noch unansehnlicher geworden und hausen nicht mehr in Höhlen, sondern in den Fertighäusern einer eigens erbauten Testsiedlung. Ohne ein paar Horrorbasics kommt auch The Hills Have Eyes nicht aus, so hat das Handy natürlich im entscheidenden Moment keinen Empfang und auch das Magazin ist just dann leer, als der tödliche Schuss abgegeben werden soll. Aber vor allem die Charaktere wurden ausgearbeitet, sind mehr als bloße Horrorstereotypen. Die Carters besitzen individuelle Persönlichkeiten, die Beziehungen innerhalb der Familie sind komplex und die einzelnen Mitglieder haben durchaus ihre Konflikte miteinander. Sie wirken menschlich und authentisch. Dadurch schafft der Film das nötige Identifikationspotential für die qualvollen Szenen, die noch folgen werden. Vielleicht lässt sich The Hills Have Eyes etwas zu viel Zeit mit der Kennenlernphase, doch sobald Aja den Schalter einmal umgelegt hat, gibt es kein Zurück mehr.

Das Remake geizt nicht mit extremen Gewaltdarstellungen. Dank des zurückhaltenden Einsatzes von CGI und der Special Makeup Effects-Expertise von Greg Nicotero (The Walking Dead, The Last House on the Left, Planet Terror), sehen die nicht nur verdammt gut, sondern auch verdammt realistisch aus. Aja dürfte eine der einprägsamsten Szenen der jüngeren Horrorfilm-Geschichte gelungen sein, als er den gekreuzigten Bob lebendig verbrennen ließ, während im Wohnwagen gerade Mutanten über seine Töchter herfallen: Sie vergewaltigen Brenda, saugen an Lynns Brust Muttermilch und richten dabei konsequent die Waffe auf das Baby. Im Detail und in Großaufnahme lässt uns die Kamera an der Traumatisierung und Zerstörung dieser Familie teilhaben, die vollkommen machtlos ist gegenüber den brutalen Zumutungen. Es spielt keine Rolle, dass es am Ende des Films Überlebende gibt; ein Kameraschwenk in die Hügel zeigt, dass auch das nur noch eine Frage der Zeit ist.

Hügel der blutigen Augen

Politische Dimension

Der Film eröffnet mit dem Hinweis auf 331 atmosphärische Kernwaffentests, die zwischen 1945 und 1962 von den USA durchgeführt wurden und deren Auswirkungen auf den menschlichen Organismus die Regierung bis heute leugnet. An dieser Stelle springt Aja bereitwillig ein. Untermalt von 50er-Jahre-Countrysongs sind zunächst Found-Footage-Aufnahmen von Atompilzen zu sehen, bevor The Hills Have Eyes zu Fotos von missgebildeten Embryonen und deformierten Körpern über geht. Das Remake wird hier in seiner Kritik an der US-amerikanischen Atompolitik deutlich konkreter als das Original, wo in der deutschen Synchronfassung aus den Mutanten noch Außerirdische wurden. Besonders originell ist das im Jahr 2006 natürlich nicht mehr, aber es passt perfekt in das anti-amerikanische Programm, das Aja in The Hills Have Eyes fährt.

„Es gibt sicher einen Grund, warum das Original von 1977 so unmittelbar nach Vietnam entstand und mein Remake im Schatten des Irakkriegs gedreht wurde. Nach dem 11. September hat es einen Rechtsruck gegeben, auf den der Horrorfilm jetzt reagiert.“, sagte Aja in einem Interview. In der Tat sind die Carters waschechte Republikaner. Die USA-Fahne auf dem Auto, die Waffen im Kofferraum und ein Gebet auf den Lippen, reist die Familie durchs gelobte Land. Heutzutage würden sie bei ihrem Roadtrip vermutlich rote „Make America Great Again“-Basecaps tragen. Das lässt die Interpretation zu, dass sie an ihrem Schicksal nicht ganz unschuldig sind. „Ihr habt uns zu dem gemacht, was wir geworden sind.“, wirft einer der Mutanten Doug vor, denn die Regierung hatte die Stadtbewohner einst vertrieben um ihre Atomtests durchführen zu können. Doch die Menschen sind stattdessen in die Minen gegangen – und zurückgekommen. Die Carters sind also nicht nur Opfer, sondern zugleich Repräsentanten eines Systems, das andere mutwillig zu Opfern macht und müssen als Stellvertreter ihr Leben lassen. Auch, wenn die Sympathien klar bei der Familie liegen, ist letztlich keine Seite frei von Schuld, mit dem Unterschied, dass die Mutanten sich ihrer Verfehlungen immerhin bewusst sind.

Hügel der blutigen Augen

Klar, eine subtile Polit-Parabel ist das Ganze nicht, aber Aja zieht im Vergleich zum Original mächtig an. Das merkt man vor allem an Doug, der als positive Gegenfigur zu Patriarch Big Bob aufgebaut wird. „Er ist Demokrat – er glaubt nicht an Waffen.“, verspottet sein Schwiegervater ihn. Umso bitterer, dass es ausgerechnet dessen Revolver ist, mit dem die Mutanten später Frau und Tochter erschießen. Ebenso ironisch zeichnet Aja auch Dougs Entwicklung vom liberalen Familienvater zum waffenschwingenden Monsterschlächter nach. Den einen Mutanten ersticht der erklärte Pazifist mit einer USA-Flagge, den anderen erschießt er und wird danach in siegreicher Pose von unten gefilmt, untermalt von klischeehafter Triumphmusik. Doug selbst bleibt zwar ein Sympathieträger, das Narrativ des All-American-Action-Heroes aber wird von Aja deutlich überstrapaziert und dadurch ironisch gebrochen. Wahre Helden gibt es in diesem Film nicht mehr.

Fazit

The Hills Have Eyes ist eine zeitgemäße Neuverfilmung, die nah am Original bleibt und dennoch ihren eigenen Ansatz findet. In stilechter 70er-Jahre-Optik durchlebt die Familie Carter den American Nightmare. Das Remake des Kultfilms greift die gesellschaftskritische Komponente des Originals auf und transferiert sie in unsere Gegenwart. Subtil geht es dabei nicht immer zu, darum geht es aber auch nicht im Terrorfilm: Eine drastische Realität bedarf drastischer Bilder.

Bewertung

SpannungRating: 3 von 5
AtmosphäreRating: 4 von 5
Gewalt rating4_5
Ekel rating3_5
Story Rating: 3 von 5

Bildquelle: The Hills Have Eyes – Hügel der blutigen Augen © 20th Century Fox

Catherin

Horrorfilme… sind die Suche nach Erfahrungen, die man im echten Leben nicht machen möchte. Sie bilden individuelle wie kollektive Ängste ab, zwingen uns zur Auseinandersetzung mit Verdrängtem und kulturell Unerwünschtem – und werden dennoch zur Quelle eines unheimlichen Vergnügens.
Catherin

...und was meinst du?