Hades & Tlmea: Kevin Kopacka im surrealen Farbenrausch

Kevin Kopacka Hades und Tlmea

Schon letzten Jahres im Oktober trat der junge österreichische Künstler Kevin Kopacka, inzwischen in Berlin zu Hause, an mich heran mit zwei Kurzfilmen im Gepäck. Leider muss ich an dieser Stelle gestehen, dass diese im Zuge des Stresses des offiziellen Blog-Launches untergingen.

Glücklicherweise hat mich vor kurzem ein lieber Leser daran erinnert, dass ich doch groß versprochen hatte hier auch unbekannten Talenten Raum geben zu wollen. Angetrieben von meinem schlechten Gewissen habe ich die Sichtung der Kurzfilme schleunigst nachgeholt und könnte mir jetzt in den Arsch beißen, dass ich das nicht schon viel früher gemacht habe. Denn die zwei Produktionen, Hades (2015) und Tlmea (2016), sind einfach nur der pure Wahnsinn – im positivsten Sinne des Wortes.

Hades

Kurze Einstellung von der Protagonistin, ein flackerndes, etwas unscharfes Insert, der Projektor und damit das Intro beginnen zu laufen. Unweigerlich fühle ich mich in die 70er zurückversetzt, auch wenn ich damals höchstens als Gedanke meiner Eltern existierte. Eine Retro-Hommage, die mich an Amer von Hélène Cattet und Bruno Forzani erinnert. Bei der folgenden Farbenpracht kann man auch nicht anders als an Dario Argento und hier insbesondere an Suspiria zu denken.

Noch sind keine 2 Minuten des 15 minütigen Kurzfilms vorbei und Hades löst bei mir schon eine Hülle an Assoziationen aus, wenn auch derzeit vorwiegend stilistischer Natur. Diese Wirkungsweise zieht sich allerdings durch den Film. Hades ist kaum rational verarbeitbar. Grundsätzlich lässt sich die Story, welche auf der Kurzgeschichte „Statusbezogen“ von H.K. DeWitt basiert, wohl darauf herunterbrechen, dass eine junge Frau in einem Albtraum die Geschehnisse der letzten Nacht beziehungsweise ihre gesamte Beziehung „verarbeitet“.

Der Albtraum wird mythologisch strukturiert durch die fünf Flüsse des Hades. Die Überquerung jedes einzelnen Flusses spiegelt dabei eine Phase/einen Aspekt ihrer Beziehung wieder. Es empfiehlt sich übrigens durchaus vor einer zweiten Sichtung sich noch einmal den mythologischen Hintergrund ins Gedächtnis zu rufen, da es doch eine gute Interpretationslandkarte für die Reise der Protagonistin zur Verfügung stellt – und Orientierungshilfen kam man hier gut gebrauchen.

Passend dazu zieht sich ein plätschernder Soundfluss durch den ersten Teil des Filmes, je nach Fluss verändert sich dieser dann jedoch. Gerade die audiovisuelle Symbiose ist für mich eine große Stärke von Hades. Es ist beeindruckend wie Kopacka nicht nur das Visuelle im Sound widerspiegelt, sondern auch die Tonspur visualisiert, sodass beides teilweise ineinander fließt. Hinzu kommt noch der Schnitt, der sich dem Rhythmus anpasst. Ich glaube es ist schwer vorstellbar was ich damit meine ohne den Film gesehen zu haben, aber auf jeden Fall stützt es sehr gut die traumhafte Atmosphäre. Besonders hervorheben muss ich allerdings noch das Cover von „Be My Baby“ – zum Verlieben unheimlich!

Ein surrealer, mythologischer Albtraum, der genau meinen Nerv getroffen hat.

 

Tlmea

Tlmea knüpft nahtlos an Hades an. Wobei das zwar einerseits schon stimmt, anderseits aber gelogen ist. In Kevin Kopackas Traumwelten ist eine nachvollziehbare Chronologie eine eher vernachlässigbare Größe. So haben wir es hier wohl am Ehesten mit einem Albtraum zu tun, der auf zeitgleichen, verbundenen Erlebnissen beruht wie Hades, nur von einer anderen Person geträumt – oder so ähnlich. Parallelen zu Lynch sind erkennbar.

Im Gegensatz zu Hades verzichtet Kopacka dieses Mal nicht auf Dialoge, wenn auch nach wie vor nur sehr dezent eingesetzt. Die Länge wird auf gut das Doppelte gestreckt und stilistisch sind wir nach wie vor beim expressionistischen, surrealen, atmosphärischen Horror à la Argento, Bava, Fulci oder Rollin zu Hause. Nur dieses Mal folgen wir zwei Polizisten durch ihren Alltag beziehungsweise bei ihrer albtraumhaften Reise in den neunten Höllenkreis nach Dante Alighieris Divina Commedia nach Ptolomea – der Hölle für Verräter. Dies hat eine gewisse Ähnlichkeit zum von mir sehr geschätzten türkischen Horroralbtraum Baskin.

Durch die Dialogszenen und durch die vermehrte Verwendung von nicht surrealen inszenierten Szenen wechseln sich in Tlmea realistische und traumhafte Szenen ab – aber natürlich nicht in einer Weise, dass diese klar zuordenbar wären. Dies führt dazu, dass die Grenzen zwischen Realität und Traum verschwimmen, die Grenzen um Raum und Zeit verschwinden. Wir verlieren uns in einem Traum, der als solcher kaum mehr erkennbar ist. Diese Orientierungslosigkeit unterstützt außerordentlich gut die bedrohliche Atmosphäre, die Kopacka aufbaut.

Mit Hilfe dieser Art der Inszenierung und auch durch die längere Laufzeit gewinnt der Film vor allem auf der narrativen Ebene und bereitet damit auch den Weg für einen potentiellen ersten Spielfilm. So sehr ich den assoziativen Charakter von Hades mag, auf rund 90 Minuten ausgedehnt, würde es nicht funktionieren. Darüber hinaus eine Weiterentwicklung des ohnehin schon starken Vorgängers.


Kevin Kopacka sind mit Hades und Tlmea zwei sehr starke Kurzfilme gelungen, die mit ihrem an das surreale, atmosphärische europäische Horrorkino der 70er Jahre angelehnten Stil ganz meinen Geschmack treffen. Es geht mir zudem das Herz auf wenn dies auch noch mit mythologischen Konzepten unterfüttert wird.

Dementsprechend bin ich schon sehr gespannt, was uns Kopacka als Abschluss der Trilogie präsentieren wird und hoffe auf viele weitere grandios inszenierte Albträume.

Florian Halbeisen

2 Kommentare

...und was meinst du?