Interview mit Marian Dora (The Profane Exhibit – Anthology: Interview-Serie #2)

Zum Anthology-Horrorfilm The Profane Exhibit wollen wir heute Marian Dora zu seinen Segmenten „Mors In Tabula I & II“ befragen.


Grüß dich Marian! Danke, dass du dir die Zeit nimmst unsere Fragen zu beantworten. Wie geht es dir?

Dies ist eine sehr gute und interessante Frage, die ich mich mein ganzes Leben gefragt habe. Ich versuche die Frage unter dem Gesichtspunkt eines Filmemachers zu beantworten und die Antwort ist, dass ich sehr glücklich über meine Situation in Deutschland bin! Glaubt mir, ich hasse Deutschland für vieles, aber es ist ein ausgezeichneter Ort für Undergroundfilme, denn es gibt keinen investigativen Journalismus, der die Arbeit erschweren könnte. In der Tat war es nie einfacher in diesem Land Tabus zu brechen – Hetze gegen ausländische Minderheiten, gegen Flüchtlinge, gegen Homosexuelle, gegen die Gleichstellung der Geschlechter und so weiter. Aber ich hatte nie das Gefühl, den Drang Tabus zu brechen, aber darüber hinaus hindert mich auch niemand. Deshalb habe ich hier absolute Freiheit. Ich könnte ein elf Jahre altes Mädchen vor der Kamera töten, ohne dass sich jemand dagegen auflehnt. Ich denke, es gibt keinen anderen vergleichbaren Ort in der Welt. Vielleicht Sulawesi, aber ich bin mir nicht sicher.

Von dir kommen die beiden Segmente „Mors in Tabula 1&2“ aus „The Profane Exhibit“. Kannst Du uns etwas über „Mors In Tabula 1″erzählen? Dieser wurde beim Sadique Master Festival 2016 gezeigt, wird aber im Film schlussendlich nicht zu sehen sein. Warum wurde eine neue Version gedreht?

Nach Beendigung von „Mors in Tabula 1″wenn Ihr es so nennen wollt, erkannte ich, dass ich in der Nacht in der ich drehte zu weit gegangen war und dies vielleicht schwerwiegende Folgen in Amerika haben würde. Deshalb habe ich beschlossen, das Segment zurückziehen.

The Profane Exhibit - Mors in Tabula

Dein zweites Segment handelt von Euthanasie im dritten Reich. Wie gehst du bei so einem brisanten Thema vor?

Als ich meine Entscheidung David Bond (der Produzent) mitteilte, erinnerte er mich, dass es nicht möglich ist für mich, das Projekt zu verlassen. Die einzige Lösung wäre ein alternatives Segment mit dem Titel „Mors in Tabula“ zu drehen. Er schlug ein deutsches Zeitdokument über Euthanasie vor. Somit war „Mors in Tabula 2“ das Gegenteil von „1“. Diesmal drehte ich es in einem Tag – von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang und diesmal wurde niemand verletzt.

„Mors in Tabula 2“ ist in vielerlei Hinsicht verstörend. Wie siehst du den fertigen Kurzfilm?

Was mich am „Profane Exhibit„-Projekt reizte, war mit Filmmeistern wie Ruggero Deodato oder José Mojica Marins zu „konkurrieren“. Deodato drehte sein Segment innerhalb von drei Tagen. Ich wollte wissen, ob meine Arbeit gleichwertig wäre, auch wenn ich mein Segment in nur einem Drittel der damaligen Zeit und mit einem Drittel seines Budgets drehen würde. Ich habe die anderen Segmente bisher nicht gesehen, deshalb ist es nicht möglich für mich über meine eigene Arbeit zu urteilen und deshalb würde ich es sehr begrüßen, wenn der Film veröffentlicht wird.

Wenn Du die Möglichkeit hättest nachträglich etwas zu ändern, würdest Du es tun?

Ich würde wie bei jedem meiner Filme etwas verändern unter besseren Bedingungen. In der Tat gilt dies für mein ganzes Leben.

Die emotionalen Qualen am Set müssen enorm gewesen sein, ansonsten könnte diese Intensität nicht entstehen. Wie versetzt du die Schauspieler in diese Gefühlswelt hinein? Und wie weit bist du emotional involviert?

Die Nacht, in der wir „Mors in Tabula 1“ gedreht haben, war sehr unangenehm. Aber was zählt, ist nur, dass ein Film fertig ist, nicht die Opfer, die ich oder andere bringen müssen. Das „Mors in Tabula 2“-Shooting war sehr locker.

Gibt es einen Wunsch-Schauspieler, mit dem du arbeiten möchtest?

Ich habe immer geträumt von einer Schauspielerin oder einem Schauspieler, welcher alles macht, was die spezifischen Film-Anforderungen verlangen. Ich möchte wirklich niemanden foltern oder verletzen.

Eine Frage zu Revesiting Melancholie der Engel. Im Gespräch mit
Magnus Blomdahl erzählst du von einer nicht in Melancholie der Engel bestehenden, aber gefilmten Szene, in der eine Leiche geschändet wird. War es tatsächlich die Angst vor rechtlichen Konsequenzen oder viel mehr eigene Gewissensbisse, die Szene nicht zu verwenden?

Es gab einige Szenen, die nicht in die Endfassung von Melancholie der Engel enthalten sind, weil Carsten Frank, der Produzent, mich zwang, sie zu entfernen. Und ich musste später sogar noch weitere Szenen entfernen. Er hatte Angst vor rechtlichen Konsequenzen. Es ist lange her, als wir den Film drehten und vielleicht war seine Angst damals berechtigt.

Was hast du für die Zukunft geplant? Gibt es schon etwas zu erzählen über deine kommenden Filmprojekte oder ist es noch zu früh, eine Aussage zu treffen?

Ich fragte mich, was ich mehr mag – Innenaufnahmen und alles kontrollieren zu können oder Außenaufnahmen zu machen mit den Gegebenheiten, die die Natur mir bietet. Deshalb war mein letztes Experiment, zwei Filme hintereinander zu drehen. Einen Film in einem Haus und einen Film draußen jeder in wenigen Tagen.

Der nächste Versuch, der mich interessieren würde, wäre einigen Regisseuren die gleiche Geschichte und die gleichen Umstände in Bezug auf Tage der Dreharbeiten und der Ausstattung zu geben. Ich bin der Auffassung, dass diese Versuchsanordnung faszinierend sein könnte und die Ergebnisse viel über die Persönlichkeit der einzelnen Filmemacher erzählen würde. Ich möchte nicht derjenige sein, der dieses Projekt organisiert, aber vielleicht hat ein Produzent Interesse an diesem Ansatz in der Zukunft.

Ein weiteres Thema, das mich fasziniert ist Zeit als Dimension. Zeit und die ästhetische Veränderung verursacht durch die Zeit. Nehmen wir zum Beispiel den nächsten Kerl den wir in der Straße antreffen: hässlich, lächerlich, wertlos. Dann der gleiche Typ 2000 Jahre später als Mumie in alten Bandagen gewickelt, der Körper verändert die Farbe und die Form, faltig und teilweise zerlegt. Ein Ereignis des Ästhetizismus, alles verändert durch die Zeit.

Aber am wichtigsten für mich ist die weitere Erforschung der wirtschaftlichen Grenzen des Filmemachens. Kleiner und kleiner. Es muss möglich sein einen Spielfilm in voller Länge an einem Tag mit sehenswertem Ergebnis zu drehen. Dies erfordert natürlich Einschränkung in irgendeiner Weise. Aber auch Reinhold Messner erreichte seine erstaunlichen Leistungen, allein und wegen der begrenzten Ausstattung, die er hatte.

Danke, dass du dir die Zeit genommen hast und viel Erfolg weiterhin.

Bildrechte: © Thomas Goersch

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