Es (2017) – Review (Filmfestival Tag 1)

Stephen Kings Es 2017

Wieder einmal verschlägt es uns nach Derry, um uns zusammen mit ein paar Kindern Pennywise und unseren eigenen Ängsten zu stellen.

Originaltitel:
Land:
Laufzeit:
Regie:
Drehbuch:
Vorlage

It
USA/Kanada
135 Minuten
Andy Muschietti
Cary Fukunaga, Chase Palmer, Gary Dauberman
„Es“ von Stephen King (Roman)

Rückkehr nach Derry

Gestern durfte Es endlich auch in Österreich seine Premiere feiern und zwar als Eröffnungsfilm des 8. /slash Filmfestivals. Das Kino war selbstverständlich mit roten Ballons verschönert und auch Georgie war schon da. Im Kino wurde noch gemeinsam ein Ständchen für den Meister geträllert, bevor dann auch endlich der Film startete.

Meine letzte Lektüre von Stephen Kings „Es“ ist leider auch schon wieder rund vier Jahre her, daher kann ich jetzt nicht im Detail sagen, was alles verändert wurde. Wie auch schon bei der TV-Adaption wurde so einiges umgekrempelt und King-Puristen werden wohl verächtlich die Nase rümpfen. Da ich aber ohnehin nichts von 1:1-Verfilmungen halte, begrüßte ich sowas sogar.

Das ungewollte Drehbuch

Weitaus interessanter als die Nähe zur Romanvorlage finde ich allerdings die Produktionsgeschichte, denn dies ist auch eine Geschichte davon, was für ein Film Es hätte werden können.

Die Planung des Films begann schon 2009 und war zuerst auch nicht als Mehrteiler geplant. Erst als Cary Fukunaga (True Detective) und Chase Palmer 2012 einstiegen, wurde der Film geteilt. In dieser Drehbuchphase war Es relativ weit weg von Kings Roman und fokussierte sich wesentlich stärker auf das düstere Drama als auf die Horroraspekte. Als sich das Studio in die kreativen Prozesse einmischte, schieden Fukunaga und Palmer aus und ein Großteil des Drehbuches wurde verworfen, da der unkonventionelle Horrorfilm das Mainstream-Publikum zu wenig bediente.

Fukunagas Skript konzentrierte sich weitaus mehr auf die gesellschaftlichen Drama-Aspekte als auf die Horror-Elemente. Ein größerer Fokus lag auf den Charakterentwicklungen und dem gesellschaftlichen Umfeld. Im Drehbuch von Fukunaga und Palmer ist die Verbindung von Pennywise und Derry wesentlich stärker mit den gesellschaftlichen Problemen der Stadt verknüpft. Daher musste der Blick auch mehr auf der Verkommenheit der Bewohner von Derry gerichtet werden und weniger auf den direkten Taten des Horrorclowns selbst. Zudem wurde die endgültige Variante komplett entsexualisiert und ich spreche hier nicht einmal von der berühmt-berüchtigten Orgien-Szene im Kanal, um die meines Erachtens ohnehin zu viel Wind gemacht wird. Hier gibt es wesentlich entscheidendere Punkte. Sexueller Missbrauch und auch Homosexualität werden vollkommen ausgeblendet, welche in diesem Skript noch wesentlich zur Story beigetragen hätten. Schon an diesen Punkten lässt sich erkennen, dass Fukunaga und Palmer wohl eher an einem kontroversen Drama mit Horrorelementen interessiert waren, was jedoch durchaus dem Geiste des Buches entsprochen hätte.

Natürlich lässt sich nur an Hand eines Skriptes nicht sagen wie gut der Film schlussendlich geworden wäre, aber zumindest hätte er einen modernisierten Blick auf die Vorlage geworfen und viele interessante Themen angeschnitten. Aber diese alternative Version werden wir wohl nie zu Gesicht bekommen.

Pennywise: Bill Skarsgård oder Tim Curry?

Bill Skarsgard als Pennywise

Bill Skarsgård als Pennywise

Was bedeutet das jetzt nun für den von Andy Muschietti (Mama) und Gary Dauberman (Annabelle) realisierten Film? Zuerst einmal natürlich gar nichts, aber es lässt zumindest Rückschlüsse zu auf den kreativen Entstehungsprozess.

Aber tauchen wir doch gleich mal mitten ins Geschehen ein und kommen zu einem der vorab schon meistdiskutiertesten Punkte: Pennywise. Denn schon als die ersten Bilder von Bill Skarsgård (Hemlock Grove) als Pennywise erschienen sind, war das Geschrei groß. Ok, eigentlich war das Geschrei davor schon groß. Denn Remakes sind nach wie vor grundsätzlich des Teufels, und hier macht es auch keinen Unterschied, dass es sich bei Es gar nicht um ein Remake handelt. Wenn dann auch noch kindliche Traumata aufgearbeitet werden, ist endgültig Schicht im Schacht. Somit löste schon die Ankündigung des Films so viele Emotionen aus, dass allein damit ein Hype entstehen hätte können. Und ja, die ersten Porträtposter von Pennywise fand ich auch eher abschreckend, aber Skarsgård stimmte mich sogleich wieder versöhnlich und konnte mich schlussendlich als Pennywise auch voll überzeugen.

Dies liegt einerseits an dem wundervollen Makeup, aber vor allem an Skarsgård selbst. Was der junge Schwede hier abliefert, ist mitunter zum Schreien schön. Gerade sein erster Auftritt mit Georgie ist Gänsehaut pur und leider auch schon der Höhepunkt des Films. Dass es danach abwärts geht, liegt nicht an Pennywise, der ist durchgehend wundervoll, sondern an der Inszenierung und ich mein, Himmelherrgott, was zum Teufel war das? Die Auftritte von Pennywise beschränken sich mehrheitlich auf vorhersehbare Jump-Scares, einen zum Fremdschämen auf die Kamera zurennenden Pennywise und viel Lärm. Gerade wenn ich bedenke, welch nuancierte Mimik Skarsgård in dieser einen Szene an den Tag legt, ist es schlichtweg eine Frechheit wie wenig Raum ihm in den kommenden zwei Stunden gegeben wird. Selten wurde ein so talentierter Schauspieler und großartiger Antagonist dermaßen verheizt.

Dabei wären diese billigen Stilmittel nicht einmal nötig gewesen, denn der Film schafft es oft eine hervorragende Atmosphäre aufzubauen. Dank dem tollen Set-Design von Claude Paré. Auch sind diese zum Teil wunderschön von Chung Chung-hoon, Haus- und Hofkameramann von Park Chan-wook, eingefangen. Gerade mit diesen wundervollen Aufnahmen kann der Film besonders in den eher ruhigeren Momenten voll seine Stärken entfalten.

Der Club der Verlierer

Club der Verlierer

Und wenn wir gerade bei Stärken sind, kommen wir doch sogleich zum Club der Verlierer, denn nicht nur Pennywise ist hervorragend gecastet, sondern auch die Truppe an Jungschauspielern kann sich sehen lassen. Dies ist besonders wichtig, denn wie schon oben beschrieben, wurde leider vieles an Hintergrundgeschichte der Charaktere weggekürzt. Es ist daher ein Segen, dass das Ensemble aus jungen Talenten so wundervoll miteinander harmoniert obwohl ihnen das Drehbuch leider wenig bietet.

Denn nicht nur fehlte deren Hintergrund auch deren Ängste, Sorgen und Träume sind zu einem Großteil entweder nicht in der Geschichte verankert oder dermaßen platt, dass deren Wirkung verpufft. Dies ist besonders fatal, da sich dadurch die bedrohliche Wirkung von Es nicht richtig entfalten kann. So sehr ich also mit dem überaus sympathischen Club der Verlierer mitfiebern möchte, so schwer macht es mir die Geschichte. Die einzelnen Szenen wirken im Gesamtbild etwas unrund und werden oft im Stile von und dann das und dann das und dann das erzählt, wodurch die Erzählung stockend und oft sehr fragmentarisch wirkt. Gerade auch die Auseinandersetzungen mit Schulschläger Henry Bowers und seiner Gefolgschaft wirkt in seiner Dramaturgie zu künstlich. Besonders im Vergleich zum ähnlich gelagerten Stand By Me weist Es hier doch erstaunlich viele Defizite auf.

Abschließend stehe ich der Neuverfilmung von Es mit gemischten Gefühlen gegenüber. Ich habe mich über die Spielzeit von über zwei Stunden keine Minute gelangweilt, wenn auch hie und da etwas geärgert. Auf jeden Fall ist es für mich endlich eine würdige Adaption eines meiner Lieblingsromane im Gegensatz zu der trotz Tim Curry recht schnarchigen TV-Verfilmung. Dennoch bleibt ein fader Beigeschmack vor allem wenn ich an das Drehbuch von Fukunaga denke und was alles aus dem Film hätte werden können.

Es ist unterm Strich ein solider Horror und spielt im oberen Drittel der Kingverfilmungen und trotzdem bleibt er ein Film der vergebenen Chancen.

 

Bewertung

SpannungRating: 3 von 5
AtmosphäreRating: 3 von 5
Gewalt Rating: 2 von 5
Ekel Rating: 1 von 5
Story Rating: 2 von 5

Bildquelle: Es © Warner Bros. Entertainment

Ab 28. September 2017 im Kino!

Florian Halbeisen

Florian Halbeisen

Horrorfilme sind für mich ein Tor zu den unheimlichen, verstaubten Dachböden und finsteren, schmutzigen Kellern der menschlichen Seele. Hier trifft man alles von der Gesellschaft abgeschobene, unerwünschte, geächtete, begrabene: Tod, Schmerz, Angst, Verlust, Gewalt, Fetische, Obsession. Es ist eine Entdeckungsreise auf die "Schutthalde der Zivilisation".
Auf diese Reise würde ich euch gerne mitnehmen.
Florian Halbeisen

...und was meinst du?