Blumhouse’s Der Hexenclub (2020) – Review

Blumhouse's Der Hexenclub

Mit Blumhouse’s Der Hexenclub bekommt ein weiterer beliebter Kultfilm einen neuen Anstrich. Wir haben uns das Werk von Zoe Lister-Jones angeschaut und verraten euch, ob ihr euch dem Coven anschließen solltet.

Originaltitel:The Craft: Legacy
Land:USA/Kanada
Laufzeit:97 Minuten
Regie:Zoe Lister-Jones
Drehbuch:Zoe Lister-Jones
Cast:Cailee Spaeny, Zoey Luna, Gideon Adlon u.a.

1996 erblickte Andrew Flemings Der Hexenclub das Licht der Welt, setzte einen wahren Hexenboom in Gang und ebnete damit den Weg für moderne, neuheidnisch angehauchte Hexenfiguren insbesondere in TV-Serien wie Charmed (1998-2006) oder Buffy – Im Bann der Dämonen (1997-2003). Der Hexenclub ist dabei im Grunde eine recht simple Highschool-Geschichte. Sarah zieht mit ihrem Vater und ihrer Stiefmutter von San Francisco nach Los Angeles und freundet sich dort mit einer Gruppe von Außenseiterinnen an, die Gerüchten zufolge Hexen sein sollen. Andrew Fleming und Co-Autor Peter Filardi nutzten diese Ausgangslage, um sich mit Diskriminierung, Ausgrenzung und Mobbing an Schulen zu beschäftigen – mit dem kleinen Unterschied, dass sie Magie zu der Gleichung hinzufügen. Sprich: was würde passieren, wenn die Ausgestoßenen nicht mehr machtlos wären? Was würden sie mit dieser Macht anfangen? Wie würde sich diese auf die fragilen Dynamiken in einer jugendlichen Clique auswirken? Das Ergebnis ist ein beachtlicher Teenie-Hexen-Horror, der in den letzten rund 25 Jahren eine große Fangemeinde für sich gewinnen konnte.

The Craft: Legacy, so der Originaltitel, versucht nun das Erbe vom Kult-Hexen-Horror anzutreten und scheitert daran – so viel sei schon einmal vorweggenommen – kolossal auf einfach allen Ebenen.
Die Geschichte wird dafür nur minimal abgeändert, wodurch die Protagonistin mit ihrer alleinerziehenden Mutter (Michelle Monaghan, Gone Baby Gone) zu ihrem baldigen Stiefvater Adam (David Duchovny, Akte X) und dessen drei Söhnen zieht.

Schon Der Hexenclub hatte sich eingehend mit Formen der Diskriminierung wie Rassismus auseinandergesetzt und Legacy hat sich auf die Fahnen geschrieben, dies zu modernisieren. Leider kommt dabei nur eine äußerst dünne Beschichtung raus, die schon abblättert kaum dass der Film begonnen hat. Es ist zwar äußerst nobel, dass sich der Film Gleichberechtigung, Antidiskriminierung und Repräsentation von Diversität verschreibt, doch leider hat The Craft: Legacy zu keinem der Themen auch nur irgendwas zu sagen.

So ist Protagonistin Lily (Cailee Spaeny) heterosexuell, weiß und gut situiert, wohingegen der diverse Cast zu nicht viel mehr als Pappfiguren verpflichtet wird, um Spaenys Charakterentwicklung zu unterstützen. In einem vollkommen deplatzierten Dialog, fällt den Freundinnen zum Beispiel plötzlich wieder ein, dass eine von ihnen ja eine Transfrau ist – was in dem Moment keine Rolle spielte und auch im weiteren Verlauf nie wieder thematisiert wird. Nicht etwa weil hier Transsexualität normalisiert und ein Charakter nicht darüber definiert werden soll, was absolut wundervoll wäre, sondern weil Lourdes (Zoey Luna) im Film einfach überhaupt keine Rolle spielt.

Blumhouse's Der Hexenclub

Denn vor lauter aufgesetztem Gehabe vergisst Legacy komplett auf seine Geschichte und, was besonders schmerzt, auf seine Charaktere. Während Lily zumindest noch einen Hauch an Charakterentwicklung zugesprochen bekommt, habe ich bis zum Schluss nicht wirklich mitgekriegt, wie ihre drei Coven-Schwestern überhaupt heißen. Sie spielen schlichtweg überhaupt keine Rolle, wie im Grunde der gesamte Coven vollkommen irrelevant ist. In der Eingangssequenz wird gezeigt, dass die erfahrenen drei Hexen ein Ritual durchführen wollen und erst mittendrin bemerken, dass sie für das Ritual ja eigentlich vier Leute brauchen würden. Super praktisch, dass die neue Mitschülerin per Telekinese Leute durch den Schulflur schubsen kann. Dann noch einmal schnell bei der (ersten) Periode aushelfen und alle sind beste Freunde fürs Leben. Aus dubiosen Gründen sind die dann doch wieder böse aufeinander und am Ende ist alles auch wieder gut – Charakterentwicklung abgeschlossen. Dies ist besonders traurig, da man mit den vorhandenen Charakteren wirklich etwas machen hätte können. Wirklich revolutionär wäre es gewesen, überhaupt Lourdes zur Protagonistin zu machen und die Geschichte aus ihren Augen zu erzählen oder zumindest – wie es schon das Original gemacht hat – uns an den unterschiedlichen Perspektiven der vier Covenmitglieder teilhaben zu lassen.

Blumhouse's Der Hexenclub

Einer der Nebencharaktere darf zudem homosexuell sein, offenbart dies aber natürlich nur, nachdem ihn die Hexen „woke“ gezaubert haben. Ja, ernsthaft, diese Teenagerinnen haben mit ihrer Hexenmacht nichts Besseres zu tun, als einem ihrer Mitschüler eine gehörige Portion Sensibilität in den Leib zu zaubern. Das ist total super, denn man kann diesen jetzt sagen lassen, dass er ein Cis-Mann ist und irgendwas über Heteronormativität weiß. Dabei hat The Craft: Legacy natürlich rein gar nichts über Transgender oder Heteronormativität zu sagen, sondern betreibt reines Namedropping, um zu zeigen, wie offen, liberal und intellektuell er doch ist. Im Gegensatz zum Original steht hier auch kein Kampf gegen sich selbst, die inneren Dämonen oder die Korruption durch Macht im Mittelpunkt, sondern bekommen jetzt ein komplett überzeichnetes patriarchales Feindbild von außen vorgesetzt. Dessen dubioses Ziel ist die Unterdrückung von Frauen – genauer wird es da auch nicht mehr, aber es ist schon immer so gewesen und hat auch irgendwas mit dem Christentum zu tun, weshalb der Antagonist auch subtilerweise Adam heißt und die Protagonistin Lilith – welchem natürlich nur mit der vereinten Kraft der Schwesternschaft entgegen getreten werden kann. Bei Adam ist übrigens von vornherein klar, dass er der Antagonist ist – dafür braucht es nicht einmal seine herabsetzende Sprache gegenüber Lilys Mutter, seinen Law-&-Order-Erziehungsstil oder seine Bücher über die Krise der Männlichkeit, mit denen er durchs Land zieht und gegen die Verweichlichung der Männer anredet.

Blumhouse's Der Hexenclub

The Craft: Legacy wirft oberflächlich mit imposant klingenden Begriffen um sich, ohne dass dabei auch nur annähernd eine tiefere Auseinandersetzung mit irgendwas stattfinden würde. Das ist nicht nur ein ärgerlicher Etikettenschwindel, sondern vor allem auch ein Bärendienst für die Sache. Denn so wichtig Filme sind, die sich mit all diesen Themen auseinandersetzen, so entbehrlich ist dieser dümmliche Pseudo-Feminismus, der über das vollkommen ahnungslose Umsichschmeißen mit Labels nicht hinauskommt.

Blumhouse's Der Hexenclub

Wie schlecht Blumhouse’s Der Hexenclub wirklich ist, merkt man immer dann, wenn er sich selbst direkt mit seinem Vorgänger vergleicht. Die Übernahme ganzer Einstellungen wirkt erstaunlich seelen- und substanzlos, wenn das nötige Fundament fehlt, das die Szenen im Original so herausragend gemacht. Hier gibt es keine ausdifferenzierten Charaktere mit Stärken und Schwächen, Ecken und Kanten, mit denen man gerne mitfiebert und Zeit verbringt, keine fesselnden Charakterentwicklungen und keine Geschichte über Ausgrenzung, Zusammenhalt und innere Dämonen. Legacy ist absolute Belanglosigkeit im flüchtigen Talmiglanz der Weltoffenheit – und das ist furchtbar schade.

 

Bewertung

GrauenRating: 0 von 5
SpannungRating: 1 von 5
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Unterhaltung Rating: 1 von 5
Anspruch rating0_5
GesamtwertungRating: 1 von 5

Bildquelle: Blumhouse’s Der Hexenclub © Sony Pictures Germany

Florian Halbeisen

4 Kommentare

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    In der deutschen DVD-Fassung wird Lourdes überhaupt nicht als trans* geoutet. Haben die das rausgeschnitten? Hast du die englische Originalfassung oder die deutsche Kinofassung gesehen?

    • Florian Halbeisen
      Florian Halbeisen

      Hi Alice,

      interessante Info. Ich habe den Film tatsächlich nur im englischen Originalton gesehen und kann daher über die deutsche Synchronisation nichts sagen. Im O-Ton reden sie darüber, als sie zu Viert in den Wald gehen, dass Babys-bekommen, ja auch schon eine Art Superpower sei. Und das läuft darauf hinaus, dass Lourdes meint:
      „Yeah, it’s all good. Y’all know trans girls got our own magick anyway.“

      Fänd ich krass, wenn sie das für das deutsche Publikum quasi zensiert hätten. Auch wenn ich nicht sehr glücklich über die Rolle an sich bin, so find ich es dennoch stark, dass Zoey Luna hier gecastet wurde für den Part.

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        Ich kann Entwarnung geben. Mit deiner Szenenbeschreibung habe ich es gleich gefunden. Sie sagt auf deutsch genau das, was du geschrieben hast. Wenn man nicht drauf achtet, verpasst man es. Da hätte man mehr draus machen können. Würde man die Figur entfernen, würde es den Film null ändern. Vito-Russo-Test nicht bestanden.

        • Florian Halbeisen
          Florian Halbeisen

          Ahja, und davor ist schon eine Szene, die recht subtil darauf eingeht. Als Lily über ihre Menstruationskrämpfe spricht und die anderen zwei mit „Been there“/“Same“ antworten und Lou mit „Can’t relate, but sorry“. Find ich als kleines kind of Foreshadowing sogar ganz elegant, wenn man denn mit der Rolle schlussendlich auch was machen würde.
          Ja, es ist echt schade, was hier an Potential verschenkt wurde. Es spielt ja nicht nur Lou überhaupt keine Rolle, der gesamte Coven ist im Grunde ziemlich irrelevant für fast die gesamte Geschichte.

...und was meinst du?