Antebellum (2020) – Review

Antebellum

In Antebellum konfrontieren Gerard Bush und Christopher Renz uns mit einer unbarmherzigen Vergangenheit der US-Geschichte und ihren langen Armen in die Gegenwart.

Originaltitel:Antebellum
Land:USA
Laufzeit:105 Minuten
Regie:Gerard Bush, Christopher Renz
Drehbuch:Gerard Bush, Christopher Renz
Cast:anelle Monáe, Eric Lange, Jena Malone u.a.

Inhalt

Die erfolgreiche Sozialforscherin Veronica Henley hat alles, was man unter Erfolg verstehen kann. Eine angesehene Stellung, ein großes Haus, eine liebende Familie. Doch plötzlich findet sie sich in einem historischen Alptraum wieder, als persönliche Sklavin namens Eden eines weißen Generals der Südstaaten im Antebellum, der Zeit kurz vor den Sezessionskriegen, geprägt von Sklaverei und Zwangsumsiedelungen im Zuge der aufkommenden Baumwollproduktion. Fernab jeglicher moderner Technik inmitten unbekannter Ödnis, jeder Fluchtversuch setzt das eigene Leben aufs Spiel. Denn Schwarze zählen hier nichts. Wo ist sie gelandet und wie kann sie dieser höllischen Realität wieder entkommen?

Kritik

Antebellum ist einer der Filme, die 2020 von vielen mit großer Hoffnung erwartet wurden und sie werden nicht enttäuscht. Drehbuchautoren und Regie-Duo Gerard Bush und Christopher Renz  haben sich nach einigen Kurzfilmen wieder zusammen getan und üben sich auf packende Weise in Geschichtsaufarbeitung. Mit jeder Szene ist die Recherchearbeit dahinter zu spüren, die Auferstehung der Vergangenheit maximal real wirken zu lassen. Die Kulisse ist wunderbar ausgestaltet, die architektonische Bauweise und die Kleidung dieser Zeit originalgetreu nachempfunden.

Antebellum

Janelle Monáe (Hidden Figures) brilliert als Veronica/Eden mit ihrer Fähigkeit, trotz minimalem Einsatz von Mimik eine Bandbreite an Gedanken und Emotionen zu übertragen. Ihre scheinbar unaufgeregte Art hätte desinteressiert wirken können, stattdessen zeigt sie einen nach außen schwer bemerkbaren generationenalten Schmerz, ein Feuer, das sich im Laufe des Films immer mühsamer im Zaum halten lässt und sich schlussendlich buchstäblich im Außen manifestiert. Jena Malone (The Neon Demon) gibt als Tochter des Generals, Elizabeth, hierzu die perfekte Gegenspielerin, deren minimale Mimik vor Süffisanz und menschlicher Kälte nur so trieft. Gerade dass diese beiden Frauen es schaffen, einen derart charakterlich extremen Gegensatz zu erzeugen, hält mich als Zuschauerin bei der Stange.

Antebellum setzt Gegensätze als wirkungsvolles Stilmittel ein. Sei es im Aufbau der Story, die immer wieder zwischen dem modernen New York und der Baumwollplantage wechselt, den Klassenunterschieden einer reichen, beruflich erfolgreichen Veronica und der mittellosen Eden, die nicht einmal einen eigenen Namen hat, den charakterlichen Gegensätzen zwischen Edens Feuer und Elizabeth‘ Kälte oder der plakativen Darstellung von guten Sklaven und bösen Konföderierten.

Antebellum

Bedauerlicherweise wird der Film seinen großen Ambitionen nicht gerecht und kratzt oft nur an der Oberfläche seiner Möglichkeiten. Viel zu oft und viel zu lang wird auf die Barbareien im Antebellum referiert bis hin zu dem Ausmaß, dass die Grausamkeiten in ihrer Ausführlichkeit einen unangenehmen Beigeschmack von Exploitation bekommen. Ja, wir verstehen es, Sklaverei war furchtbar und ein Leben in willkürlicher Abhängigkeit steht im krassen Gegensatz zu der vielgenannten modernen Welt. Doch allein Gegensätze zu präsentieren führt weder automatisch zu einer Auseinandersetzung mit, noch zu einer Reflexion ebendieser Gegensätze. Wenn die Idee darin bestand, mit diesem Film auf die Spuren der amerikanischen Geschichte aufmerksam zu machen, die sich bis heute weiter tragen, dann kommt gerade diese Botschaft zu kurz. Eine Handvoll rassistischer Mikroaggressionen ist bekannterweise nur die Spitze des Eisberges eines nicht aufgearbeiteten Geschichtsverständnisses. Als schwarze Person in den modernen USA auch von Dienstleistungspersonal nicht ernstgenommen zu werden oder aufgrund der Hautfarbe unabhängig vom Geldbeutel im Nobelrestaurant einen Tisch neben der Küche zu bekommen, das sind kleine Sticheleien auf individueller Ebene. Die großen Auswirkungen strukturellen Rassismus sind nicht einmal als Randnotiz erkennbar. Gerade das Ende setzt das verschenkte Potential noch einmal gut in Szene. Das Problem wird allein auf einer individuellen Ebene gelöst, die grausame Geschichte als Geschichte quasi ausgelöscht und als modernes Happy End verkauft. Veronicas krönender Abschluss mag emotional ein befriedigendes Ende sein aber er bleibt ein Einzelschicksal ohne Kontext.

Schlussendlich ist es das, was Antebellum zu einem insgesamt eher nicht zufriedenstellendem Filmerlebnis macht. Trotz präzise eingesetzter Stilmittel und hervorragendem Schauspiel bleibt die vielversprechende Erkenntnis aus und zurück ein eher schaler Beigeschmack.

Bewertung

GrauenRating: 3 von 5
SpannungRating: 2 von 5
Härte rating4_5
Unterhaltung Rating: 1 von 5
Anspruch Rating: 2 von 5
GesamtwertungRating: 2 von 5

Bildquelle:Antebellum © Lionsgate

Heike
Letzte Artikel von Heike (Alle anzeigen)

...und was meinst du?