Der schwarze Engel (2018) – Review

El Ángel

Ein Gesicht wie ein Engel, doch eine Biografie, die eines Teufels würdig wäre: Unter der Produktion von Pedro Almodóvar wandelt Der schwarze Engel auf den Spuren eines berühmt-berüchtigten argentinischen Serienmörders und pfeift dabei auf jegliche Genre-Konventionen.

Originaltitel:
Land:
Laufzeit:
Regie:
Drehbuch:
Cast:

El Ángel
Argentinien, Spanien
118 Minuten
Luis Ortega
Luis Ortega, Rodolfo Palacios, Sergio Olguín
Lorenzo Ferro, Cecilia Roth, Luis Gnecco u.a.

Inhalt & Hintergründe

Buenos Aires, 1971: Der 17-jährige Carlitos (Lorenzo Ferro) ist ein Junge aus der Mittelschicht, dessen Eltern sich für ihn ein aufrechtes und ehrliches Leben wünschen. Langweilig, meint der Sohnemann und vertreibt sich die Zeit lieber mit gelegentlichen Beutezügen. Aufregung und Spaß bedeuten ihm mehr als die Regeln einer Gesellschaft, in der scheinbar niemand außer ihm wirklich frei sein will. Gleichgesinnte findet er in seinem Mitschüler Ramón (Chino Darín), der selbst aus einem kriminellen Elternhaus stammt, und dessen drogenabhängigem Vater José (Daniel Fanego), der Carlitos‘ Talent erkennt und ihn unter seine Fittiche nimmt. Gemeinsam planen die Drei immer größere Raubzüge, bei denen die Gewalt zunehmend eskaliert und schon bald das erste Menschenleben fordert …

Während andere 20-jährige noch im Hotel Mama logieren, hatte der Argentinier Carlos Eduardo Robledo Puch in diesem Alter bereits den Zenit seiner kriminellen Karriere überschritten. 11 Morde, 17 Raubüberfälle und zig weitere Verbrechen gingen zum Zeitpunkt seiner Verhaftung im Jahr 1972 auf das Konto des Youngsters, den die Presse aufgrund seiner Jugendlichkeit und Schönheit nur „den schwarzen Engel“ nannte. Für seine Taten wurde er zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt, die er bis zum heutigen Tage absitzt und damit der am längsten inhaftierte Gefangene Argentiniens ist.

Das Milchgesicht mit der Knarre

Der schwarze Engel ist kein typisches Biopic. Obwohl der Film auf wahren Begebenheiten beruht, verspürt er nicht das Bedürfnis, seinen Zuschauern diese Tatsache permanent aufs Brot zu schmieren. Im Zuge des Erfolgs von True-Crime-Dramen und Filmbiografien wie Extremely Wicked, Shockingly Evil and Vile, die mit beinahe schon dokumentarischem Gestus ans Werk gehen, ist das überaus erfrischend. Regisseur Luis Ortega nimmt sich diverse künstlerische Freiheiten heraus und erspart uns dafür im Gegenzug jegliche Zeit- und Texttafeln, die Auskunft über das weitere Leben des Protagonisten nach seiner Verhaftung geben würden. Wer zuvor nicht wusste, dass Der schwarze Engel die Geschichte eines realen Serienmörders erzählt, der weiß es auch nach dem Ende des Films nicht.

El Ángel

Die Kamera liebt das Gesicht von Hauptdarsteller Lorenzo Ferro. Beinahe zärtlich fährt sie über die aufgeworfenen Lippen, die goldenen Locken und den androgynen Körper des Jünglings mit dem verführerisch-leeren Blick. Von dieser Figur geht eine Faszination aus, die umso stärker wird, wenn man um die Abgründe weiß, die sich hinter der engelhaften Fassade verbergen. Der schwarze Engel kreist vor allem um diesen Kontrast. Die unschuldigen Gesichtszüge des jungen Carlitos wollen nicht recht passen zu den blutigen Raubzügen, die er gemeinsam mit Ramón unternimmt und selbst José, ein erfahrener Gesetzloser, unterschätzt ihn zunächst.

El Ángel

Carlitos ist wie ein schwarzer Monolith, an dessen Oberfläche selbst der intensivste Blick abprallen muss. Der Film verspricht also gerade keine Seelenschau eines Serienmörders, über dessen Motive wir im Verlauf der Handlung kaum etwas erfahren. Erklärungen für seine Taten verwehrt Der schwarze Engel uns konsequent. Während sein Kompagnon aus einem kriminellen Elternhaus kommt, das durch die Handlung hinweg immer wieder durch eine fragwürdige Moral auffällt, entstammt Carlitos einer Familie mit bürgerlich-biederen Wertvorstellungen. Der Versuchung der Gewalt erliegt er dennoch, aber sie ist ursprungslos – keine schicksalhafte Biografie und kein sozial schwaches Milieu können als Entlastungszeugen aufgerufen werden, um die Taten einzuordnen oder zu verstehen. Mit dieser Ungewissheit muss der Zuschauer umgehen.

Außerordentlich brutal sind die Morde allerdings nicht. Ortega inszeniert sie bewusst unspektakulär und verliert sich nicht in blutigen Körperspektakeln. Verstörend ist nicht die eskalierende Gewalt, sondern Carlitos‘ Reaktion, etwa wenn er von einem alten Mann, dem er soeben in die Brust geschossen hat, wissen will, ob „alles okay“ sei. In dieser Frage liegt weder Hohn noch Reue, sie zeigt Carlitos ganz als grausames Kind. Die Gewalt wird hier geradezu beiläufig erzählt, was sie umso erschreckender macht.

El Ángel

Rausch ohne Tiefe

Im Kern erzählt Der schwarze Engel eine klassische Gangsterballade vom Aufstieg und Fall eines gesetzlosen Helden. Obwohl Carlitos‘ besonderes Talent als Dieb nie weiter ausgeführt wird, erarbeitet er sich im Verlauf des Films einen Ruf als berühmt-berüchtigter „schwarzer Engel“. Da der Held aber letztlich ein Teenager bleibt, auf der Suche nach sich selbst, ist der Film gleichzeitig eine außergewöhnliche Coming-of-Age-Geschichte. Carlitos bummelt sich durch den Film, steckt hin und wieder etwas ein, starrt mit leerem Blick in die Szenerie oder bringt eben jemanden um. Vollkommen ziellos entlädt sich die Gewalt auf die zufälligen Opfer, ebenso ziellos ist auch der Verursacher dieser Gewalt.

El Ángel

Bei einer Länge von knapp zwei Stunden – die der Film sicher nicht gebraucht hätte – kann das mitunter langatmig werden. Die distanzierte und entschleunigte Erzählweise lädt nicht gerade zum Mitfiebern ein, zudem verlässt sich Der schwarze Engel spätestens ab der zweiten Hälfte zu sehr auf seine Bilder und vernachlässigt darüber die Handlung. Der Kontrast zwischen Carlitos‘ jugendlicher Schönheit und der Grausamkeit seiner Taten trägt nicht über die komplette Laufzeit, doch Ortega hat sich augenscheinlich selbst in seiner hypnotischen Hauptfigur verloren und stagniert in der Erzählung. Der Film suggeriert, dass unter der plakativen Oberfläche, hinter dem enorm reduzierten Spiel von Hauptdarsteller Lorenzo Ferro etwas brodelt – doch er füllt diese Leere mit nichts an. Stattdessen gefällt er sich in Anspielungen, die konsequent konsequenzlos bleiben.

Diese Wort- und Handlungskargheit kompensiert Der schwarze Engel allerdings durch seine betörende Ästhetik. Ortega begeistert mit einem bunten, poppigen Stil und einer starken Bildsprache. Beinahe jede Einstellung taugt zum Postermotiv. Als schickes 70er-Jahre-Revival überzeugt der Film mit seinem farbenfrohen Look und liefert mit Latin-Coverversionen von bekannten Pop-Hits der Zeit auch gleich den passenden Soundtrack. Die stylische Inszenierung sorgt mit starken visuellen Impulsen für einen rauschhaften Sehgenuss, der sich selbst genügt.

El Ángel

Fazit

Das ungewöhnliche Biopic über den argentinischen Serienmörder Carlos Eduardo Robledo Puch, der als „schwarzer Engel“ bekannt wurde, gibt herzlich wenig auf Genre-Konventionen. Wer einen actionreichen Thriller oder gar ein tiefschürfendes Psychogramm erwartet, der wird hier enttäuscht. Regisseur Luis Ortega ist kein klassischer Erzähler, dafür ein Schöpfer faszinierend-knalliger Bildwelten. Ein ungewöhnlicher Genre-Beitrag, der aus der Oberflächlichkeit eine Tugend macht und sich ganz dem visuellen Rausch verschreibt.

Bewertung

GrauenRating: 2 von 5
SpannungRating: 2 von 5
Härte Rating: 2 von 5
Unterhaltung Rating: 3 von 5
Anspruch Rating: 3 von 5
GesamtwertungRating: 4 von 5

Bildquelle: Der schwarze Engel © Koch Media

Catherin

Horrorfilme… sind die Suche nach Erfahrungen, die man im echten Leben nicht machen möchte. Sie bilden individuelle wie kollektive Ängste ab, zwingen uns zur Auseinandersetzung mit Verdrängtem und kulturell Unerwünschtem – und werden dennoch zur Quelle eines unheimlichen Vergnügens.
Catherin

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