Ginger Snaps – Das Biest in Dir (2000) – Review

Ginger Snaps

Kurz nach der Jahrtausendwende hätte wohl kaum jemand damit gerechnet, dass man dem Subgenre des Werwolf-Films noch viel Neues abgewinnen kann. Im Jahr 2000 hat es Regisseur John Fawcett dennoch geschafft, eben diesem mit einer ganz besonderen und blutigen Coming-of-Age-Geschichte frischen Wind zu verleihen.

Originaltitel:
Land:
Laufzeit:
Regie:
Drehbuch:
Cast:

Ginger Snaps
Kanada
103 Minuten
John Fawcett
Karen Walton, John Fawcett
Katharine Isabelle, Emily Perkins u.a.

Die beiden Schwestern Brigitte (Emily Perkins, Stephen Kings Es), oder einfach nur „B“ genannt, und ihre ein Jahr ältere Schwester Ginger (Katharine Isabelle, American Mary) sind Außenseiter an ihrer Schule. Statt sich in ihrer Freizeit mit anderen Jugendlichen in ihrem Alter zu treffen, verbringen sie ihre Tage lieber damit, grausige Tode nachzustellen und sich dabei gegenseitig zu fotografieren. Ein anderes Hobby als die geteilte Faszination für den Tod haben die beiden nicht, auch mit Jungs hat keine von ihnen was am Hut.
Eines Nachts wird Ginger auf einem Spielplatz von einer animalischen Kreatur angefallen und gebissen. Die Veränderungen, die ihr Körper und Geist daraufhin erleben, sind allerdings nicht nur pubertärer Natur…

Die Grundidee, die hinter Ginger Snaps steckt, ist selbst, wenn man ohne jegliches Vorwissen an den Film herangeht, recht schnell und eindeutig zu entschlüsseln. Nachdem Ginger nämlich gebissen wurde, durchlebt ihr Wesen eine radikale Veränderung, in der sie sich von einer zurückgezogenen Außenseiterin, mit selbstauferlegter sexueller Enthaltsamkeit, zur gleichermaßen selbstbewussten wie auch blutdurstigen Femme Fatale entwickelt. Ihr gesteigertes Verlangen nach aktiv gelebter Sexualität wird immer unbändiger und animalischer und geht dabei stets mit unkontrollierbaren Gewaltausbrüchen Hand in Hand. Die Symbolik der Verwandlung ist hier ziemlich eindeutig und so wird der offensichtliche Zusammenhang vielleicht etwas plump dargestellt, indem der Biss in der Nacht ihrer ersten Periode geschieht, aber dies tut der Grundstimmung glücklicherweise keinen Abbruch.
Da das Subgenre des Werwolf-Films in der Geschichte schon häufig als Rahmen für Coming-of-Age-Geschichten gedient hat, ist es nicht verwunderlich, dass sich dieser Thematik auch noch zu Beginn des 21. Jahrhunderts angenommen wird. Ginger Snaps hebt sich jedoch positiv von seinen Genrekollegen ab, indem er ausschließlich das Erwachen der weiblichen Sexualität thematisiert und nicht, wie sonst üblich, das von Jünglingen. Dies ist es, was den Film so erfrischend und anders macht.

Ginger Snaps

Darüber hinaus bietet Ginger Snaps aber nicht nur eben diese Allegorie auf das Einsetzen natürlicher sexueller Triebe während der Pubertät, sondern weiß auch von seiner Metaebene losgelöst als Werwolfs-Horror auf voller Linie zu überzeugen. Die tief verankerte rebellische Attitüde der beiden Schwestern, die sich, wenn man sie denn einer bestimmten Szene zuordnen wollen würde, irgendwo zwischen Emos und Goths bewegen, sorgt von Anfang an für eine unangenehme Vorahnung, dass das Ende der beiden kein gutes sein wird. Zu treffsicher sind die von ihnen nachgestellten Todesszenen inszeniert, zu stark ihr Drang, dem öden und spießigen Alltagsdasein mit erhobenem Mittelfinger für immer zu entfliehen. Ihr gemeinsamer Schwur „Out by sixteen or dead in the scene“, der einen gemeinsamen Suizid vorsieht, wird bald schon zu viel mehr als einem theoretischen Leitspruch der beiden werden.

Ginger Snaps

Dass Ginger diesen wesentlich ernster nimmt als ihre Schwester, wird mit dem Voranschreiten ihrer Verwandlung immer deutlicher. Denn während sich Ginger ihres veränderten Wesens vollkommen bewusst ihren erwachten Trieben hingibt, ist es Brigitte, die krampfhaft versucht, ein Gegenmittel für die bevorstehende Verwandlung zu finden. Dass es ausgerechnet ein Drogendealer von der Highschool ist, der die ganze Werwolfs-Geschichte ohne argwöhnisches Hinterfragen direkt schluckt und Brigitte mit Rat und Tat zur Seite steht, mag vielleicht etwas aufgesetzt wirken. Auch, dass er ohne jeglichen Background anscheinend über ausreichend Wissen verfügt, um ihr vermeintlich tatsächlich behilflich zu sein, könnte einem beim Zuschauen etwas säuerlich aufstoßen. Mit einem zerrütteten Elternhaus wird dann noch das letzte Stereotyp aus dem Hut gezaubert, das der Film so in dieser Form nicht unbedingt nötig gehabt hätte. Andererseits sorgen eben diese typischen Genremomente im Zusammenspiel mit der leicht trashigen Darstellung des Wolfes für einen angenehm altmodischen Charme, der dem Streifen sehr zugute kommt.

Ginger Snaps

Letztendlich würde es dem Film nicht gerecht werden, ihn nur auf seine erfrischende Art des Umgangs mit dem Erwachen weiblicher Sexualität im Kleid eines Werwolf-Films zu beschränken. Letzten Endes ist es zwar dieser Aspekt, der Ginger Snaps so besonders und ganz gewiss auch zu einem der besten Werwolf-Filme aller Zeiten macht, allerdings funktioniert er genau wie The Cabin in the Woods auf beiden Ebenen ausgezeichnet. Mit seiner gut umgesetzten Metaebene kann Ginger Snaps sicher als geistiger Vorreiter für Filme wie RawBlue My Mind oder auch When Animals Dream gesehen werden. Darüber hinaus verbindet er aber auch noch die Coming-of-Age-Thematik gekonnt mit blutigen Horrorelementen, zynischem schwarzen Humor und einer tollen Chemie zwischen den beiden Hauptdarstellerinnen. Ein würdiger Beitrag zum Horrorgenre, zu dem des Werwolf-Films sowieso, den man definitiv gesehen haben sollte.

 

Bewertung

GrauenRating: 2 von 5
SpannungRating: 3 von 5
Härte Rating: 2 von 5
Unterhaltung Rating: 4 von 5
Anspruch Rating: 2 von 5
GesamtwertungRating: 4 von 5

Bildquelle: Ginger Snaps – Das Biest in Dir © NSM Records

Robert

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