Errementari (2017) – Review

Errementari

6.000 Jahre in the Making: Das vielleicht älteste Märchen der Welt findet in dem baskischen Film Errementari seine erste filmische Umsetzung. Einst schloss ein Schmied mit dem Teufel einen Handel ab, doch jeder Handel hat seinen Preis… Ein düsterer Fantasy-Film vor dem Hintergrund des spanischen Bürgerkriegs 1833-1840.

Originaltitel:
Land:
Laufzeit:
Regie:
Drehbuch:
Cast:

Errementari
Spanien
99 Minuten
Paul Urkijo Alijo
Paul Urkijo Alijo, Asier Guerricaechebarría
Kandido Uranga, Uma Bracaglia, Eneko Sagardoy u.a.

Inhalt

1836, irgendwo im Baskenland, mitten in den blutigen Wirren des spanischen Bürgerkrieges zwischen dem liberalen Königshaus und kirchlich unterstützten Absolutisten: Eine königstreue spanische Militäreinheit hat einen Goldtransport der aufständischen Basken angegriffen und richtet nun die Revoluzzer per Standgericht hin. Doch einer der Männer will partout nicht sterben; der Pfarrer erkennt in ihm gar den Teufel, bevor er, wie die Soldaten, von ihm getötet wird.

Acht Jahre später: Der Regierungsbeamte Alfredo (Ramón Agirre, El a de la bestia) kommt in ein kleines baskisches Provinznest. Er ist auf der Suche nach Patxi (Kandido Uranga, Backwoods – Die Jagd beginnt), einem Schmied, stößt jedoch rasch auf den Aberglauben der Einheimischen. Der Schmied soll ein böser, brutaler Mensch sein, der mit dem Teufel im Bunde steht, so flüstern die Männer im Wirtshaus. Erst, als sie bemerken, dass Alfredo offenbar im Regierungsauftrag nach einer im Krieg verschwundenen Goldladung sucht, sind sie bereit, ihn zum verrufenen Schmied zu begleiten. Doch der Besuch gerät zum fürchterlichen Fiasko.

Der Schmied Patxi (Kandido Uranga) in seiner Kampf- und Arbeitsmonitur. Im Hintergrund geben die Dörfler Fersengeld…

Etwas erfolgreicher ist da die kleine, ebenso beherzte wie rebellische Usue. Der selbstbewussten Halbwaisen, die im örtlichen Kloster erzogen wird und alles andere als beliebt ist, gelingt, was allen anderen im Dorf verwehrt bleibt: Sie stiehlt sich heimlich in die Schmiede. Doch was sie dort findet, verschlägt ihr die Sprache, denn der alte Schmied ist keineswegs alleine. In einem Käfig hält er einen kleinen Jungen gefangen, der sie anfleht, ihn zu befreien. Was sie nicht weiß: Der kleine Junge ist gar kein kleiner Junge, sondern der Dämon Sartael …

Kritik

Errementari: Der Schmied und der Teufel basiert auf dem alten baskischen Märchen “Patxi Errementaria“. Der Version eines Märchens, welches in vielen Ländern der Erde erzählt wird. Es war ein Bestandteil der ersten Ausgabe der „Hausmärchen der Gebrüder Grimm“ (1812). Sein Alter wird auf 6.000 Jahre geschätzt, womit es in der Bronzezeit entstanden wäre. Damit ist es eines der ältesten überlieferten Märchen der Welt, wenn nicht sogar das älteste, wobei es in vielen verschiedenen Formen erzählt wird und darüber hinaus in veränderter Form auch in andere Märchen einfloss.

Im Märchen geht es um einen Schmied, der einen Handel mit dem Teufel abschließt – ein Leben im Reichtum für die Seele! Doch der gewitzte Schmied schafft es selbstverständlich, den dummen Teufel auszutricksen. Denn der Teufel kommt nicht umhin, sich provozieren zu lassen, sich daraufhin beweisen zu wollen und damit in die Falle des Schmieds zu tappen. In den erzählten Märchen wird dem Teufel meist seine Verwandlungsgabe zum Verhängnis, wenn er etwa winzig klein durch ein Schlüsselloch fahren soll – und sich plötzlich auf der anderen Seite in einem Sack gefangen wiederfindet. In der baskischen Version heißt der Schmied Patxi und ist schlimmer als der Teufel selbst. Im Film sind es die Erbsen, die der Höllendiener unbedingt zählen muss, und die dazu beitragen, dass er ein Gefangener bleibt.

Sartael (Eneko Sagardoy) mag zwar nur ein Diener der Hölle sein, aber der Dreizack hat es auch ihm angetan…

In ähnlicher Weise erging es dem Filmemacher, der für die Umsetzung des Films im Korsett eines mageren Budgets von drei Millionen Euro gefangen war, weswegen er die Storyboards umschreiben und auch ein deutlich spektakuläreres Finale den finanziellen Zwängen opfern musste. Dass der Film unter äußerst unwirtlichen, winterlichen Bedingungen gedreht wurde, kam erschwerend hinzu.

Alex de la Iglesia, der mit Witching & Bitching einen nicht nur atmosphärisch ähnlichen Film drehte, produzierte den Streifen. Er dürfte für Paul Urkijo Alijo, der mit Errementari nach mehreren Kurzfilmen sein Spielfilmdebüt als Autor und Regisseur gibt, wohl ein ähnlicher Einfluss sein, wie Terry Gilliam. Gilliam, den Alijo zu seinen Lieblingsregisseuren zählt, wandelte mit Brothers Grimm bereits auf ähnlichen Pfaden. Selbst wenn Alijo in Interviews sagte, dass er sich nicht bewusst an seinen Vorbildern orientierte, so verleugnete er deren Einfluss nicht. Auch Guillermo del Toros Pans Labyrinth, gerade auch wegen der jungen, weiblichen Hauptfigur, Tim Currys Teufel in Legende oder die TV-Serie The Storyteller zählen hierzu.

Die kleine Usue (Uma Bracaglia) vor der Schmiede. Die Kreuze sollen Böses abhalten…

Man sieht und spürt diese Einflüsse in den düsteren Bildern, schwarzen Schatten oder dem roten Licht der Schmiede. Dabei ist der Horror eher von spielerischer Natur – so, wie man es sich im Märchen vorstellen würde. Häufig schwingt ein Hauch von Humor mit, selbst wenn das Drama hinter der gruselig-humorvoll-phantastischen Geschichte tieftraurig ist. Die Kameraarbeit und Beleuchtung sind, wie die Sets, sehr gelungen. Alijo gelingt es vor allem auch dank dieser Kulisse, eine märchenhaft-düstere Atmosphäre zu erzeugen; dabei verlässt er sich überwiegend auf praktische Effekte.

Zudem fügen sich die schauspielerischen Leistungen der hierzulande eher unbekannten oder, wie im Fall der kleinen Uma Bracaglia, debütierenden Darsteller, nahtlos in das gelungene, wenngleich nicht ganz perfekte Werk ein. Besonders der Darsteller des Dämons, Eneko Sagardoy, der genüsslich den Teufel spielt, sticht noch einmal heraus. Der Newcomer wurde für seine Rolle im baskischen Historiendrama Handia u.a. mit einem Goya (bedeutender spanischer Filmpreis) ausgezeichnet. Auch die Kostüme und Ausstattung sind gut ausgewählt. Die altbaskische Sprache, der Originalton, welcher der deutschen Synchronisation vorzuziehen ist, ist fast schon ein Alleinstellungsmerkmal.

Der Regierungsbeamte Alfredo (Ramón Agirre) bei seinen Ermittlungen.

Hie und da kann Alijo natürlich weder seine Unerfahrenheit noch das knappe Budget verleugnen; manche Szenen und Perspektivwechsel wirken nicht ganz ausgereift. Ebenso ist das Tempo nicht immer gelungen. Die Nebencharaktere kommen überwiegend nicht über schematische Charakterzeichnungen hinaus; inwieweit es an der Unerfahrenheit, den widrigen Drehbedingungen oder am knappen Budget liegt, sei einmal dahingestellt. Insgesamt wirkt das Filmdebüt, mit dem der Regisseur sich thematisch einen Jugendtraum verwirklicht, aber schon recht geschlossen und trotz eines nicht völlig funktionierenden Wechsels des Erzähltons durchaus stilsicher.

Wer einen Horrorfilm erwartet, wird enttäuscht werden, denn Errementari ist tief in der Welt der Märchen verwurzelt, eine düster-tragische Phantasmagorie. So fantastisch das vordergründige Thema des Schmieds und des Teufels auch ist, so real sind die Hintergründe: der erste Karlistenkrieg, die menschlichen Verhaltensweisen und gruppendynamischen Prozesse in kleinen, abgeschlossenen Dörfern, die Bedeutung von Religion, von Geld, von Macht, Verlust und Trauer, das Misstrauen gegenüber Fremden, die abergläubische Furcht vor Mythen und Legenden. So wie vor dem Schmied, der einen Handel mit dem Teufel schloss.

Fazit

Errementari: Der Schmied und der Teufel ist ein düsteres Märchen, das sich an ein erwachsenes Publikum wendet. Dabei ist der Film ebenso tief in den klassischen Märchen verwurzelt, wie in der baskischen Geschichte. Der günstig produzierte Film ist zwar nicht perfekt, aber spannend und unterhaltsam in Szene gesetzt.

Bewertung

SpannungRating: 3 von 5
AtmosphäreRating: 4 von 5
Gewalt Rating: 1 von 5
Ekel Rating: 0 von 5
Story Rating: 4 von 5

Bildquelle: Errementari © Netflix    

Stephan Lydike

Horrorfilme sind eines der Genres des Films, den ich in seiner Gesamtheit seit meiner frühesten Kindheit und der ersten Begegnung mit den Kreaturen des Ray Harryhausen fast schon abgöttisch liebe. Im Horrorfilm taucht der Zuschauer nicht nur bis zu den Abgründen der menschlichen Seele, sondern häufig weitaus tiefer.
Stephan Lydike

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