Suspiria (2018) – Review

Suspiria (2018)

Luca Guadagnino wagt sich an einen heiligen Gral des Horrorgenres: Dario Argentos Suspiria. Was daraus entsteht, hat mit der Inspirationsquelle nur noch wenig gemein und ist vielleicht gerade deswegen eines der beeindruckendsten Remakes aller Zeiten.

Originaltitel:
Land:
Laufzeit:
Regie:
Drehbuch:
Vorlage:
Cast:

Suspiria
Italien/USA
152 Minuten
Luca Guadagnino
David Kajganich
„Suspiria“ von Dario Argento
Dakota Johnson, Tilda Swinton, Mia Goth u.a.

1. Akt: Die Inspiration

Dario Argentos Suspiria gilt unter vielen Horrorfans als einer der besten Horrorfilme aller Zeiten und dies durchaus zu Recht. Auch nach 40 Jahren hat der Film kaum etwas von seiner audiovisuellen Faszination verloren und insbesondere der außergewöhnliche Score von Goblin vermag mich jedes Mal aufs Neue zu verzaubern. Es waren dementsprechend riesige Fußstapfen, in die Regisseur Luca Guadagnino trat.
Was sich schon in den Trailern andeutet, wird in den ersten Minuten zur Gewissheit: Von einer Kopie könnte dieser Film nicht weiter entfernt sein. Guadagnino und Drehbuchautor David Kajganich verlegen die Handlung vom sonnenverwöhnten, pittoresken Freiburg im Breisgau ins verregnete, geteilte Berlin des Jahres 1977. Wohl nicht ganz zufällig jenes Jahr in dem Argentos Original das Licht der Welt erblickte. Anstatt grell leuchtenden Farben, erwarten uns hier matte Farbtöne, die zum 70er-Jahre-Flair perfekt passen. Anstatt der kraftvollen Klänge von Goblin, sind von Radiohead Thom Yorke eher leisere Töne zu hören.

2. Akt: Die Geschichte

Inhaltlich haben beide Filme die Grundprämisse gemein. Susie Bannion kommt aus den USA in die Tanzschule von Helena Markos, um vorzutanzen. Zuerst belächelt, kann sie jedoch die Tanzlehrerinnen und vor allem Madame Blanc von sich überzeugen und wird aufgenommen. Damit ist Susie noch nicht zufrieden. Sie will an die Spitze der Tanzschule – die Hauptrolle im aktuellen Stück „Volk“. Dessen ungeachtet bemerkt sie von Anbeginn, dass irgendetwas an diesem Ort nicht mit rechten Dingen zugeht. Zwei Schülerinnen verschwinden kurz vor und nach ihrer Ankunft spurlos. Während sich Susie dadurch nicht von ihrem Vorhaben abbringen lässt, beginnt Sara, mit der sich Susie angefreundet hatte, den Geheimnissen auf den Grund zu gehen …

Wer das Original kennt, weiß genau worauf dies jetzt hinauslaufen wird, denn neben derselben Ausgangslage greift Guadagnino auch die Mythologie rund um die drei mächtigen Hexen Mater Suspiriorum (Mutter der Seufzer), Mater Tenebrarum (Mutter der Dunkelheit) und Mater Lachrymarum (Mutter der Tränen) auf. Aber abgesehen davon, dass wir es mit Hexen zu tun bekommen, hat das Remake mit seiner Inspiration wenig gemein. Kajganich und Guadagnino haben hier einige Überraschungen bereit, die die Geschichte über die gesamte Spieldauer unberechenbar und dementsprechend auch spannend halten.

3. Akt: Der Stil

Wie oben schon angesprochen, geht Guadagnino visuell gänzlich andere Wege als Argento. Dies war definitiv eine gute Entscheidung, denn Argentos visuellen Stil zu kopieren, hätte nur in die Hose gehen können. Das Remake ist im Gegensatz zum zeitlosen Original sehr darum bemüht, nicht nur das Setting historisch akkurat zu gestalten, welches beeindruckend ist, sondern auch wie ein Film aus den 70ern zu wirken. So kommt es zu dem witzigen Effekt, dass das Original teilweise sogar moderner wirkt, als das Remake. Durch entsprechenden Schnitt und teilweise übertriebene Kamerazooms und -schwenks, fühlte ich mich erst recht in die 70er versetzt.
Dieses Stilmittel wird jedoch nie im Übermaß eingesetzt und dient vor allem in den Anfangsszenen dazu eine bestimmte Grundstimmung zu erzeugen. Darüber hinaus arbeitet Kameramann Sayombhu Mukdeeprom viel mit Spiegeln. Gerade die Aufnahmen im verspiegelten Tanztheater sind atemberaubend.
Was ebenfalls stark an den Performances liegt. Mit den fast archaischen Mitteln des Ausdruckstanzes ist der Film nicht nur sehr ästhetisch anzusehen, sondern der bzw. die Körper werden Teil der Musik; da werden Atmung und Bewegung, Schlagen und Stampfen, Stöhnen und Seufzen zum rhythmusgebenden Element, in das der eigene Herzschlag einstimmt.

Suspiria (2018)

4. Akt: Die Besetzung

In den Tanzszenen sticht vor allem Dakota Johnson (Bad Times at the El Royale) hervor, die in die Rolle der Susie Bannion schlüpft. Sie hat sich von Größen wie Mary Wigman, Martha Graham und Pina Bausch inspirieren lassen, um die rohe Energie einer ungeschulten, aber talentierten Tänzerin vor die Kamera bringen zu können. Ihr schüchternes Auftreten wird durch ihre starke Körperlichkeit beim Ausdruckstanz kontrastiert, was die zwei Seiten ihrer Figur noch stärker zur Geltung kommen lässt. Allgemein beweist Johnson, dass sie mehr kann als Twilight-Fan-Fiction.
Chloë Grace Moretz (Let Me In) ist gewohnt eindrucksvoll und verleiht dem Film als Patricia den nötigen Kick zu Beginn. Mia Goth (A Cure for Wellness) als Sara gibt eine der besten Leistungen ihrer bisherigen Karriere. Dazu bekommen wir in Nebenrollen noch so großartige Schauspielerinnen wie Angela Winkler (Die Blechtrommel), Sylvie Testud (La vie en rose) und viele andere zu sehen, aber auch Jessica Harper, die im Original Suzie Bannion verkörperte.
Über allem thront jedoch die unvergleichliche Tilda Swinton (We Need to Talk About Kevin), die wir hier gleich in drei Rollen bestaunen dürfen. Einerseits als Doppelführung des Hexenzirkels in Form von Madame Blanc und Helena Markos, andererseits als Psychotherapeut Dr. Josef Klemperer, welcher offiziell von einem gewissen Lutz Ebersdorf verkörpert wurde. Hier geht auch mein voller Respekt an Prosthetics Makeup Designer Mark Coulier für diese wundervolle Arbeit – inklusive Penis-Prothese. Tilda Swinton hat eine Ausstrahlung, die mich jedes Mal erneut in ihren Bann zieht.
Das Zusammenspiel dieser beiden ausdrucksstarken Persönlichkeiten war ein visuelles Erlebnis sondergleichen. Ohne große Dialoge schaffen es die beiden Schauspielerinnen allein schon in ihrer körperlichen Stellung zueinander viel zu transportieren, wodurch das Geschehen immer sehr dynamisch wirkt.

Suspiria (2018)

5. Akt: Das Grauen

Nach den ganzen Ausführungen höre ich manche jetzt schon skeptisch fragen: Ich steh ja total auf Ausdruckstanz, aber wo bleibt der Horror?
Keine Angst, auch dieser kommt keineswegs zu kurz. Suspiria bietet grausame, markerschütternde Bilder, wie ich sie schon lange nicht mehr gesehen habe. Ich kann mich nicht erinnern, wann ich mich im Kinosaal zuletzt so gewunden habe. Allerdings sind diese Szenen rar gesät. Weitaus häufiger wird auf surreale, albtraumhafte Szenen zurückgegriffen, die jedoch nie dem reinen Selbstzweck dienen, sondern entweder die Handlung vorantreiben oder uns etwas über die Charaktere verraten. Am häufigsten arbeitet der Film mit seiner paranoiden Grundstimmung. Guadagnino setzt diese einzelnen Elemente sehr geschickt ein. Schon sehr früh drückt er uns mit aller Gewalt in den Kinosaal und macht uns bewusst, Freunde, das wird kein Kindergeburtstag. Somit wissen wir, zu was die Antagonisten fähig sind und vor allem auch, dass sich der Film nicht scheut dies zu zeigen. Fortan kann Guadagnino entspannt mit unsrer Erwartungshaltung spielen und hat es gar nicht mehr nötig uns mit Blut und Gedärmen zu überschütten. Das macht Suspiria im Endeffekt nur umso wirkungsvoller.
Einen großen Verdienst daran hat das Sounddesign, welches nicht nur bei den Tanzszenen für die nötige rhythmische Geräuschkulisse sorgt, sondern vor allem auch die Horrorsequenzen perfekt zum Tragen kommen lässt.

Suspiria (2018)6. Akt: Die Interpretation

An dieser Stelle könnte ich noch auf die Fülle an Interpretationsmöglichkeiten eingehen. Warum werden im Film Lacan und „Die Psychologie der Übertragung“ von C.G. Jung erwähnt und was hat das mit dem Film zu tun? Wie schlägt der Film einen Bogen vom Nationalsozialismus zum deutschen Herbst und was verbindet beides mit Hexenzirkeln? Wieso wird Ulrike Meinhof im Film als Hexe betitelt? Suspiria bietet hier eine Flut an Andeutungen und Referenzen mit deren Analysen man etliche Seiten füllen – und ich würde euch einladen das zu tun. Der Film bietet eine hervorragende Grundlage für Diskussionen über Schuld, Scham und Vergangenheitsbewältigung. Über Emanzipation, Generationenkonflikte und die Erneuerung im Chaos. Und über alles was der Film in euch ansprechen mag.
Auf diese spannenden Verflechtungen will ich jedoch in einem eigenen Artikel eingehen (Teil 1: Das Ende; Teil 2: Interpretationsversuche).

Epilog

Suspiria ist ein Monstrum von einem Film, der auch viele vor den Kopf stoßen wird. Insbesondere jene, die sich einen weiteren Argento erwarten. Ich empfehle jedoch wirklich den Film unabhängig von seiner Inspiration als eigenständiges Werk zu sehen. Er ist dann zwar immer noch keine leichte Kost, aber es wird euch definitiv leichter fallen, euch darauf einlassen zu können.
Der Film glänzt mit einer beeindruckenden Ästhetik, starkem Schauspiel und einer intensiven Atmosphäre. Zudem ist er voll an gesellschaftspolitischem Subtext und Verweisen, sodass es unendlich viel zu entdecken und für sich zu deuten gibt, was zumindest mir irre viel Spaß gemacht hat und immer noch tut.
Guadagnino schafft eine tolle Mischung aus Tanzfilm, Nachkriegsdrama und Horrorfilm. Und die wirklich große Überraschung daran: die einzelnen Elemente verschmelzen nahtlos zu einem runden, harmonischen Ganzen. Insbesondere eine inzwischen schon berühmt-berüchtigte Szene vereint Tanz und Horror in ästhetischer und grausamer Perfektion. Selten hat mich eine Montage in einem derartigen Ausmaß fasziniert und schockiert.
Zum Ende hin lädt Guadagnino noch einmal alles nach, was er noch in Reserve hatte und schießt aus vollen Rohren auf alles was sich noch bewegt. Ein Finale, das mich innerlich hat aufjubeln lassen. So ist der unbändige Jubel auch einen Tag später nicht verflogen und ich kann es kaum erwarten, den Film ein zweites Mal zu sehen.

 

Bewertung

SpannungRating: 3 von 5
AtmosphäreRating: 5 von 5
Gewalt rating4_5
Ekel Rating: 2 von 5
Story Rating: 5 von 5

Bildquelle: Suspiria © Amazon Studios

Florian Halbeisen

Florian Halbeisen

Horrorfilme sind für mich ein Tor zu den unheimlichen, verstaubten Dachböden und finsteren, schmutzigen Kellern der menschlichen Seele. Hier trifft man alles von der Gesellschaft abgeschobene, unerwünschte, geächtete, begrabene: Tod, Schmerz, Angst, Verlust, Gewalt, Fetische, Obsession. Es ist eine Entdeckungsreise auf die "Schutthalde der Zivilisation".
Auf diese Reise würde ich euch gerne mitnehmen.
Florian Halbeisen

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5 Kommentare

...und was meinst du?