#124: Bram Stokers Dracula (1992) – Review

Bram Stokers Dracula

Wenn der Regisseur von Der Pate und Apocalypse Now Bram Stokers Dracula neu verfilmt und Gary Oldman und Anthony Hopkins die Hauptrollen spielen, ist das Resultat außergewöhnlich.

Originaltitel:
Land:
Laufzeit:
Regie:
Drehbuch:
Vorlage:

Dracula
USA
128 Minuten
Francis Ford Coppola
James V. Hart
„Dracula“ von Bram Stoker (Roman)

Europa im 15. Jahrhundert: Die Osmanen eroberten Konstantinopel und fallen nun in Europa ein. Der rumänische Prinz Dracul stellt sich ihnen siegreich entgegen, doch aufgrund einer List der Invasoren nimmt sich Draculs Frau Elisabetha das Leben. Dracul verflucht Gott, von dem er sich verraten fühlt und wendet sich vom Christentum ab, weil diese seine Frau nicht nur nicht beschützten, sondern wegen ihres Freitodes zudem exkommunizierten.

Über vierhundert Jahre später, im Jahr 1897, reist der junge Anwalt Jonathan Harker nach Transsilvanien zur Burg des Grafen Dracula. Dort soll er den Kauf eines Anwesens in London finalisieren, denn sein Vorgänger ist dem Wahnsinn anheimgefallen. Harker ist mit der jungen Mina Murray verlobt, von der er ein Bild mit sich führt, das er Dracula zeigt. Allerdings ist dieser Graf niemand anderes als der zum Vampir-Dasein verdammte Dracul und Mina Murray gleicht seiner Elisabetha bis aufs Haar. Er setzt Harker auf seiner Burg fest und macht sich auf nach London, um Mina für sich zu erobern. Ist er erfolgreich, wäre Mina verdammt…

Nachdem Winona Ryder (Stranger Things) eine Rolle in Der Pate 3 absagen musste, lenkte sie Coppolas Interesse auf das bereits existierende Drehbuch von James V. Hart und Coppola sagte zu, den Film zu drehen. Coppola wollte den Film anders gestalten als alle bisherigen Dracula-Filme; so legte er den Fokus mehr auf eine neu eingebrachte Romanze als lediglich die vorhandene, altbekannte Gruselgeschichte mit modernen Schockeffekten zu erneuern. Der gesamte Film wirkt auch eher wie eine viktorianische Schauerromanze als wie ein moderner Horrorfilm. Er verlegte den Fokus von dem Schrecken des Vampirs und des langsam um sich greifenden Grauens auf eine unsterbliche Liebe zwischen Dracul und Elisabetha/Mina. Diese Verlegung des Fokus von einer Gruselgeschichte zu einer Romanze wurde zwar einerseits kritisiert, da sie dem Vampir einen Teil seiner Wirkung nimmt. Andererseits trägt sie aber als besonderes Merkmal zu der außergewöhnlichen Atmosphäre bei. Coppola versteht es, die Tragödie, die der Fürst Dracula durchleben muss, und seinen Zorn auf Gott und die Welt zu vermitteln. Darauf aufbauend zeigt er nachvollziehbar auch, wieso Dracula Mina Murray so begehrt und wieso sie ihm schließlich verfällt. Dieser Dracula ist ein starker, ebenso charismatischer wie erfahrener Charakter, dem sogar die Naturgesetze gehorchen. Wie könnte da eine junge, unschuldige Mina Murray widerstehen?

Zudem erweiterte Coppola den Background des Grafen Dracula mit der Geschichte des wahren Fürsten Vlad Tepes (Vlad II. Dracul), der sich den Osmanen entgegenstellte. Bram Stoker wusste nicht viel über diese geschichtsträchtige Figur, die dennoch als Vorlage für seinen Dracula diente. Für den Film wurde da genauer recherchiert. So wurde Vlad Tepes auf der einen Seite von seinen Feinden wegen seiner rigorosen Härte gefürchtet, so ließ er etwa Gefangene bei lebendigem Leib pfählen, was ihm den Beinamen „Der Pfähler“ einbrachte. Auf der anderen Seite gilt Tepes bis heute als Volksheld in Rumänien, was natürlich wiederum für ihn als starke historische Figur spricht.

Neben diesen diskussionswürdigen Erneuerungen darf man jedoch nicht übersehen, dass sich Coppola in anderen Details sehr genau an die Vorlage hält. So kann sich Dracula wie im Roman auch bei Tageslicht bewegen, Murnau hatte dies mit Nosferatu verändert und seitdem quasi jeder andere Film übernommen; zudem gleicht die Erzählstruktur häufig der Form der Vorlage. Und auch die finale Jagd auf Dracula ist nah an der Vorlage, ja selbst die erste Begegnung von Harker und dem Kutscher ist so buchgetreu wie möglich wiedergegeben. Auch das Jahr, in dem die Handlung spielt, ist ein Querverweis auf Bram Stoker, der den Roman im Jahr 1897 schrieb.

Bram Stokers Dracula

Winona Ryder empfahl Coppola nicht nur das Drehbuch, sondern schlug zudem einige Schauspieler vor, mit denen sie die Rollen gern besetzt hätte. So wurden neben Ryder die beiden Top-Stars Gary Oldman (Hannibal) als Dracula und Anthony Hopkins (Das Schweigen der Lämmer) als Van Helsing gecastet. Dazu wurden Frauenschwarm Keanu Reeves (Im Auftrag des Teufels) als Harker, Rock Star Tom Waits (Wolfen) als Renfield sowie Cary Elwes (Saw), Billy Campbell (Helix) und Richard E. Grant (Warlock – Satans Sohn) als Werber um die Hand von Mina Murras Freundin Lucy Westenra (Sadie Frost, Die Krays) engagiert. In einer kleinen Nebenrolle ist Monica Bellucci (Pakt der Wölfe) als eine von Draculas Bräuten zu entdecken. Coppola stand somit ein gleichermaßen erfahrenes und begabtes Schauspielerensemble zur Verfügung, aus welchem der formidable Gary Oldman herausragt.

Mit zwei Ausnahmen wissen auch die anderen Darsteller völlig zu überzeugen. Laut mancher Quellen hätte Coppola wohl Johnny Depp in der Rolle von Harker bevorzugt, aus Marketinggründen wählte das Studio jedoch Keanu Reeves. In den passenden Rollen weiß Reeves auch durchaus zu gefallen, die Rolle des englischen Anwalts passt jedoch nicht zu ihm. Besonders negativ macht sich das in seiner monotonen Stimme und seinem misslungenen Akzent bemerkbar, vor allem in den kleinen Erzählparts. Winona Ryder ist eigentlich eine talentierte Schauspielerin und so wie ihre Rolle verlangt zart und unschuldig, bleibt neben den anderen Schauspielern darüber hinaus aber leider blass.

Das Ensemble fand sich auf Betreiben des Regisseurs hin zu Teambuildung-Maßnahmen zusammen und las dabei auch die Romanvorlage gemeinsam innerhalb von zwei Tagen laut vor. Danach stellte Coppola den Schauspielern verschiedene Aufgaben, die diese gruppenweise lösen mussten. Gary Oldman nahm speziell für seine Rolle sogar Gesangsunterricht, um Draculas Stimme eine Oktave tiefer und somit düsterer zu gestalten. Coppolas Maßnahmen fruchteten und die Schauspieler füllen ihre Rollen mit Leben aus, tragen als Ensemble mit ihrer Leistung zur Qualität des Films bei.

Francis Ford Coppola

Francis Ford Coppola am Set von Dracula

Coppola verzichtete bewusst auf den Einsatz von aufwendigen modernen Special Effects und CGI. Dafür nutzte er althergebrachte Spezialeffekte wie Überblendungen, Miniatur-Modelle, besondere Aufnahmetechniken, Body Doubles und Malereien. Auch dies hat einen ganz eigenen Reiz, der den Film über thematisch ähnliche Filme hebt.

Für den Soundtrack engagierte Coppola den renommierten polnischen Komponisten Wojciech Kilar, dessen wunderbarer Score die Handlung einfühlsam unterstreicht. Die opulenten Szenen, gerade in Transsilvanien, aber auch etwa auf Londons Straßen und auf dem herrschaftlichen Anwesen, wirken teilweise wie gemalt. Dies liegt sowohl an der gekonnten, ebenfalls mit einem Oscar ausgezeichneten Kameraarbeit von Michael Ballhaus als auch an den Szenenbildern selbst.

Ein weiterer großer Pluspunkt sind die Oscar-prämierten Kostüme von Eiko Ishioka. Diese wurden Gemälden und Tieren nachempfunden und in der Farbgebung den Charakteren angepasst. So diente Gustav Klimts „Der Kuss“ als Vorlage für ein Kleid von Dracula; Renfields Zwangsjacke wurde einem Erdwurm nachempfunden und Mina und Lucy tragen Kleider, deren Farbtöne und Muster sie in ihrer Rolle als Draculas Opfer prädestinieren.

Der Film wurde von Kritikern als zu brutal kritisiert und sie gaben dem Film keine großen Chancen an den Kinokassen. Coppola ließ nach einem ersten Screening auch fünfundzwanzig Minuten Film herausschneiden (Vergleich Rohfassung/Endfassung). Der Film spielte über zweihundert Millionen ein und war unter den Top 10-Erfolgen des Jahres 1992.

Leider gibt es ein paar Abstriche, so weist leider die Handlung hier und da ein paar Brüche auf, was sich aber angesichts der gebotenen Bilderpracht verschmerzen lässt.

Der Film wurde für vier Oscars nominiert, wobei er diesen Preis in drei Kategorien erhielt. Wenn man sich vergegenwärtigt, welche Rolle Horrorfilme in Hollywood bis dahin spielten, erkennt man, welchen Stellenwert diese Auszeichnungen und damit der Film haben. Bram Stokers Dracula ist zwar ein umstrittenes und leider nicht formvollendetes Horror-Drama, das jedoch aus den zuvor genannten Gründen eindeutig aus der Masse an Vampirfilmen herausragt. Coppola machte mit Bram Stokers Dracula den Horrorfilm wieder mainstreamfähig.

 

Bewertung

SpannungRating: 4 von 5
AtmosphäreRating: 5 von 5
Gewalt Rating: 3 von 5
Ekel Rating: 2 von 5
Story Rating: 3 von 5

Bildquelle: Bram Stokers Dracula © Sony Pictures Home Entertainment

Stephan Lydike

Stephan Lydike

Horrorfilme sind der Stoff aus den Albträumen, der im besten Fall zu dem Stoff in den Albträumen wird.
Stephan Lydike

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