Alfred Hitchcock: Eine Gebrauchsanweisung

Ihr kennt noch kaum einen Film von Alfred Hitchcock, wollt das aber dringend ändern? Wir haben für euch die perfekte Gebrauchsanweisung, wo ihr anfangen und was ihr noch aufschieben solltet. Viel Spaß!

Einleitung

Der britische Regisseur Alfred Hitchcock gehört zu den einflussreichsten Filmemachern aller Zeiten. Seine Vorliebe für das Thriller-Genre brachte ihm den ehrenvollen Titel Master of Suspense ein. Noch heute prägen hitchcock’sche Motive wie der unschuldig Verfolgte und Stilmittel wie Suspense oder MacGuffin das Genre.

Es erwarten euch somit wahre Perlen der Filmgeschichte. Doch bei einem solch cineastischen Giganten, mit über 50 Spielfilmen und etlichen TV-Produktionen, kann es schnell mal überfordernd sein, sich überhaupt an das Œuvre heranzuwagen. Deswegen findet ihr hier die perfekte Gebrauchsanweisung für Alfred Hitchcock, in der ihr erfahrt, wo ihr am besten anfangt, was ihr danach schauen solltet, welche Filme sich für den Beginn überhaupt nicht eignen und welche Geheimtipps noch auf euch warten.

Grundsätzlich lässt sich das Schaffen Hitchcocks in unterschiedliche Phasen unterteilen. Zunächst wäre hier seine britische Phase mit einigen Stummfilmen in den 20er und 30er Jahren. Im Anschluss an seine Emigration in die USA während des Zweiten Weltkriegs arbeitete Hitchcock in den 40ern unter Produzent David O. Selznick. 1948 folgte dann die erste Produktion unter der selbst gegründeten Produktionsfirma Transatlantic Pictures, die Hitchcock ein unabhängiges Arbeiten sichern sollte. Selbst nach der Insolvenz des Unternehmens blieb Hitchcock Produzent bei all seinen folgenden Spielfilmen. Mitte der 50er bis Mitte der 60er erlangte Hitchcock dann auch seinen cineastischen Höhepunkt, bevor der Brite aus gesundheitlichen Gründen in der Spätphase seines Schaffens etwas kürzer treten musste.

Psycho (1960)

Wo soll ich anfangen?

Wenn ihr mit Hitchcock anfangen wollt, würden wir grundsätzlich die britische Phase, jene unter Selznick und die Spätwerke ausblenden. Selznick hat Hitchcocks Handschrift zu sehr verwaschen und die anderen zwei Phasen sind zu sperrig für den Start.

Das heißt wir tauchen ein in die Hochphase Hitchcocks Schaffen und hier eignen sich unseres Erachtens vor allem zwei Filme für einen entspannten Einstieg. Zum einen ist dies Das Fenster zum Hof, der sich um den Fotografen Jeff (James Stewart) dreht, der aufgrund eines Unfalls dazu gezwungen ist, den heißen Sommer mit eingegipstem Bein an seinem Fenster zum Innenhof zu verbringen. Er verbringt seine Tage damit seine Nachbarn zu beobachten, bis er eines Tages glaubt, Zeuge eines Mordes geworden zu sein. Sollte euch die Geschichte bekannt vorkommen, ist das kein Wunder, wurde sie doch schon etliche Male kopiert. Doch keiner der zahlreichen Epigonen kann bis heute Hitchcocks unvergleichlichem Meisterwerk das Wasser reichen. Das Fenster zum Hof ist eine vielschichtige Reflexion über das Medium Film selbst, über die voyeuristische Rolle des Publikums und die Leinwand als ein Portal in unbekannte Welten. Die absolute Subjektivität der Prämisse sorgt dafür, dass man wider besseren Wissens früher oder später ebenfalls beginnt, die wenigen Schnipsel fremder Privatleben zu einem wirren Geflecht aus Eventualitäten zusammenzusetzen, bis man sich – genau wie Jeff – Hals über Kopf im schwindelerregenden Konstrukt der eigenen Fantasie verliert. Das Fenster zum Hof bietet dadurch einen durchwegs spannenden Film, der zudem durch die hinreißende Darstellung von Grace Kelly zu bezaubern weiß, die ebenso anmutig wie wortgewandt ist und die gesamte Szenerie durch scharfsinnigen und intelligenten Humor bereichert. Somit ist Das Fenster zum Hof ein perfekter Start in das Œuvre des Briten.
Nicht minder hinreißend ist Der unsichtbare Dritte, in dem Roger (Cary Grant) fälschlicherweise für einen feindlichen Spion gehalten und aus heiterem Himmel von Agenten entführt wird. Er kann entkommen, doch ist dies der Beginn einer abenteuerlichen Flucht quer durch die Staaten. In kaum einem anderen Film von Hitchcock wird eben jenes Lieblingsmotiv des unschuldig Verfolgten so schön zelebriert und mit hohem Tempo wie auch humorvoll inszeniert.

Das Fenster zum Hof (1954)

Wo soll ich weitermachen?

Solltet ihr Blut geleckt haben, empfehlen wir weiterhin in Hitchs Hochphase zu bleiben und hier tiefer zu graben.
Jetzt ist auch der richtige Zeitpunkt, um sich an eines der ganz großen Meisterwerke des Briten zu machen: Vertigo. Hier steigt Hitchcock zu Höchstleistungen auf. Um den der Höhenangst eigenen Schwindel für die Zuschauer*innen erlebbar zu machen, entwickelt er sogar eine eigene Kameratechnik aus Dolly und Zoom, die das Subjekt scheinbar still hält während sich der Hintergrund entfernt: Der Vertigo-Effekt, der bis heute in vielen Filmen Einsatz findet. Neben dem gezielten Einsatz des Vertigo-Effekts bietet sich den Zuschauer:innen eine weite Bandbreite cineastischer Kunstfertigkeit. Dank dem gezielten Einsatz von Filtern und Zeichnungen werden Träume und Wahnvorstellungen leuchtend hervorgehoben. Aber auch abseits davon glänzt der Film mit einer packenden Story, die dank einem raffinierten Perspektivenwechsel quasi doppelt an Spannung gewinnt. Alles in allem ist Vertigo ein cineastisches Meisterwerk, ein reich geschmückter Psychothriller, der mit jeder Vorführung mehr zu beeindrucken weiß.
Wer es etwas ruhiger angehen will, greift am besten zum Kammerspiel Bei Anruf Mord, auch wenn dieser bei Hitchcock selbst nicht sehr beliebt gewesen sein soll. Der Film erspinnt einen Plot, der dermaßen knifflig ist, dass einem der Kopf qualmt. Vielfach überschlagen sich die Ereignisse und entwickeln sich in Richtungen, die vollkommen unvorhersehbar sind. Das außergewöhnlich gute Drehbuch wird mit typischen inszenatorischen Finessen Hitchcocks verknüpft, wenn zum Beispiel Kamerabewegungen und Framing die Brisanz bestimmter Situationen unterstreichen oder die Verwirrung und Einengung von Figuren widerspiegeln. Bei Anruf Mord macht sich seine schwindelerregenden Wendungen zu nutzen, um ein enormes Maß an Spannung zu erzeugen. Hitchcock beweist mit diesem Film eindrucksvoll, wieso er als Master of Suspense in die Filmgeschichte eingegangen ist: Nicht nur sind diverse Schlüsselszenen zum Nägelkauen intensiv, sondern auch die Unvorhersehbarkeit der Handlung hält die Aufmerksamkeit die gesamte Laufzeit über hoch.
Und zuletzt solltet ihr unbedingt auch noch einen Blick in Der Fremde im Zug werfen, denn kaum ein anderer Film zeigt Hitchcocks Kunstfertigkeit in Bezug auf Suspense so schön auf wie dieser Streifen. Hier vereinen sich viele Charakteristika von Hitchcocks Werken zu einem wundervollen Ganzen.

Bei Anruf Mord (1954)

Wo soll ich besser nicht anfangen?

Die beliebtesten und bekanntesten Werke des Masters of Suspense könnten eventuell besonders einladend wirken, um mit Hitchcock durchzustarten, aber bei einigen Werken würden wir dennoch explizit abraten, diese als Einstieg zu schauen. Gerade Psycho und Die Vögel dürften hier besonders verlockend sein. Doch genau diese zwei Werke sind die einzigen Horrorfilme in Hitchcocks Filmographie und würden daher falsche Erwartungshaltungen wecken. Aus diesem Grund empfehlen wir, lieber mit den für Hitchcock typischen Thrillern zu beginnen und erst später als willkommene Abwechslung seine zwei Horror-Perlen genießen.
Ebenfalls sehr beliebt, aber für den Start eher ungeeignet ist der Gothic-Horror Rebecca. Dieser markiert den ersten US-Film des Regisseurs und war eine Auftragsarbeit unter Selznick. Selznick bestand auf eine werkgetreue Adaption des zugrundeliegenden Romans von Daphne du Maurier und auch darüber hinaus kam es zu vielen kreativen Differenzen zwischen Hitchcock und ihm. So änderte Selznick in der Post Production noch einmal einiges an Hitchcocks Material; er veranlasste sogar Wiederaufnahmen der Dialoge und zusätzliche Shoots. Das Ergebnis ist trotz dieses Machtkampfes überaus sehenswert, trägt unterm Strich jedoch zu sehr die Handschrift von Selznick, um als Einstieg in die Welt von Hitchcock zu dienen.

Rebecca (1940)

Geheimtipps

Haben wir euch bislang immer von Hitchcocks britischer Phase abgeraten, ist genau hier der richtige Platz für genau diese. Denn während für den Anfang die amerikanisierten, stilistisch perfektionierten Filme der 50er und 60er wunderbar für den Einstieg sind, warten in den früheren Werken des Masters of Suspense so einige Perlen auf euch. Wer in Hitchcocks Stummfilmphase eintauchen will, sollte hier auf alle Fälle Der Mieter von 1927, ein Serienkiller-Thriller im nebligen London, auschecken. Der Mann, der zuviel wusste und Die 39 Stufen sind weitere bekannte Filme aus dieser Zeit, die einen Blick wert sind. Besonders ans Herz legen würden wir euch aber Eine Dame verschwindet, ein humorvoller und rasanter Agenten-Thriller, der mit seinem Zugsetting und vielen charmanten Charakteren glänzen kann.
Ein weiterer Geheimtipp ist Das Rettungsboot, in dem eine Gruppe Überlebender in einem Rettungsboot schauen muss, wie sie wieder in sichere Gefilde kommen, nachdem ein Schiff der Alliierten und ein deutsches U-Boot sich gegenseitig versenkt hatten. Der Mitten im Zweiten Weltkrieg erschienene Film ist ein überaus gelungenes Kammerspiel, das vor allem durch sein innovatives Setting und den stark aufspielenden Cast überzeugen kann.
Wer darüber hinaus noch nach Tipps sucht, sollte unbedingt bei der Fernsehreihe Alfred Hitchcock präsentiert vorbeischauen, bei denen es meist um Kriminalgeschichten ging. Zunächst mit einer Länge von einer halben Stunde, später von einer ganzen. Hitchcock selbst hat von den über 350 Episoden bei 18 selbst Regie geführt und falls ihr hier reinschnuppern wollt, würden wir euch insbesondere den Piloten Revenge, The Glass Eye und One More Mile to Go empfehlen.

Das Rettungsboot (1944)


Wir hoffen ihr habt jetzt einen kleinen Einblick in das Schaffen von Alfred Hitchcock bekommen und habt Lust hier weiter einzutauchen. Wir wünschen jedenfalls ganz viel Spaß beim Entdecken!

Florian Halbeisen

...und was meinst du?