Aufgewachsen mit I Spit on Your Grave (2019) – Review

Growing Up With I Spit on Your Grave

Ich spuck‘ auf dein Grab sorgte 1978 mit seinem drastischen Rape-and-Revenge-Plot für Aufsehen und spaltet noch heute die Gemüter. In seiner Dokumentation Aufgewachsen mit I Spit on Your Grave blickt der Sohn von Regisseur Meir Zarchi hinter die Kulissen des Skandalfilms.

Originaltitel: Growing Up with I Spit on Your Grave
Land: USA
Laufzeit: 102 Minuten
Regie: Terry Zarchi
Drehbuch: Terry Zarchi
Cast: Meir Zarchi, Camille Keaton, Gunter Kleeman u.a.
VÖ: Ab 14.10.2021 als Download

Kritik

Ich spuck‘ auf dein Grab galt lange als Inbegriff des „Video Nasty“ und auch in Deutschland war der Film noch bis 2020 beschlagnahmt. Kultfilm oder Schund? Für die Bundesprüfstelle schien der Fall klar zu sein, so dass der vermeintlich misogyne und voyeuristische Exploitationfilm aus dem Verkehr gezogen wurde. Warum in aller Welt sollte man sich schließlich die Erniedrigung einer Frau derart detailliert ansehen wollen? War es legitim, dass sie sich in ebenso sadistischer Weise an ihren Peinigern rächt? Und was musste in einem Regisseur vorgehen, der solch einen Film dreht?

Als der kleine Meir Zarchi eine Vorstellung von Vittorio de Sicas Die Fahrraddiebe besucht, ist für den schwer beeindruckten Jungen klar: „Wenn ich groß bin, möchte ich Filmemacher werden.“ Sein Bar-Mitzwa-Geld investiert er folgerichtig in eine Kamera, einen Projektor und eine Schreibmaschine – auch, wenn er dabei vermutlich andere Stoffe als Ich spuck‘ auf dein Grab im Sinn hat. Die Idee zu seinem bekanntesten Film kommt ihm erst Jahre später, als er mit seiner achtjährigen Tochter Tammy und einem Freund unterwegs ist. Auf einer Autofahrt läuft ihnen aus einem Park plötzlich eine nackte und blutüberströmte Frau vor den Wagen, die vergewaltigt worden ist – „wie ein Zombie“ wirkte sie auf Zarchi. Er fährt sie aufs Polizeirevier, wo er von den unsensiblen und demütigenden Fragen der Beamten schockiert ist, die von der traumatisierten Frau etwa wissen wollen, warum sie denn überhaupt im Park gewesen sei? Zarchi packt die Frau zurück in seinen Wagen, fährt sie ins Krankenhaus und setzt sich postwendend an die Schreibmaschine.

Day of the Woman

Vom Ergebnis war Zarchi dermaßen überzeugt, dass er auch die beiden Kinder ans Set holte: Sowohl Tochter Tammy als auch sein damals neunjähriger Sohn Terry wirkten in Ich spuck‘ auf dein Grab mit. Knapp vierzig Jahre später folgt Terry den Spuren des berühmt-berüchtigten Films und trifft ehemalige Weggefährt:innen seines Vaters wie Hauptdarstellerin (und Ex-Frau) Camille Keaton, die auch in der Fortsetzung I Spit on Your Grave: Deja Vu von 2019 mitspielte, oder Johnny-Darsteller Eron Tabor, der seine Schauspielkarriere nach dem Film beendete und erzählt, dass er sich Ich spuck‘ auf dein Grab nie wieder ansehen wollte.

Die Dokumentation lässt auch Stimmen wie die von Filmkritiker Roger Ebert zu Wort kommen, der eine regelrechte Kampagne gegen den „ruchlosen Film für stellvertretende Sex-Verbrecher“ fuhr und damit nichtsahnend beste Werbung für Ich spuck‘ auf dein Grab machte. Seine Schilderung von Kinobesuchen, bei denen das Publikum die Vergewaltiger anfeuerte, lässt aber auch die Frage aufkommen, ob der größere Horror sich nicht ohnehin abseits der Leinwand abspielte. Doch bei den Vergeltungsszene habe plötzlich Totenstille geherrscht – „es war, als seien sie selbst kastriert worden“.

Day of the Woman

Abseits von Diskussionen um den „Wert“ des Films dürfen Fans sich aber auch auf zahlreiche technische Details freuen, wenn beispielsweise die Practical Effects vorgestellt werden und Beriau Picard (Buffy, der Vampir-Killer) begeistert erzählt, wie er aus Holzbohlen und Spare Ribbs einen menschlichen Rücken für die legendäre Axtszene konstruiert hat. Solche Momente sind ebenso unterhaltsam wie die Frage danach, ob auf dem ikonischen Filmplakat tatsächlich der Hintern von Demi Moores zu sehen ist, der Terry Zarchi mit geradezu detektivischer Akribie nachgeht.

Growing Up With I Spit on Your Grave

Ihre stärksten Momente hat die Dokumentation darum in den Interviews, die neben Ausschnitten aus altem, teilweise unbekanntem Filmmaterial und Fotos den größten Teil bilden. Sensationelle Enthüllungen sollte man von Aufgewachsen mit I Spit On Your Grave natürlich nicht erwarten, vielmehr ist die Dokumentation ein amüsanter Zeitvertreib für Fans. Die müssen sich allerdings neben einigen interessanten auch durch viele belanglose Anekdoten kämpfen. Ob beispielsweise der Hinweis, dass es sich beim Auto im Film um das von Meir Zarchi handelte, wirklich für die Nachwelt festgehalten werden muss, ist fraglich. Amateurhaft wirken neben dem Power-Point-Charme der Dokumentation dann auch die Voice-Overs von Terry Zarchi selbst, der mit großem Eifer – bei leider nicht ebenso großem Wissen – das Schaffen seines Vaters kommentiert. Dafür merkt man allen Beteiligten ihre Freude am Filmemachen und an Ich spuck‘ auf dein Grab deutlich an – und diese Begeisterung trägt auch die Dokumentation.

 

Bewertung

Grauen Rating: 0 von 5
Spannung Rating: 2 von 5
Härte  Rating: 3 von 5
Unterhaltung  Rating: 4 von 5
Anspruch  Rating: 2 von 5
Gesamtwertung Rating: 3 von 5

Bildquelle: Aufgewachsen mit I Spit on Your Grave © Tiberius Film

...und was meinst du?