Melancholie der Engel (2009) – Livebericht

Melancholie der Engel

oder: Sex, Gewalt und Körperflüssigkeiten als Experimentalfilm

Originaltitel:
Land:
Laufzeit:
Regie:
Drehbuch
Studio:

Melancholie der Engel
Deutschland
158 Minuten
Marian Dora
Marian Dora, Frank Oliver
Authentic Film

Live-Bericht

Wieder einmal ein Livebericht in meiner tabulos-Kategorie und wie immer gehe ich äußerst unvorbereitet an die Sache ran. „Der ist echt heftig“ ist alles, was ich an Informationen habe. Ich werde wieder fröhlich neben dem Schauen mitschreiben und versuche grobe Spoiler zu vermeiden. Dann aber mal ab ins Vergnügen.

Es geht gleich düster los mit einer angeketteten Schwangeren, Voice-Over-Unsinn, Tierkadaver und sonstige Naturaufnahmen. Verwirrung gestiftet. Mission erfüllt.

Melancholie der EngelDer Film verzichtet zu Beginn sehr auf Establishing Shots und arbeitet bevorzugt mit Detailaufnahmen. Dies sorgt natürlich schon einmal für Desorientierung. Zwischendrin kurz auch mal POV-Shots, die allerdings nach wenigen Sekunden wieder verworfen werden. Wirkt etwas undurchdacht.

So gehen die ersten Minuten dialogfrei dahin bis der Titelschriftzug eingeblendet wird.

Marian Dora legt offenbar viel Wert darauf die Stimmung einer Situation einzufangen. Lange wandert die Kamera durch das Jahrmarktstreiben, schaut mal hier hin mal da hin – erst langsam kristallisiert sich ein Fokus heraus und  die Narration beginnt. Wenn man das denn so nennen kann.

Die musikalische Untermalung kommt sehr unerwartet. Lockerflockiges Klavierspiel verleiht dem Ganzen eine gewisse, absonderliche Leichtigkeit. Die Tonspur ist aber ohnehin reichlich schräg, denn zu der Musik gesellen sich ein immer wiederkehrendes, unpassendes Voice-Over und das katastrophale Voice-Acting der DarstellerInnen.

Autofahrt mit Voice-Over. Hm… reichlich unspektakulär. Ganz dramatisch werden zwischendurch mal Handys zerstört und Füße umarmt. Sinn? Zweifelhaft. Kein Wunder, dass der Film fast 160 Minuten läuft, wenn hier gefühlt das gesamte Rohmaterial gezeigt wird.

Ich komm mir vor wie bei der Verfilmung des Albums einer ganz besonders pathetischen und sinnfreien Gothic-Band.

Knappe halbe Stunde ist vorbei und außer pseudophilosophischem Geschwurbel unterlegt Melancholie der Engelmit willkürlichen Aufnahmen habe ich bisher nicht viel gesehen. Wobei durchaus einige kunstvolle und interessante Einstellungen dabei waren. Ein gewisses Gespür für Ästhetik kann man Marian Dora sicherlich nicht absprechen. Es stellt sich mir allerdings schon sehr die Frage wie selbstzweckhaft dies alles ist. Narration ist nach wie vor nur schwer zu erkennen und die Handlungslogiken der ProtagonistInnen sind so nachvollziehbar wie die Bewertungen der BPjM.

Zum ersten Mal treten die Dialoge in den Vordergrund und ich wünsche mir, dass dies eine Ausnahme bleiben wird, denn so viel Fremdschämen halte ich weitere zwei Stunden nur schwer aus.  Wenn jedoch zwischendurch alle einmal die Klappe halten, schafft es Dora wieder mit grotesk-fiebrigen Bildern eine träumerische Stimmung zu erzeugen.

Nach 45 Minuten kommen wir nun auch zu den ersten Gore- und Ekelszenen. Dauert nicht lange und dürfte wohl als erster Vorbote gelten. Und damit endet auch die erste Nacht dieser wundersamen Truppe.

Nach einer durchzechten Nacht wird der müde Sonntag für einen schönen Spaziergang in die Natur genutzt. Dabei unterhält man sich über Legenden, Sagen und Tierkadaververbrennungsanlagen. Kann man machen.

Melancholie der EngelMarian Doras Inszenierung hat oft etwas verträumt-märchenhaftes. Die Bilder sind vielfach leicht verschwommen. Der stark auf die Natur gerichtete Fokus wird durch surreale Elemente gebrochen. Die Natur scheint nie nur Biologie, sondern immer auch Symbol zu sein. Für was? Nach einer Stunde Spielzeit für mich noch nicht wirklich zu sagen. Es ist zumindest offensichtlich, dass Dora sehr fasziniert ist vom natürlichen Gedeihen und Verderben, Fressen und Gefressen werden, Leben und Tod. Die Natur als ewiger fatalistischer Kampf – und mittendrin der Mensch, der sich über die Natur erhebt. Nur mit welchen Folgen? Doras Menschenbild scheint auf jeden Fall nicht das positivste zu sein.

Die unfassbar lange Montage aus einer Vergewaltigung, einer Schlachtung eines Melancholie der EngelSchweines, der Masturbation einer Nonne und Was-auch-immer-der-mit-den-Leichen-angestellt-hat unterlegt mit Orgelmusik ist schon sehr abstoßend. Sinn und Zweck? Schwer zu durchschauen.

Uh, künstliche Darmausgänge. Der Ekelfaktor ist gerade enorm gestiegen. Leider bin ich hin und her gerissen zwischen Ekel und Fremdscham. Bei diesen erbärmlichen LaiendarstellerInnen tue ich mir leider schwer auch nur irgendwas ernst zu nehmen. Was nicht allein deren Schuld ist. Welche Worte ihnen Dora in den Mund legt, ist mindestens genau so peinlich. Eine dialogfreie Schnittfassung würde mich allerdings sehr reizen, dann hätte sich auch die Überlänge erledigt.

Wenn auf Tierkadaver gekotzt wird, fühle ich mich doch gleich an Lucifer Valentine erinnert. Wirkt auch genau so sinnfrei. Dazwischen einfach mal ein bisschen nackt durch den Wald hopsen, die Eier in der Sonne schaukeln und einen toten Hasen verbuddeln. Kann man machen.

Und dazwischen immer wieder unfassbar verblödete Dialoge. Komplett kontextlos wird irgendein Schwachsinn daher geredet. Die Faszination weicht immer mehr Ermüdungserscheinungen. Noch eine Stunde gilt es auszuharren.

Doch zwischendurch auch immer wieder unglaublich schöne Einstellungen. Ich habe es wirklich selten erlebt, dass mich Inhalt und Form so gänzlich konträr ansprechen. Kann ich in den Bildern oft sehr viel Schönheit entdecken, so frage ich mich beim Drehbuch ob hier jemand zu viel Uhu geschnüffelt hat. Je nachdem was gerade im Vordergrund steht wechseln sich Faszination und Verzweiflung ab.

Inzwischen habe ich schon 105 Minuten geopfert und noch immer ist nicht sonderlich „Schlimmes“ passiert. Einmal von der Vergewaltigungs-Montage und dem künstlichen Darmausgang abgesehen. Der Film wird in den letzten 50 Minuten noch ordentlich auf die Kacke hauen, befürchte ich.

Melancholie der Engel„Will you die for me?“ Jetzt hätten wir Grotesque auch noch untergebracht. Phantastisch! Gefolgt von „Arbeit macht frei“. Der Film ist sowieso durchzogen von ideologischen und religiösen Symbolen und Metaphern. Ich hab ja das Gefühl Dora schmeißt hier einfach alles rein, was ihm gerade einfällt.

Tja, jetzt hat er ihr auf die Vagina geschissen. Willkommen zurück beim Körperflüssigkeiten-Bingo. Die Kotze spritzt, die Pisse rinnt, das Blut fließt, die Kacke läuft. Dazwischen: Vollmondbilder.

Mittlerweile sind wir auch wieder bei der Anfangsszene angekommen. Genaue Beschreibungen lasse ich mal bleiben. Die Reaktion einer Dame darauf ist, wie könnte es anders sein, Masturbation.

Marian Dora hat jetzt noch 20 Minuten zur Verfügung diesem Schund irgendeine Substanz zu verleihen.

Beim Abschiedslagerfeuer wird’s dann noch einmal richtig romantisch mit toller Melancholie der Engelmusikalischer Untermalung. Das ist so romantisch, dass manche es sich nicht nehmen lassen sich mal ordentlich einen von der Palme zu wedeln, andere entleeren ihre Blase und ihrem Darm über dem Feuer, während die Gedärme brutzeln. Tja, was soll ich sagen? Kann man machen…

 

Hintergründe

Melancholie der Engel ist der dritte Spielfilm von Marian Dora nach Debris Documentar und Cannibal. Letzterer ist eine Verfilmung der Geschehnisse rund um Armin Meiwes, der Kannibale von Rotenburg, und in Deutschland bundesweit beschlagnahmt.

Dies lässt schon die Marschrichtung erahnen, die Melancholie der Engel nehmen wird. Produzent Georg Treml schien dies wohl aber nicht so ganz bewusst gewesen zu sein, da er Dora mehrfach aufforderte den Film komplett umzuschneiden, damit er massentauglicher werde. Als die Zugeständnisse für Marian Dora zu viel wurden, kaufte er den Film Treml ab. Übrig blieben laut Dora von der ursprünglichen 195 Minuten langen Schnittfassung nur Fragmente und die Vorversionen seien alle verloren.

 

Fazit

Melancholie der Engel ist weniger ein Horrorfilm als ein Experimentalfilm mit Gore- und Splatter-Anteil und selbst diese spielen den Großteil der Spielzeit keine Rolle. Abgesehen davon, dass ich den Film grundsätzlich niemandem empfehlen würde, werden also selbst Gorehounds eher wenig Freude damit haben.

Man muss schon ein spezielles Interesse an Undergroundfilmen mitbringen, um mit Doras Werk etwas anfangen zu können. Oder man gehört einfach zu der kleinen Gruppe, die dieser Film mit seiner kruden Mischung anspricht.

Ich fand die Sichtung durchaus eine interessante Erfahrung. Auch wenn ich mich über weite Strecken gelangweilt und geärgert habe, so gab es doch viele Einstellungen, die mich beeindruckt haben. Ähnlich wie auch bei Lucifer Valentine merkt man, dass hier nicht nur viel Passion, sondern auch durchaus Talent dahinter steckt – wenn es auch in beiden Fällen in Litern von Körperflüssigkeiten ertränkt wird.

 

Bewertung

SpannungRating: 1 von 5
AtmosphäreRating: 3 von 5
SplatterRating: 2 von 5
Ekelrating3_5
Storyrating0_5

Bilder: Melancholie der Engel © Authentic Film

Terror-Floh

Terror-Floh

Der Terror-Floh gehört zur Gattung der blutsaugenden Vampire. Er hält sich bevorzugt in der Nähe von Zombies, Werwölfen und Hexen auf. Beliebte Nistplätze sind verfallene Gemäuer, unheimliche Wälder und Sommercamps.
Durch seine parasitäre Lebensweise eignet sich der Terror-Floh auch hervorragend als Haustier. Er ist sehr anhänglich, benötigt keine weitere Fütterung und befällt bei Bedarf auch unliebsamen Besuch.
Terror-Floh

3 Kommentare

  • Diese Live-Berichte sind großes Kino. Macht Spaß das Stück für Stück zu verfolgen

    • Das geht runter wie Öl 🙂
      Freut mich sehr und sollte ich in dem Fall wohl wieder öfters machen.

      Bin übrigens auch immer gern auf Thrill & Kill unterwegs. Definitiv eine der besten Seiten bzgl. Horror im deutschsprachigen Raum.

      • Danke!
        So jetzt ist aber gut mit dem Austausch von Komplimenten, sonst glauben die Leute noch, wir machen füreinander Werbung 🙂

...und was meinst du?