Benedetta (2021) – Review

Lesbischer Sex, wollüstige Nonnen und grausame Folterknechte: Paul Verhoevens Film Benedetta bringt auf den ersten Blick alle Zutaten für generische Nunsploitation mit. Doch der Meister der Provokation lässt daraus eine doppelbödige Filmbiografie über das Verhältnis von Religion, Sexualität und Macht entstehen.

Originaltitel: Benedetta
Land: Frankreich/Belgien/Niederlande
Laufzeit: 133 Minuten
Regie: Paul Verhoeven
Drehbuch: David Burke, Paul Verhoeven
Cast: Virginie Efira, Daphné Patakia, Charlotte Rampling u.a.
VÖ: Ab 24.03.2022 als Limited Collector’s Edition im Mediabook, als Blu-ray und DVD oder digital zum Leihen

Inhalt & Hintergründe

Italien im 17. Jahrhundert: Benedetta tritt als Kind in das Kloster von Pescia ein, wo sie unter der Obhut von Äbtissin Felicita (Charlotte Rampling, Asylum) zur Nonne ausgebildet werden soll. Schon früh hat das Mädchen Visionen, in denen Jesus Christus zu ihr spricht. Brisant wird es aber erst, als sie zur jungen Frau (Virginie Efira, Elle) heranwächst und plötzlich Jesus durch ihren Mund auch zu anderen spricht, während gleichzeitig Stigmata an ihrem Körper auftauchen. Die kirchlichen Oberhäupter sind in Aufruhr, doch trotz anfänglicher Zweifel wird Benedetta schließlich zur Äbtissin ernannt. Bei diesem kometenhaften Aufstieg stets an ihrer Seite ist die Novizin Bartolomea (Daphné Patakia, Interruption), mit der sie die Freuden körperlicher Lust erkundet. Doch ihr Doppelleben bringt Benedetta in große Gefahr, als die ehemalige Äbtissin das geheime Treiben der beiden Frauen zu enthüllen droht.

Für seinen Film konnte Verhoeven sich auf die wahre Geschichte der Benedetta Carlini stützen, einer italienischen Nonne und Mystikerin des 17. Jahrhunderts. Aus Prozessakten rekonstruierte die Historikerin Judith Brown mehr als dreihundert Jahre später das Leben und Wirken dieser bemerkenswerten Frau, die durch leidenschaftlichen Glauben und außergewöhnliches Charisma schon in jungen Jahren zur Äbtissin aufstieg, durch ihre verbalen Anmaßungen jedoch in Konflikt mit der kirchlich-patriarchalen Obrigkeit geriet. Ob die historische Benedetta Carlini eine Schwindlerin oder selbst überzeugt von ihren Wundern war, lässt sich nicht klären.

Kritik

Gewalt und Sexualität sind die Markenzeichen von Paul Verhoeven – und Filme wie Flesh and Blood, Starship Troopers oder Türkische Früchte haben gezeigt, dass Subtilität nicht seine Passion ist. Um mit lesbischem Nonnensex im Jahr 2022 noch eine ähnliche Skandalwirkung zu erzeugen, wie sie einst Basic Instinct erreichte, müsste man den Film aber vermutlich im Vatikan vorführen und darum bemüht Verhoeven in Benedetta vor allem seine anderen Qualitäten als Regisseur: die Kunst der satirischen Überspitzung,  des augenzwinkernden Spektakels und – nicht zuletzt – der sinnlichen Erotik. Zugleich setzt der Film eine Auseinandersetzung mit dem christlichen Glauben fort, die Verhoeven bereits in seinem Buch „Jesus: Die Geschichte eines Menschen“ vorantrieb, in dem er ähnlich wie in Benedetta den Menschen hinter dem Mythos sucht und die Machtstellung der katholischen Kirche hinterfragt. Jesus als Revoluzzer, so imaginiert ihn der niederländische Regisseur, und stellt ihm mit der lesbischen Mystikerin Benedetta eine weibliche Revoluzzerin zur Seite.

Die kirchliche Doktrin und das Leben des Klerus zeigt Benedetta als von Grund auf korrumpiert. Schon zu Beginn des Films entlarvt sich das Kloster als ein Wirtschaftsbetrieb, schließlich müssen die künftigen „Bräute Christi“ eine ordentliche Mitgift einbringen. Pikiert ist die Äbtissin dann aber dennoch, als der Vater der jungen Benedetta nach knallharten Verhandlungen nachgibt und dies per Handschlag besiegeln will: Das sei doch schließlich kein Viehmarkt. Schein und Sein könnten kaum weiter auseinander liegen, und so ist auch Benedettas spätere Ernennung zur Klostervorsteherin in erster Linie ein kalkulierter Schachzug der Kirchenoberen, die zwar zweifeln, aber letztlich auch an falschen Wundern keinen Anstoß nehmen, solange sie die Kassen füllen.

Das Heilige und das Profane, die sakrale Vision und die niederen menschlichen Triebe, die Glorie und der Schmutz: Verhoeven zeigt in Benedetta nicht nur seine Faszination für Widersprüche, sondern auch eine spielerische Lust an der Verunreinigung. Eine Frau, die eine andere Frau voller Lust anblickt – für die Kirchenmänner des 17. Jahrhunderts vermutlich noch unvorstellbarer als die Tatsache, dass eine Frau überhaupt sexuelle Lust empfinden könnte. Ohnehin haben Körper in der Religion nichts verloren, es sei denn als Instrument zur Selbstgeißelung, denn Jesus – so erklärt es Äbtissin Felicita der kleinen Benedetta – offenbart sich den Gläubigen vor allem im Leiden. Warum also nicht auch in der Lust?

Das Heilige und die Erotik verbinden sich im Exzess, in der Verausgabung und so wundert es kaum, dass die Visionen der jungen Frau allesamt hochstilisierte erotische Phantasien darstellen. Jesus agiert als verführerische Messias-Gestalt, rettet Benedetta vor männlichen Angreifern und zeigt sich ihr schließlich hüllenlos, wobei eine Vulva zum Vorschein kommt. Und so hätte es die Zuschauenden am Ende wohl mehr schockiert, wäre die hölzerne Marienstatue, ein Geschenk der Mutter zum Klostereinzug, nicht als Dildo zum Einsatz gekommen.

Inmitten all dieser Ambivalenzen ist auch Benedetta selbst zu verorten. Ob sie eine manipulative Schwindlerin oder eine visionäre Heilige ist, maßt Verhoeven sich nicht zu beantworten an. Eindeutige Wahrheiten sucht man vergebens. Obwohl diese Doppelbödigkeit dem Film gut tut, indem sie ihn vor allzu großer Plakativität bewahrt, wird sie auch zum Problem. Benedetta zeigt viel Oberfläche, aber wenig psychologische Tiefe – wenngleich die Oberflächen wahrhaft schillernd anzusehen sind. Die skandalöse Mystikerin wird so vom Menschen zum Mythos, bleibt unnahbar.

Auch andernorts versäumt Verhoeven es, in die Tiefe zu gehen, weil er sich stattdessen viel Zeit für Erzählstränge nimmt, die eher konventionell und vorhersehbar anmuten. So sinnlich-schön die Bilder der Annäherung zwischen Benedetta und Bartolomea sind, hätten Themen wie der Machtmissbrauch in der Kirche, das Machtgefälle zwischen Männern und Frauen oder die Inszenierung als machtpolitische Strategie es verdient, noch radikaler und vor allem mit deutlicherem Bezug zur Gegenwart angegangen zu werden – hier steht Verhoeven der historischen Revolutionärin Benedetta Carlini noch in einiges nach.

Fazit

Hinter den Klostermauern in Paul Verhoevens Benedetta geht es zwar sündig her, über eine bloße Lust an der Provokation ist die Filmbiografie aber weit erhaben. In berückenden Bildern flirrt die Leidenschaft zwischen Benedetta und Bartolomea, phantasievoll spielt der Film mit der christlichen Ikonographie und erzählt unterhaltsam vom Aufstieg der selbstbewussten Benedetta zur wundertätigen Äbtissin, entgegen aller weltlichen wie religiösen Vorbehalte gegen ihre Person. Heiliges und Obszönes gehen eine lustvolle Komplizenschaft ein, die Benedetta überaus sehenswert macht und über die teils recht konventionelle Machart hinwegtröstet.

 

Bewertung

Grauen Rating: 0 von 5
Spannung Rating: 3 von 5
Härte  Rating: 1 von 5
Unterhaltung  Rating: 5 von 5
Anspruch  Rating: 3 von 5
Gesamtwertung Rating: 3 von 5

Ab 24.03.2022 im Handel:

Bildquelle: Benedetta © capelight pictures/Koch Films

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