A Night in Blood Red – Dario Argentos Suspiria mit Live-Vertonung von Goblin

Goblin

Am 15. Februar 2020 veranstalteten Swansea Constellation und Randfilm in Leipzig ein ganz besonderes Event. Unter dem Namen „A Night in Blood Red“ haben sie Claudio Simonettis Goblin höchstpersönlich geladen, um in der neo-gotischen Peterskirche Dario Argentos Suspiria live zu vertonen. Wir waren an beiden Tagen der Veranstaltung vor Ort und haben für euch unsere Eindrücke zusammengetragen.

Bevor die Peterskirche in blutrotes Licht getaucht wurde, gab es am Vortag, den 14. Februar, im Luru-Kino in der Spinnerei bereits einen Prolog zur Einstimmung auf das Hauptevent. Dieser bestand aus einem Screening des 2018er Remakes von Luca Guadagnino mit einem einleitenden Vortrag des Filmwissenschaftlers Prof. Dr. Marcus Stiglegger über den performativen Horror in Argentos Suspiria und Guadagninos Neuinterpretation. Einige der dort angesprochenen theoretischen Ansätze sowohl zum Original als auch zum Remake können in dem Booklet des Suspiria-Mediabooks nachgelesen werden. Abgerundet wurde die Veranstaltung dann nach der Filmvorführung mit einem anschließenden Q&A mit Marcus Stiglegger, das Raum für einen regen Austausch über mögliche Interpretationen und Deutungen des Remakes bot. Nach dieser spannenden Diskussion endete der erste Abend der Veranstaltung und die Vorfreude auf den kommenden Tag war größer denn je.

Am 15. Februar war es dann endlich soweit und die Peterskirche öffnete ihre Pforten für ein wirklich beeindruckendes Spektakel. Als „Schauplatz, entkoppelt von der Zweidimensionalität der Leinwand, weg von einem Film-Set hin zu einer dreidimensionalen, audiovisuellen bis performativen Raumhandlung in Echtzeit“ kündigten die Veranstalter ihr Event im Vorfeld vollmundig an – und sollten damit nicht zu viel versprochen haben.

Die Peterskirche von außen

Die Peterskirche von innen © Dirk Jankowski

Bereits vor dem eigentlichen Start schlichen drei in weiße Ballettkleider gehüllte Tänzerinnen zwischen den Reihen und in den Seitenschiffen der Kirche umher und sorgten für eine surreale Atmosphäre. Die bedrohliche rote Ausleuchtung der Kirche, die barfüßigen Tänzerinnen und gelegentlichen Nebelschwaden schufen schon früh am Abend ein imposantes Gothic-Flair, das sich bis zum Ende der Veranstaltung halten sollte. Kurz nach 20.00 Uhr begann dann die einleitende Tanz-, Licht-, Projektions- und Musikperformance, die man durchaus als geheimes Highlight des Abends sehen kann. Der aggressive und beinahe hysterische Sound des Leipziger Trios DŌMU, der sich aus treibenden Drums und unruhigen Synthies zusammensetzte, begleitete die manische und ruhelose Performance der drei Tänzerinnen, die den gesamten Innenraum der Kirche in Anspruch nahm. Mehrere Kameras zeichneten diesen Veitstanz auf und übertrugen ihn, mit diversen Effekten versehen, live auf die Leinwand. Nach einer knappen halben Stunde durchgehender Ekstase endete diese beeindruckende Ouvertüre, die nahtlos in ein kurzes Intro der Band Goblin überging und schließlich unmittelbar in den Vorspann des Films mündete.

© Dirk Jankowski

Früh kam dann leider der erste kleine Dämpfer des Abends – statt im Originalton wurde der Film in der englischsprachigen Synchronfassung gezeigt. Ein Fakt, der wohl einer gewissen Internationalität des Publikums geschuldet war; der italienische Originalton mit englischen Untertiteln wäre aber wahrscheinlich genauso zweckdienlich gewesen und hätte mir persönlich als Alternative besser gefallen. Hinzu kam, dass der Sound der Tonspur in der großen Kirche leider ganz schön unterging. Zwar hat sich das später gebessert und sicherlich ist es gerade in einem so hohen Raum besonders schwer, einen vernünftigen Sound zu mischen; Leute, die den Film bisher noch nicht gesehen haben, dürften aber aufgrund der schwierigen Akustik durchaus Probleme dabei gehabt haben, den Dialogen und der Handlung zu folgen. Der Sound von Goblins Live-Vertonung hingegen war klar, kraftvoll und von guter Lautstärke.

Suzy und Sandra beginnen zu ahnen, in was für gefährlichen Gemäuern sie sich befinden.

Letztendlich war es ja auch die musikalische Begleitung, auf die es hauptsächlich ankam und die hat vollends überzeugt. Mit der rot beleuchteten Apsis der Kirche, die die Leinwand bedrohlich umrahmte und maßgeblich zur beeindruckenden Symbiose aus Bild, Ton und Architektur beitrug, entstand in der Peterskirche ein immersiver Sog, der auch nach dem Abspann des Films noch lange nachwirken sollte. Abgerundet wurde das Event nach einer kurzen Pause dann von einem ca. 40-minütigen Best-Of von Goblin, das auf der Leinwand abermals mit Szenen aus entsprechenden Filmen wie Phenomena, Rosso – Farbe des Todes, Zombie – Dawn of the Dead etc. begleitet wurde. Obwohl die Stimmung grundsätzlich heiter war, blieben die optimistischen Versuche der Band, das Publikum zum Mitmachen zu animieren, erfolglos. Die nicht vorhandene Publikumsteilnahme konnte Simonetti aber augenscheinlich keineswegs den Spaß verderben und so spielten Goblin ihr Set souverän zu Ende.

Nach über drei Stunden war die Veranstaltung dann vorbei, nachdem alle Künstler mit tosendem Applaus und Standing-Ovations verabschiedet wurden. Der anfangs mäßige Sound der Tonspur und das nicht ganz optimale Bild konnten den Gesamteindruck dieses Abends aber glücklicherweise nicht im Geringsten trüben. Was die Verantwortlichen von Randfilm und Swansea Constellation mit „A Night in Blood Red“ auf die Beine gestellt haben, ist beachtlich und trotz weniger kleiner Kritikpunkte ein atemraubendes Erlebnis gewesen. Bleibt nur zu hoffen, dass ihre großartige Arbeit uns auch in Zukunft noch einige solche oder ähnliche Veranstaltungen bescheren werden. Die Lust darauf ist nach diesem Event groß.

Robert

...und was meinst du?