The Other Lamb (2019) – Review

The Other Lamb

The Other Lamb ist ein Arthouse-Sekten-Horror mit Raffey Cassidy in der Hauptrolle. Wir haben uns für euch, in die Hände der Sekte begeben.

Originaltitel:The Other Lamb
Land:Irland/Belgien/USA
Laufzeit:97 Minuten
Regie:Małgorzata Szumowska
Drehbuch:C.S. McMullen
Cast:Raffey Cassidy, Michiel Huisman, Mallory Adams u.a.

Inhalt

Teenagerin Selah (Raffey Cassidy, The Killing of a Sacred Deer) wurde in einen Kult hineingeboren. Ihre Mutter starb kurz nach ihrer Geburt und die abgeschottete Sekte ist alles, was sie kennt. Die Gruppe besteht aus ihrem Führer (Michiel Huisman, Spuk in Hill House), der nur als Shepherd (Hirte), bekannt ist, und seiner rein weiblichen Gefolgschaft, konsequenterweise als Herde bezeichnet. Die Herde ist strikt hierarchisch getrennt in Ehefrauen und Töchter; die Ehefrauen in bordeauxrot, die Töchter in türkis gekleidet. Alles in der selbstversorgenden kleinen Gruppe aus gut 15 Personen, dreht sich um die Aufmerksamkeit des Shepherds, der nicht davor zurückschreckt seine Vorherrschaft gewaltsam durchzusetzen…

Kritik

The Other Lamb basiert auf einem Drehbuch von C.S. McMullen (Two Sentence Horror Stories) und wurde von der ungarischen Regisseurin Małgorzata Szumowska (Im Namen des…) in Szene gesetzt, für die es ihr erster englischsprachiger Spielfilm darstellt.

Szumowska gelingt schon in den ersten Minuten eine nebulös-bedrohliche Atmosphäre rund um die abgeschottet im Wald lebende Sekte zu kreieren. Auch wenn das Leben der kleinen Glaubensgemeinschaft auf den ersten Blick harmonisch wirkt, findet die Regisseurin von Beginn an Bilder, die diese Harmonie konterkarieren. Wenn sich Bilder von verrottenden und mit Maden überquellenden Tierkadavern ins Bild schleichen, ist das ein klares Abbild davon, was wir über die Gemeinde noch erfahren werden.
Die Ungarin erzählt ihr Werk allgemein bevorzugt in Andeutungen. The Other Lamb ist ein Film, der seinem Publikum wenig Halt gibt. Die Narration funktioniert in erster Linie auf einer assoziativen Ebene und auch die Charakterentwicklung vollzieht sich vielmehr in wenigen Szenen und Gesten, als dass sich die Heldin hier wirklich auf eine Reise begeben würde. Der Film ist nicht daran interessiert irgendwas vorzukauen, sondern ganz im Gegenteil: Wir sollen uns die genießbaren Happen selbst zusammensuchen. McMullen und Szumowska laden das Publikum zur Mitarbeit ein und lassen bewusst Lücken offen, die gefüllt werden wollen. Dies trägt viel dazu bei, dass die gesamte Geschichte immer von einem ominösen Schleier umgeben ist, der nie zur Gänze gelüftet wird. Es bleibt unklar wie lange es den Kult schon gibt, wie sich die Hierarchien der Mütter und Töchter entwickelt haben, wie der Shepherd überhaupt in seine Kultführungsposition kam und selbst das Ende bleibt konsequenterweise offen. Auch die ganzen Regeln nach deren die Community funktioniert werden nur angedeutet und selten ausgesprochen.

The Other Lamb

Wir erfahren zum Beispiel, dass es dem Shepherd vorbehalten ist, Geschichten zu erzählen. Es ist den Ehefrauen und Töchtern dezidiert untersagt, selbst Geschichte zu erzählen und damit auch ihre eigene Geschichte konstruieren zu können. Sie werden allein über den Shepherd definiert und sind ohne ihn nichts. Ohne dies alles wirklich auszubuchstabieren, bietet The Other Lamb eine eindrucksvolle Darstellung der Machtstrukturen, nicht nur in Sekten, sondern allgemein in toxischen Beziehungen.
Während die Ehefrauen zumindest noch eine eigenständige Geschichte hätten, gibt es für die in die Sekte hineingeborenen Töchter nichts anderes als die Geschichte Shepherds, von der sie ein Teil sind. Dies ist ihre gesamte Welt und die Logik des Kults ist die Logik ihrer Welt. Während uns andere Filme zusammen mit Neuankömmlingen in die Welt einer Sekte einführen, gönnt uns The Other Lamb diesen Komfort nicht. Hier ist weit und breit niemand, die diese Avatar-Funktion übernehmen könnte. Damit gelingt es Szumowska, die Befremdlichkeit noch einmal weiter zu steigern. Denn während sich die Protagonistinnen vollkommen selbstverständlich in diesem System bewegen, lässt es uns ratlos zurücklässt. Es ist daher mehr eine Außenansicht die The Other Lamb auszeichnet. Ein tieferes Verstehen der Dynamiken in der Sekte kaum möglich, sondern nur emotional-assoziativ erfahrbar. Der Film tut auch sein bestes, möglichst keinen Kontext zur Verfügung zu stellen. Wir bekommen zwar ein paar vereinzelte Hinweise darauf, dass der Film sich in der Gegenwart abspielt, aber davon abgesehen ist die Herde komplett von der Außenwelt abgeschottet und wirkt mit ihrem Leben fernab jeglicher Zivilisation und jeglichen technischen Fortschritts wie aus der Zeit gefallen. Denn entweder haben die Sektenmitglieder jegliche Verbindungen zu ihrem früheren Ich gekappt, und die Erinnerungen an das eigene souveräne Subjekt beginnen schon zu verblassen, oder sie sind von vornherein in die Selbstlosigkeit hineingeboren.

The Other Lamb

Wir lernen durch Selah daher auch nicht die Welt der Sekte kennen, sondern der Film konzentriert sich ausschließlich auf ihre Selbstfindung. Hier finden Szumowska und Kameramann Michal Englert (Dark Crimes) auch eine wunderschöne Bildsprache, um die Protagonistin zu begleiten. Es sind verführerische, immer etwas entrückte Bilder, die das Gesehene entwurzeln und ihm einen surrealen Anstrich verpassen. Es liegt an Raffey Cassidys eindringlichem Spiel, dass der Film sich nicht in seinem märchenhaften Strudel an Andeutungen verliert. Der jungen Schauspielerin gelingt es, die Verbindung zum Publikum zu halten und uns mit ihrer Figur durch das cineastische Labyrinth zu lotsen. Es fiel mir daher auch nicht schwer mit Selah mitzufiebern, in der Hoffnung, dass es ihr gelingen mag dem oppressiven patriarchalen System zu entkommen oder es gar zu Fall zu bringen.

The Other Lamb

Fazit

The Other Lamb kann mit viel Ambiguität in seinem Worldbuilding aufwarten, bei dem man akzeptieren muss, dass vieles im Dunkeln bleibt. Man muss daher damit klar kommen, dass uns der Film mit seinen Themen alleine lässt, keine Lösungen bietet, sondern nur einzelne Fragmente dieser von Unterwerfung und Missbrauch dominierten Lebenswelt beleuchtet. Wer damit klar kommt, darf sich dafür auf einen erfrischenden Ansatz, surreale Bilder und ein beeindruckend-bedrohliches Sounddesign freuen.

 

Bewertung

GrauenRating: 3 von 5
SpannungRating: 2 von 5
Härte Rating: 1 von 5
Unterhaltung Rating: 2 von 5
Anspruch Rating: 4 von 5
GesamtwertungRating: 4 von 5

Bildquelle: The Other Lamb © Trust Nordist

Florian Halbeisen
Letzte Artikel von Florian Halbeisen (Alle anzeigen)

...und was meinst du?