An American Crime (2007) vs. Jack Ketchum’s Evil (2007)

An American Crime vs Jack Ketchum's Evil

Die Folterung und der Mord an Sylvia Likens gingen in ihrem grausamen Ausmaß in die Kriminalgeschichte der USA ein. Mit An American Crime und Jack Ketchum’s Evil entstanden 2007 zwei Verfilmungen des Falles.

Der Mordfall Sylvia Likens

Am 26. Oktober 1965 traf die Polizei von Indianapolis, Indiana beim Haus der Familie Baniszewski ein. Gertrude Baniszewski, die alleinerziehende Mutter von sieben Kindern und zwei Pflegekindern, übergab den Polizisten einen Brief, der offenbar von einem ihrer Pflegekinder, Sylvia Likens, verfasst wurde. Darin stand, dass Sylvia weggerannt ist, da eine Gruppe von Jungs sie misshandelt und vergewaltigt hat. Als der Polizist mit dieser Nachricht das Haus schon verlassen wollte, sprach ihn Sylvias jüngere Schwester Jenny an: „Holen sie mich hier raus und ich erzähle Ihnen alles!“

Was sich daraufhin offenbarte, ging als einer der grausamsten Mordfälle der USA in die Geschichte ein.
Sylvia und Jenny Likens wurden von ihrem Vater Lester für 20 $ pro Woche in die Obhut von Gertrude Baniszewski gegeben, da ihre Mutter Betty wegen Ladendiebstahls im Gefängnis saß. Das Martyrium von Sylvia begann mit körperlichen Züchtungen aufgrund einer zu spät eingetroffenen Bezahlung ihres Vaters. Baniszewski weitete dies bald auf Demütigungen aus und erlaubte auch ihren Kindern und Nachbarskindern Likens zu schlagen. Dies nahm in den folgenden Wochen immer grausamere Züge an. Likens wurde nicht nur geschlagen, sie bekam kaum zu essen, ihr wurde der Gang zur Toilette versagt, wodurch sie sich einnässte und -kotete. Sie wurde gezwungen ihren eigenen Urin zu trinken und ihre Fäkalien sowie ihr Erbrochenes zu essen. Sie wurde gekratzt, aufgeritzt, über 100-mal mit brennenden Zigaretten verbrannt und mit kochendem Wasser verbrüht. In ihre Wunden wurde Salz gerieben und sie wurde genital verstümmelt. Aufgrund der schweren Folterungen wurde Likens inkontinent, weshalb sie nackt in den Keller gesperrt wurde. Wenige Tage vor ihrem Tod zwang Baniszewski sie vor ihren Kindern mit einer Cola-Flasche zu masturbieren, danach ritzte sie ihr zusammen mit einem Nachbarsjungen die Worte „Ich bin eine Prostituierte und stolz darauf“ mit einer heißen Nadel in den Bauch.
Am 26. Oktober 1965 starb die damals 16-jährige Sylvia Likens an einer Blutung im Gehirn, Schock und Unterernährung.

Die Verfilmungen

Diese relativ ausführliche Darstellung von Sylvia Likens Leidensweg deckt noch nicht einmal alles ab, was ihr angetan wurde und auch das bereits genannte ist nur jener Teil, der durch die Gerichtsverhandlung und die Obduktion von Likens Leichnam bekannt wurde. Es liegt außerhalb meiner Vorstellungskraft durch welche Hölle diese junge Frau gegangen sein muss. Die Ausführung der Einzelheiten ist wichtig, weil es klarstellt, auf was sich die Verfilmungen eingelassen haben. Beide Verfilmungen schlagen dabei entschieden unterschiedliche Wege ein.
Während An American Crime darauf bedacht ist, möglichst nah am Fall zu bleiben, basiert Evil auf dem fiktionalisierten Roman von Jack Ketchum aus dem Jahre 1989. Beide Filme wurden unabhängig voneinander 2007 veröffentlicht.

An American Crime (2007)

Originaltitel:
Land:
Laufzeit:
Regie:
Drehbuch:
Cast:

An American Crime
USA
98 Minuten
Tommy O’Haver
Tommy O’Haver, Irene Turner
Ellen Page, Catherine Keener u.a.

Der Film von Tommy O’Haver versucht, wie schon erwähnt, möglichst nah an den realen Geschehnissen zu bleiben und orientiert sich dafür zum überwiegenden Teil an den tatsächlichen Gerichtsprotokollen. Der Film ist eindeutig als Drama konzipiert. Er beginnt mit einer Voice-Over-Einführung von Ellen Page in der Rolle von Sylvia Likens, als diese mit ihrer Schwester Jenny über einen Jahrmarkt schlendert, auf dem ihre Eltern arbeiten. Diese Szenen werden dann jedoch von turbulenten Bildern eines Gerichtsprozesses unterbrochen. Von nun an folgt An American Crime dem Prozess und veranschaulicht die Zeugenaussagen anhand von Rückblenden.

Tommy O’Haver und Co-Autorin Irene Turner sind von vornherein darum bemüht, den Fall möglichst unaufgeregt zu schildern. Die Charaktere werden zu Beginn sehr differenziert eingeführt und es zeigen sich keine Anzeichen von Gewalt oder den sich anbahnenden schockierenden Ereignissen. An American Crime arbeitet mit vielen kleinen Andeutungen, um die Lebensumstände der Familie zu beschreiben und den Boden für die kommende Eskalation zu bereiten. So sehen wir in einer Szene wie Gertrude ihre Tochter aus Sorge schlägt, sie könnte früh schwanger werden so wie sie selbst, und es sogleich bereut; oder wie einer ihrer Söhne den Hund füttern soll, das Futter aber bewusst direkt außerhalb der Reichweite des Hundes hinstellt. Diese beiden Situationen laufen parallel ab und geben einen kurzen Einblick in das, was kommen wird. Einerseits Gertrude, die in ihrem Leben an der Armutsgrenze überfordert ist und sich für ihre Töchter etwas Besseres wünscht, jedoch aufgrund ihres Stresses nur schwer mit herausfordernden Situationen umgehen kann. Andererseits ihr Sohn, der seinen Frust in sadistischer Weise am Hund auslässt.

Sylvia wird im Laufe der Geschichte zu genau diesem Hund. Einem Objekt für die Familie und Nachbarskinder, um deren Frust auszulassen. Doch ist sie nicht nur ein Sündenbock an dem sich die Kinder auslassen. Das wehrlose Opfer und die Untaten bar jeglicher Konsequenzen lassen die Täter einen Machtrausch erleben. Marcus Stiglegger nennt dies in seinem äußerst lesenswerten Buch „Terrorkino. Angst/Lust am Körperhorror“ den Rausch der Souveränität, angelehnt an die Schriften des Marquis de Sade. Dieser Rausch, dieses Gefühl uneingeschränkter Macht über seine Mitmenschen steht auch im Mittelpunkt von Die 120 Tage von Sodom, welcher direkt auf einem Buch des Marquis beruht.

An American Crime

Tommy O’Haver macht einen großartigen Job diese Mechanismen offen zu legen – unterstützt von einer großartigen Besetzung. Insbesondere Catherine Keener als Gertrude und Ellen Page glänzen mit herausragenden Performances. Page hat sich während der Dreharbeiten sogar aus eigener Initiative runtergehungert, um sich besser in die Rolle hinein versetzen zu können. Auch O’Haver war nicht untätig die Realitätsnähe weiter zu erhöhen und filmte in chronologischer Reihenfolge. Dadurch sollten die SchauspielerInnen die Qualen von Sylvia Likens besser nachvollziehen können.

Damit zeichnet An American Crime ein sensibles und, soweit ich es beurteilen kann, authentisches Bild dieser schrecklichen Ereignisse, dessen aufwühlende Bilder man nicht so schnell vergisst.

Jack Ketchum’s Evil (2007)

Originaltitel:
Land:
Laufzeit:
Regie:
Drehbuch:
Vorlage:
Cast:

The Girl Next Door
USA
91 Minuten
Gregory M. Wilson
Daniel Farrands, Philip Nutman
Roman „Evil“ von Jack Ketchum
Blythe Auffarth, Blanche Baker u.a.

Im Gegensatz zum Gerichtsdrama von O’Haver gehen Ketchums Roman und dessen Adaption von Gregory M. Wilson entschieden einen anderen Weg und bedient sich vermehrt Horror- und Thriller-Elementen. Dementsprechend fehlt hier der Gerichtsprozess gänzlich und die Geschichte wird wie schon im Buch aus der Sicht des Nachbarsjungen David erzählt, der in Sylvia, die hier Meg heißt, verliebt ist.

Jack Ketchum nutzt David geschickt als Identifikationsfigur, um die Leserschaft zu Komplizen zu machen. So wie David verführt wird bei den Misshandlungen von Meg mitzumachen, ertappen wir uns dabei, begierig wissen zu wollen, wie die drastischen Erniedrigungen und Folterungen weitergehen. Dieser Knackpunkt der Dramaturgie geht in Wilsons Adaption leider komplett verloren. David dient hier von vornherein als moralischer Anker, der sich versucht den Misshandlungen entgegen zu stellen. Dies entlässt uns als Publikum aus der Verantwortung und verschenkt das Potential, aus David einen spannenden Charakter mit Ecken und Kanten zu machen.
Leider ist dies nicht das einzige Problem mit dem Evil zu kämpfen hat. Die Charakterzeichnungen von Wilson und den Drehbuchautoren Daniel Farrands und Philip Nutman sind gerade im Vergleich mit An American Crime beschämend. Insbesondere die Rolle von Gertrude, hier in Ruth umbenannt, ist an Lächerlichkeit kaum zu überbieten. Im Gegensatz zu der gut gezeichneten und von Catherine Keener toll dargestellten Peinigerin, bekommen wir hier eine durchgeknallte Psychopathin, der Blanche Baker mit grausamen Overacting noch den Rest gibt. Ihre Kinder stehen dem leider wenig nach, wodurch es mir zuweilen schwer fällt, die Farce ernst zu nehmen.
Um im Film auch noch Nacktszenen einbauen zu können, entschieden sich die Verantwortlichen die Rolle der jungen Meg mit der damals 22-jährigen Blythe Auffarth zu besetzen. Wie man es allen Ernstes für eine gute Idee halten kann, bei dieser Thematik das Opfer auch noch frontal komplett nackt zeigen zu müssen, wird mir wohl für immer ein Rätsel bleiben.

Jack Ketchum's Evil

Fazit

Diese Punkte zeigen jedoch schön auf, warum ich Evil nicht viel abgewinnen kann. An American Crime und auch die Romanvorlage von Evil gehen kritisch mit dem Rausch der Souveränität um. Sie versuchen zu ergründen wie scheinbar normale BürgerInnen zu solch abscheulichen Taten fähig sind und wie es dazu kommen kann, dass sich weitere Personen, insbesondere Kinder, daran beteiligen. Evil hingegen schert sich einen feuchten Kehricht um solche Themen und bietet seinem Publikum nichts anderes als Sex und Gewalt zum reinen Selbstzweck. Hier wird ein hübscher, junger Frauenkörper für das Publikum entblößt und in expliziten Szenen langsam zerstört. Der Kater folgt bestimmt.

Bildquelle: An American Crime © Capelight Pictures | Jack Ketchum’s Evil © Rough Trade Distribution

Florian Halbeisen

Florian Halbeisen

Horrorfilme sind für mich ein Tor zu den unheimlichen, verstaubten Dachböden und finsteren, schmutzigen Kellern der menschlichen Seele. Hier trifft man alles von der Gesellschaft abgeschobene, unerwünschte, geächtete, begrabene: Tod, Schmerz, Angst, Verlust, Gewalt, Fetische, Obsession. Es ist eine Entdeckungsreise auf die "Schutthalde der Zivilisation".
Auf diese Reise würde ich euch gerne mitnehmen.
Florian Halbeisen

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