Interview mit einem Vampir (1994) – Teil 3: Madeleines Medaillon

Interview mit einem Vampir

In Interview mit einem Vampir spielt Schmuck eine große Rolle. Wir nehmen heute das Medaillon von Madeleine unter die Lupe.

Wer hätte gedacht, dass Interview mit einem Vampir so viele wunderbare Schmuckstücke enthält. Im ersten Teil legten wir mit Hilfe des „Fingernagelschmuckwerkzeug“ das Wesen von Lestat offen, welcher auch die große Kreativität der Filmstudios in Bezug auf Schmuckherstellung zeigt. Im zweiten Teil kam Louis an die Reihe, dessen melancholisch-romantischer Charakter mit Posy-Ringen unterstrichen und inszeniert wird. Es gibt noch viel mehr Schmuck im Film und für unseren letzten Teil widmen wir und Madeleines Medaillon.
Falls du den Film noch nicht kennst, findest du in Teil 1 eine Zusammenfassung.

Madeleines Medaillon – Claudias Doppelgängerin

Louis und Claudia befinden sich in Paris und sind auf der Suche nach anderen Vampiren. Sie lernen Armand und sein Nest kennen. Claudia merkt, dass Louis nach einem Lehrmeister sucht und gibt ihn „frei“. Da sie aber dazu verdammt ist, für immer in einem Kinderkörper zu sein, braucht sie einen neuen Begleiter. Als Ersatz hat sie eine Frau gefunden, die ihre Tochter verloren hat. Sie heißt Madeleine und Claudia stellt sie Louis vor. Er fragt sie, warum sie denn ein Leben als Vampir an der Seite von Claudia führen möchte. Daraufhin zeigt sie ihm ein Medaillon, das an ihrem Kleid befestigt ist. Sie öffnet es. Darin befindet sich ein gemaltes Portrait von einem Mädchen, das Claudia wie aus dem Gesicht geschnitten ist. Sie könnte ihre Doppelgängerin sein. Der Name Madeleine kommt übrigens auch in der französischen Redewendung „pleurer comme une Madeleine“ vor und bedeutet so viel wie „zum Steinerweichen weinen“. Die Redewendung ist biblischen Ursprungs und von Maria Magdalena entlehnt, die mit ihren Tränen Jesus Füße gewaschen haben soll. Sehr wahrscheinlich wurde der Name mit Absicht gewählt, denn auch die Charakterisierung von Madeleine wird durch ihre Trauer ausgedrückt. Die Schmuckstücke sind wie bei Louis und Lestat Ausdruck ihrer Persönlichkeit.

Interview mit einem Vampir

Madeleine öffnet ihr Medaillon mit dem Portrait ihrer verstorbenen Tochter

Interview mit einem Vampir

Hier siehst du Claudia, die dem Portrait sehr ähnlich sieht.

Trauerschmuck wird zum Hype

Eine Masche mit schwarzen Steinen verziert das Schmuckstück, der viktorianischen Trauerschmuck darstellt. Das gemalte Portrait war zu Beginn des 19. Jahrhunderts noch gängige Praxis, da Fotografien zwar möglich, aber für den Großteil der Bevölkerung zu kostspielig waren. Trauerschmuck wurde nicht nur in England und Amerika, sondern auch in Frankreich getragen. Die kleinen Portraits wurden besonders gerne in Broschen und Ringen gefasst, oft mit einer Haarlocke des geliebten Menschen ergänzt. Trauer zu tragen, war nicht nur einem furchtbaren Ereignis geschuldet, es wurde geradezu ein Hype daraus. Da die Sterblichkeit sehr hoch war, war der Bedarf nach passender Kleidung und Andenken an die Verstorbenen ebenso groß. Die Mode bediente die verschiedenen Geschmäcker und Bedürfnisse ihrer Kunden. Als die ersten Kaufhäuser in Frankreich und England entstanden, gab es ganze Etagen, die Trauerbekleidung, Accessoires und Schmuck anboten. Dabei war bald nicht nur die Farbe schwarz erlaubt, sondern es gab auch Trauerabstufungen, die mit Farbe ausgedrückt wurden. Besonders beliebt war die Farbe wilde Malve, ein helles Violett. Schmuck gab es in verschiedenen Preisklassen und war bereits ein Massenartikel. Auch Leute, die nicht viel besaßen, konnten sich einen hübschen Anhänger leisten. Der Schmuck konnte ein Imitat aus Zink und Kupfer sein, was Gold sehr ähnelte, oder er war mit einer dünnen Schicht Gold überzogen.

Interview mit einem Vampir

Influencerin Königin Viktoria

Viktorianischer Trauerschmuck wurde unglaublich populär. Heute würde man sagen, die richtige Influencerin war aktiv. In diesem Fall war die um ihren geliebten Ehemann Prinz Albert trauernde Queen Victoria, daher auch der Name viktorianischer Trauerschmuck, die Hauptakteurin. Bis zu ihrem eigenen Tod legte sie die Trauerkleidung nicht mehr ab, schmückte aber ihre Kleidung mit zahlreichen Accessoires. Der Hof machte es ihr wie üblich nach und für die restliche Bevölkerung war wiederum die Hofgesellschaft Vorbild. Der Hype schwappte in der Folge auch nach Kontinentaleuropa und Amerika über.

Memento Mori – Gedenke, also bin ich

Trauerschmuck ist etwas sehr persönliches, daher gab es nicht nur Ringe, Ketten, Broschen, Ohrringe, Haarschmuck, Uhren, Hutnadeln, Anstecker und Armreifen, sondern auch kleine Schlösser und Medaillons, worin man Andenken von geliebten Toten aufbewahren konnte. Haare für Schmuck oder zur Aufbewahrung in Schmuckstücken waren beliebt. Sie waren unverderblich, aber mit Sicherheit wurde auch mit anderen, möglicherweise weniger geeigneten Erinnerungsstücken experimentiert. Der Trauerkult im viktorianischen Zeitalter kann meiner Meinung nach in Verbindung mit dem christlichen Reliquienkult gesehen werden. Gebeine von heiligen Toten, gehüllt in Spitze, Gold, und Edelsteinen sind bis heute, in vielen Kirchen zu bestaunen, wobei einen ein etwas schauriges Gefühl beschleicht. Der Tod war nicht ausgegrenzt, er befand sich mitten unter uns und wurde gezeigt und zur Schau getragen. Der Ausdruck „Memento Mori“, der mit dem Trauerschmuck oft in Verbindung gebracht wird, bedeutet „Gedenke des Sterbens“. Gedenken ist hierbei aber nicht nur in Bezug auf die Verstorbenen gemeint, sondern verweist auch auf das irdische Sein und die eigene Vergänglichkeit.

Schwarze Tränen der Ewigkeit

Interview mit einem Vampir

Madeleine trägt Trauer, die Ohrringe, das Spitzenhalsband und das Medaillon sind viktorianischer Trauerschmuck

Auf dem Bild siehst du, wie Madeleine gerade ihr Halsband abnimmt und sich Louis für einen kleinen Snack anbietet. Die Filmemacher verwenden Schmuck, um zahlreiche Informationen zu transportieren. Unter dem Spitzenhalsband verbirgt Madeleine die Bissspur, die Claudia hinterlassen hat. Claudia hatte versucht, Madeleine zu verwandeln, doch es war beim Versuch geblieben, denn ihr fehlte die nötige Kraft. Wäre es ein Anhänger mit einem Medaillon gewesen, hätte er die Szene gestört. In diesem Moment ist der Hals für die Kamera wichtig und genau dort sollst du auch hinsehen. Denn es erklärt das, was wir nicht gesehen haben, den erfolglosen Versuch von Claudia sie zu verwandeln.

Der Ohrschmuck ist ein weiterer Bestandteil von Madeleines Trauer-Accessoires. Wunderschöne schwarze Tropfen baumeln an ihren Ohrläppchen, schwarze Tränen der Ewigkeit. Das Wort Pampeln klingt jetzt nicht so fantastisch, so wird aber die Schliffform genannt. Die Pampeln sind sehr wahrscheinlich aus Gagat. Gagat besteht aus fossilem Holz, das sich im Übergang von Braun- zu Steinkohle befindet und mit Erdöl imprägniert ist.
Ich kann dir aus persönlicher Erfahrung berichten, dass Gagat zum Glück nicht mehr nach Erdöl riecht, sondern ziemlich unspektakulär duftet. Bernstein, der aus fossilem Baumharz besteht, verströmt übrigens einen wunderbaren Duft, wenn man ihn schleift. Gagat kennst du vielleicht unter dem Namen Yet oder Jett. Ein großes Abbaugebiet findet sich an den Klippen von Whitby in Yorkshire (England). Queen Victoria verschaffte den ebendort ansässigen Schleifern, für einige Zeit ein sehr gutes Geschäft. Gagat war so beliebt, dass er imitiert werden musste, um den Bedarf zu decken. Der Kunststoff Ebonit war zum Beispiel ein gängiger Gagatersatz. Aus ihm werden heute noch Mundstücke von Blasinstrumenten wie Saxophon oder Klarinette hergestellt. Auch da kann ich dir sagen, dass es Gagat sehr ähnlich sieht und ebenso glänzt. Ich habe noch immer ein Mundstück aus früheren Zeiten zuhause herumliegen.


Der Film Interview mit einem Vampir hat mir wieder einmal die Augen geöffnet, wie Schmuck im Film eingesetzt wird. Er vermittelt Szenen, erzeugt Stimmungen und bindet dich emotional in die Handlung ein.

Hat dir mein Artikel neue Einblicke verschafft und dein Interesse geweckt? Welche Schmuckstücke fallen dir ein, wenn du an einem Film denkst? Gibt es ein Schmuckstück in einem Film, worüber du mehr erfahren möchtest?

Dieser Artikel erschien zuerst auf Talkingabout-Schmuck.com.

Florian Halbeisen

Florian Halbeisen

Horrorfilme sind für mich ein Tor zu den unheimlichen, verstaubten Dachböden und finsteren, schmutzigen Kellern der menschlichen Seele. Hier trifft man alles von der Gesellschaft abgeschobene, unerwünschte, geächtete, begrabene: Tod, Schmerz, Angst, Verlust, Gewalt, Fetische, Obsession. Es ist eine Entdeckungsreise auf die "Schutthalde der Zivilisation".
Auf diese Reise würde ich euch gerne mitnehmen.
Florian Halbeisen

...und was meinst du?