Suspiria (2018) – Was zum Teufel ist im Finale passiert?

Suspiria - Ende erklärt

Ihr habt gerade Suspiria gesehen und euch ist nicht ganz klar, was beim Finale passierte? Dann seid ihr hier genau richtig!

Wenn ihr eine spoilerfreie Review zum Film lesen wollt, dann bitte hier entlang. Dieser Text wird voller Spoiler sein, also wenn ihr den Film noch nicht gesehen habt, würde ich euch ans Herz legen, das zuerst zu tun und dann wieder zu kommen.

Bevor wir jetzt aber in die Geschichte eintauchen, möchte ich darauf hinweisen, dass ich den Film bisher ein einziges Mal im Kino gesehen habe und mich mein Gedächtnis vielleicht das ein oder andere Mal im Stich lässt. Sobald der Film für den Heimkinomarkt erscheint, wird definitiv noch ein Update folgen.

Worum geht es in Suspiria?

Nachdem ich davon ausgehe, dass ihr Suspiria gesehen habt, werde ich mich kurz fassen und nur auf entscheidende Szenen näher eingehen. Aber erst einmal ein kurzer Abriss über die Haupthandlung.

Wir befinden uns im geteilten Berlin des Jahres 1977 und während auf den Straßen Bomben explodieren und für die Freilassung von RAF-Häftlingen protestiert wird, ist ein Hexenzirkel dabei einen neuen Körper für seine Anführerin Helena Markos zu finden. Praktisch, dass der Coven eine Tanzschule leitet, die für ständig neue potentielle Opfer sorgt. Nachdem es beim letzten Versuch zu Problemen gekommen war, hoffen sie in Susie Bannion das perfekte Gefäß für Markos gefunden zu haben. In einem großen Tanzritual soll Susie Helena Markos geopfert werden, wodurch die Hexe wieder zu neuer Kraft gelangen soll.
Beim entscheidenden Twist des Remakes offenbart jedoch Susie ihre wahre Identität als Mater Suspiriorum, eine der drei mächtigsten Hexen neben Mater Tenebrarum und Mater Lachrymarum, die schon seit Urzeiten die Geschicke und Ungeschicke der Menschheit beeinflussen. Während Mater Suspiriorum ihren Sitz in Berlin (bei Argento in Freiburg) hat, sind Mater Tenebrarum und Mater Lachrymarum in New York bzw. Rom zuhause. Susie/Mater Suspiriorum entlarvt Helena Markos als Betrügerin und da Markos den Coven für ihre Zwecke missbrauchte, tötet Susie die Anführerin des Hexenzirkels. Sie beschwört ein Monster, welches sich um alle Hexen kümmert, die Markos folgen. Anschließend nimmt sie sich den Schülerinnen der Tanzschule an, welche von den Hexen halbtot und unter endlosen Leiden gefangen gehalten wurden und erlöst sie auf deren Wunsch hin von ihren Qualen.
Am nächsten Tag geht der Alltag in der Tanzschule unter neuer Führung wie gewohnt weiter.

War Susie Bannion immer schon Mater Suspiriorum?

Der Film beantwortet nie genau wie das Verhältnis zwischen Susie und Mater Suspiriorum wirklich ist und lässt vieles offen für Interpretation. Es gibt jedoch viele Indizien, die uns diese Frage beantworten können.

Auch wenn Susie so etwas wie das schwarze Schaf der Familie war und ihre leibliche Mutter sie als ihre größte Sünde bezeichnete, so ist sie doch relativ normal in einer tiefreligiösen Familie aufgewachsen. Natürlich könnte der Ausspruch von ihrer Mutter darauf hindeuten, dass sie eine Hexe geboren habe. Da sich Susie jedoch von der Familie abgewandt hat, um sich in Berlin dem „sündigen Treiben“ hinzugeben, stellt sich dies für ihre Mutter natürlich so dar, als ob sie ihre Tochter an den Teufel verloren hätte, ganz unabhängig davon, ob sich dort ein Hexenzirkel befindet oder nicht.
Jedoch war Susie von vornherein sehr empfänglich für die Anziehungskraft, die von Mater Suspiriorum ausgeht, weshalb es sie von Kindesbeinen an wie magisch nach Berlin zog. Es gibt zu diesem Zeitpunkt jedoch keinerlei Anzeichen, dass es irgendeine direkte Verbindung zwischen beiden gibt.
Später, nach Susies Aufnahme in der Tanzschule, übt die Gruppe um Madame Blanc einen neuen Tanz ein. Dieser ist passenderweise dem Thema Wiedergeburt gewidmet und Susie soll als Mittelpunkt der Choreographie improvisieren. Am Ende von Susies orgiastischer Performance sehen wir wie eine große Klaue unter Susie an der Decke entlang kratzt. Der Schnitt des Films legt hier nahe, dass es sich dabei um Helena Markos gehandelt habe, die sich Susie als ihr nächstes Opfer auserwählt hat. Wenn ich mir die Klaue jedoch genauer in Erinnerung rufe, dann gehört diese nicht zu Helena Markos, sondern zu dem Monster, das Mater Suspiriorum im Finale erweckt, um ihre Feinde zu töten. Es wird hier in meinen Augen keine Verbindung zwischen Susie und Markos aufgebaut, sondern Susie hat mit ihrer geballten Energie Mater Suspiriorum selbst erweckt.

Nach dieser Erweckung folgen für mich vor allem zwei Schlüsselszenen. Bei der einen sehen wir Sara, die immer misstrauischer wird und in der Schule rumschnüffelt, wie sie Susie beschuldigt, einen Pakt mit den Hexen geschlossen zu haben und sie soll darüber nachdenken, welchen Preis sie dafür zahlen würde. Susie, die davor meist eher schüchtern und verlegen aufgetreten ist, verzieht hier keine Miene. Sie weist die Vorwürfe zwar von sich, scheint aber weder betroffen noch überrascht. Hier wird in meinen Augen schon darauf hingedeutet, dass Susie sehr wohl einen Pakt geschlossen hat, aber eben nicht mit den Hexen der Tanzschule, sondern mit Mater Suspiriorum.
Bei der zweiten Szene bekommt Susie Privatunterreicht von Madame Blanc. Bei diesem Training referiert Madame Blanc darüber, dass, wenn man den Tanz einer anderen tanzt, man sich zum Abbild der Schöpferin macht; sich selbst frei macht, damit sie in einer leben kann. Blanc führt fort, dass die Schule wie ein Körper funktioniere, bei dem alle ihre Funktion erfüllen und zusammen wirken, damit der Körper mit Leben erfüllt wird. Alle Mitglieder der Schule müssen sich überlegen, was sie gerne für diese wären. Susie antwortet, sie wäre gerne die Hand. Hier wird für mich der obige Pakt ausformuliert. Susie macht Platz für Mater Suspiriorum, macht sich frei und wird somit die Hand, das Werkzeug. Im Finale des Films passiert dann auch genau das.
Parallel zu dieser Probe in der sich Susie indirekt Mater Suspiriorum als Werkzeug verspricht, sehen wir die anderen Hexen zu Abend essen, als sich Miss Griffith wie aus heiterem Himmel mit einem Messer mehrfach in die Halsschlagader sticht und sofort stirbt. Dieser Suizid kommt etwas plötzlich und sorgte vielfach für Verwunderung. Griffith wurde von Anbeginn isoliert von den anderen Hexen gezeigt und wirkte immer etwas fahrig. Ich deute dies so, dass sie sich innerlich schon lange vom Coven entfernt hatte und auch nur aus Furcht für Markos stimmte. Als sie mitbekommen hatte, was mit Olga passierte, sah sie nur noch einen Ausweg: Suizid. Spannend finde ich hierbei, dass für diesen Charakter, der im Original auch nicht vorkommt, ausgerechnet der Name Griffith gewählt wurde, was mich in diesem Kontext zuerst an Melanie Griffith denken lässt, die Mutter von Dakota Johnson. Somit stirbt ein Charakter, der eventuell nach Johnsons Mutter benannt wurde, genau zu dem Zeitpunkt als diese sich einer neuen Mutter zuwendet. Aber dies mag eventuell etwas weit hergeholt sein.
Auch Susies Mutter im Film erliegt schlussendlich ihren Leiden. Interessanterweise kommt sie quasi noch einmal als genau jenes Monster wieder, welches von Mater Suspiriorum befehligt wird. Denn beide Charaktere werden von Malgorzata Bela verkörpert.

Suspiria - Ende erklärt

Vor dem großen Ritual nimmt Susie im Kreis der Hexen am Kopfende des Tisches Platz und deutet damit schon an, dass sie die Macht über den Zirkel übernehmen wird. © Amazon Studios

Nachdem die Schule von Korruption und Missbrauch bereinigt wurde, entschuldigt sich Susie/Mater Suspiriorum beim entführten Josef Klemperer dafür, wie ihn ihre Töchter behandelt hätten und fügt hinzu, dass sie leider zuvor nicht in der Position gewesen sei, einzugreifen. Hier wird für mich noch einmal bestärkt, dass Mater Suspiriorum Susie als Werkzeug benötigt hatte, um Rache an dem pervertierten Coven zu nehmen.

Daher ist für mich klar, dass Susie nicht von Anbeginn Mater Suspiriorum gewesen sein kann. Dies zeigt sich in meinen Augen auch noch in weiteren Szenen, wie in Susies Albträumen mit denen die Hexenmütter sie jede Nacht heimsuchen oder Susies starke, aber nicht perfekte Tanzperformance. Dies würde für mich nicht viel Sinn ergeben, wenn Susie von Beginn an Mater Suspiriorum wäre.

Was hatte es mit dem Monster auf sich?

Wie schon bei der Wiedergeburt-Szene besprochen, sehe ich in dem Monster einen Teil von Mater Suspiriorum selbst. Jener körperliche Teil, der unter der Tanzschule ruhte und von Susie erweckt wurde.
In den Credits wurde der Charakter einfach als „Tod“ gelistet und daraufhin auch vielfach als personifizierter Tod gedeutet. Dies greift für mich allerdings zum einen allein schon aufgrund der direkten Verbindung zu Mater Suspiriorum zu kurz und zum anderen da dieses über die Schauspielerin mit Susies Mutter verknüpft wird.
Dies führt mich zu der Szene zurück in der Susie erklärt, sie wäre gerne die Hand. Eine Hand kann nicht nur ein ausführendes Instrument sein, sondern auch Mittel zur Befehlserteilung, man denke nur an einen Dirigenten. Dementsprechend wäre für mich in dieser Szene Susie/Mater Suspiriorum zu sehen, die ihre personifizierte Macht dirigiert.

Suspiria - Ende erklärt

Mater Suspiriorums personifizierte Macht macht kurzen Prozess © Amazon Studios

Damit kommen wir dann zu Malgorzata Bela zurück, welche beide Rollen verkörpert. Dies könnte uns Anhaltspunkte dafür geben, woher Mater Suspiriorum ihre Kraft bezieht. Übersetzt handelt es sich bei Suspiriorum um die Mutter der Seufzer. Ihre Macht liegt in unausgesprochener Qual und unaussprechlichem Leid begründet. In „Suspiria De Profundis“ des britischen Schriftstellers Thomas De Quincey, worauf Dario Argentos Trilogie beruht, lesen wir über Suspiriorum, dass ihre Augen gefüllt seien mit geplagten Träumen und Trümmern eines vergessenen Deliriums. Dies passt sehr gut zu Susies Mutter, die geplagt und fast vergessen in einer abgelegenen Farm im Delirium seufzt und stöhnt. Schlussendlich ist es also auch Susies Verleugnung ihrer Mutter, welche Mater Suspiriorum ihre Kraft verleiht.

Vorausschau

Diesen Haupttwist rund um Susie Bannion und Mater Suspiriorum fand ich persönlich am spannendsten. Falls euch ein anderer Punkt der Handlung besonders interessiert, lasst es uns wissen, dann schieben wir hier gerne noch einen weiteren Teil nach.
Im nächsten Artikel werden wir uns mit den Referenzen rund um Psychoanalyse, RAF und Feminismus beschäftigen, denn hier gibt es viel zu entdecken.

Florian Halbeisen

Florian Halbeisen

Horrorfilme sind für mich ein Tor zu den unheimlichen, verstaubten Dachböden und finsteren, schmutzigen Kellern der menschlichen Seele. Hier trifft man alles von der Gesellschaft abgeschobene, unerwünschte, geächtete, begrabene: Tod, Schmerz, Angst, Verlust, Gewalt, Fetische, Obsession. Es ist eine Entdeckungsreise auf die "Schutthalde der Zivilisation".
Auf diese Reise würde ich euch gerne mitnehmen.
Florian Halbeisen

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8 Kommentare

  • Interessant, dass du das zentrale Thema des Films nicht einmal erwähnst: Wiedergeburt.
    Die ekelhaft von ihrer Gier nach neuem Leben deformierte und in ihrem Konsum dieses Lebens aufgequollene Helena Markos ist die falsche Wiedergeburt: ein ungestaltes schmatzendes Genießen (wie sie sich geifernd freut auf ihre letzte Verwandlung, die sie wieder jung und kraftvoll und ganz machen soll).
    Und Susie ist die richtige Wiedergeburt: wie sie das Thema tanzt, dann im Schlussakt zum Opfer bereit ist und sich die Brust zu einer Vagina öffnet und die verlorenen Seelen erlöst.

    • Florian Halbeisen
      Florian Halbeisen

      Hi Gerald,

      vielen Dank für deine Gedanken zum Film. Find ich sehr spannend!
      Wiedergeburt kommt im Text schon vor, aber du hast recht, ich rücke die Thematik nicht in den Vordergrund.

      Ist für mich aber eben auch nicht das zentrale Thema des Films. Ich finde es allgemein schwer bei diesem Film ein zentrales Thema zu erkennen, da der Film einfach so vielschichtig ist. Hier ging es mir einfach nur darum den Schlussakt für mich schlüssig zu erläutern. Im Artikel zu den Interpretationen fokussiere ich mich auf die Themen Spaltung, Emanzipation und das Ich aus einer psychoanalytischen Perspektive. Das waren für mich die drei Themenkomplexe, die mich persönlich am meisten angesprochen haben. Unsere Autorin wird noch was zur Thematik Schuld & Scham schreiben, da das für sie das prägnanteste Thema war.

      Aber wie gesagt, ich mag deine Gedanken dazu.
      Da du bei Markos Gier und Konsum ansprichst, klingt das für mich sehr nach einer Kapitalismuskritik. Würdest du dem folgen? Wenn ja, wofür steht dann Susie? Und wessen Wiedergeburt ist es?

      • Danke für deine Anmerkungen, Florian, ich versuche meine Sicht des Films kurz darzustellen:
        Ich sehe es wie du, dass Susie die mater suspiriorum ist ( es gibt dafür auch genügend Hinweise im Film). Wiedergeburt sehe ich weniger als gedankliches denn als filmisches Zentralthema: der Gang unter dem Tanzstudio als Initiations-Geburtskanal, die Netzartigen Haarteile, die alles verknoten, der Frauenkörper-Altar mit der Hohepriesterin, die wie ein Tier die Formel „Geboren“ (habe leider die deutsche Fassung gesehen) anstimmt, die zuckenden nackten Leiber der tanzenden Frauen, die die neue Ordnung gebären sollen, die gut und gerecht ist und nicht dem Genießen gehorcht, sondern den Anordnungen der MUTTER. Ich sehe das als matrimoniale Ordnung im ewigen Zyklus (auch deshalb das viele Blut) von Fürsorge, Grausamkeit und Vergebung. Die Referenz dazu ist übrigens auch psychoanalytisch (Lacan). Eine Ordnung der Wiedergeburt, in der jede empfangen wird und die MUTTER liebt, verzeiht und verzehrt. Und wie diese Ordnung der Frauen ihr Lachen und Weinen webt und die frischen Leiber der neuen Elevinnen einstrickt, wie grausam dieses Lachen sein kann und wie zärtlich und das gleichzeitig, wie diese Ordnung im Tanz die Rollen zuweist und die Körper verdreht, wie am Tisch das Lachen allen zufällt und wie diese Ordnung alles eindeckt und zum Summen bringt -das kann Mann in diesem Film gut sehen. Und auch, welche Opfer es in einer solchen Ordnung gibt.
        Das war jetzt etwas theoretisch, aber ich glaube, darum etwa ging es in diesem Film.

        • Florian Halbeisen
          Florian Halbeisen

          Sehr schön analysiert.
          Auf Lacan wollte ich zuerst in meinem Interpretationstext (http://www.yearsofterror.eu/2018/11/suspiria-2018-interpretationsversuche/) auch eingehen, aber ich habe dann beschlossen mich auf Freud und Jung zu beschränken, da das sonst den Rahmen gesprengt hätte.

          • Anscheinend liegst du mit Jung richtig: Tilda Swinton: „Our Suspiria is crucially occupied with the particular psychic atmosphere around motherhood. It draws heavily on the wisdoms of Erich Neumann’s seminal Jungian analysis set out in his book The Great Mother.“ http://www.anothermag.com/fashion-beauty/11121/tilda-swinton-on-her-multifaceted-performance-and-the-nature-of-horror?amp=1

          • Florian Halbeisen
            Florian Halbeisen

            Jung fand ich für mich relativ einleuchtend, allein schon weil zu Beginn bei Klemperer „Die Psychologie der Übertragung“ von Jung fett ins Bild gehalten wird. Da war mir zumindest klar, dass Jung hier definitiv eine wichtige Rolle spielen wird.
            Lacan wird aber im Film auch direkt erwähnt.

            Den ganzen Bereich der Mutterschaft habe ich aber allgemein ziemlich ausgeklammert. Einfach weil es den Rahmen gesprengt hätte. Über das Thema hätte man noch einmal 2.000 Wörter und mehr schreiben können.

            Und wie gesagt in meinen Augen gibt es hier kein richtig oder falsch. Kunst ist dafür da uns zu provozieren und was auch immer das Kunstwerk in uns auslöst, ist weder richtig oder falsch, sonder spiegelt unsere persönliche Beziehung mit dem Kunstwerk wieder.
            Wenn ich in 10 Jahren den Film noch einmal anschaue, werde ich mich auch persönlich verändert haben, d.h. der Film wird vermutlich in mir auch andere Teile zum Schwingen bringen und dementsprechend eine andere Resonanz erzeugen.

            Spannend zu lesen 🙂

  • Florian Halbeisen, Deine Erklärung über die Faszination von Horrorfilmen hat mich geflasht. Einfach perfekt ausgedrückt und auf den Punkt. Danke dafür.

...und was meinst du?