Suspiria (2018) – Interpretation

Suspiria - Interpretation

Luca Guadagninos Suspiria ist voll an Verweisen und Zusammenhängen. Wir versuchen zumindest ein paar Themen genauer zu beleuchten. Vom deutschen Herbst über Emanzipation bis hin zur Psychoanalyse.

Wenn ihr eine spoilerfreie Review zum Film lesen wollt, dann bitte hier entlang. Dieser Text wird voller Spoiler sein, also wenn ihr den Film noch nicht gesehen habt, würde ich euch ans Herz legen, dies zuerst zu tun und dann zurückzukommen.

Bevor wir jetzt aber in die Geschichte eintauchen, möchte ich darauf hinweisen, dass ich den Film bisher ein einziges Mal im Kino gesehen habe und mich mein Gedächtnis vielleicht das ein oder andere Mal im Stich lässt. Sobald der Film für den Heimkinomarkt erscheint, wird definitiv noch ein Update folgen. In der Zwischenzeit freue ich mich über alle Anregungen, Sichtweisen, eure Interpretationen und anderes Feedback von eurer Seite.

In diesem Text werde ich mich auf die Zusammenhänge und Verweise im Film konzentrieren, die mir besonders aufgefallen sind, versuchen diese zu deuten und ein paar Themen zu beleuchten, die Suspiria anspricht. Falls ihr wissen wollt, was zum Teufel am Ende von Suspiria überhaupt passiert ist, dann habe ich hier den perfekten Artikel für euch.

Im Folgenden möchte ich näher auf drei Themen eingehen, die für mich am deutlichsten den Film prägen. Das ist zum einen der politische Kontext in den Regisseur Guadagnino und Drehbuchautor Kajganich den Film einbetten, kombiniert mit dem Thema der Spaltung. Zum anderen das Thema der Emanzipation, welche eng mit der Geschichte der Hexerei verknüpft wird und zu guter Letzt möchte ich einen Blick auf die psychologische Ebene werfen.

Die politische Ebene. Thema: Spaltung

Es ist alles andere als ein Zufall, dass das neue Suspiria nicht mehr im pittoresken Freiburg im Breisgau spielt, sondern in die geteilte Stadt, nach Westberlin verlagert wird. Genau zu einer Zeit in der die linksterroristische RAF, die westdeutsche Republik in den deutschen Herbst führte. Eine Zeit, die von Anschlägen, der Entführung eines Lufthansa-Flugzeugs, der Ermordung des ehemaligen SS-Offiziers Hanns Martin Schleyer und der Selbstmorde von führenden inhaftierten Mitgliedern der RAF geprägt ist. Die Ereignisse rund um die RAF und speziell der Deutsche Herbst polarisierten die Gesellschaft.

Suspiria - Interpretation

Auf der Pinnwand bei der Polizei finden wir die vermisste Patricia (Chloe Grace Moretz) zwischen Fotos von führenden RAF-Mitgliedern wie Baader, Ensslin und Grashof. Wie auch ein Artikel aus dem Spiegel der sich mit RAF-Sympathisanten beschäftigt.

Suspiria spickt seine gesamte Story mit Verweisen auf den deutschen Herbst und erweitert das Bild in meinen Augen auch um die Wurzeln der RAF, welche in der deutschen Studentenbewegung der 60er liegen. Die als 68er-Bewegung bekannt gewordene linke Gegenkultur forderte in Deutschland vor allem eine Aufklärung über die Zeit des Nationalsozialismus, eine vollständige Entnazifizierung und einen konsequenten Antifaschismus. Worin sich auch ein Generationenkonflikt begründet, welcher sich ebenfalls durch den Film zieht.
Wir werden im Film Ohrenzeugen einer Bombe, die in den Straßen hochgeht, hören in den Nachrichten von Entführungen, vom Suizid der RAF-Mitglieder in Stammheim und von Protestmärschen. Die Wohnung und Praxis von Dr. Josef Klemperer steht inmitten von besetzten Häusern, die Mauer gegenüber der Tanzschule ist voll mit politischen Graffitis und das gezeigte Stadtbild ist von Punks geprägt.
Der politische Kontext wird direkt mit der Haupthandlung verwoben, wenn zum Beispiel Patricia als Teil der RAF porträtiert bzw. ihr eine ideologische Nähe attestiert wird. In einer weiteren Szene wird das führende RAF-Mitglied Ulrike Meinhof als Mutter ergo als Hexe betitelt und in den Aufzeichnungen von Klemperer finden wir die RAF-Terroristin Susanne Albrecht, die mit dem Coven in Verbindung gebracht wird.

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RAF-Terroristin Susanne Albrecht in Klemperers Notizen. Hier werden auch auf Verbindungen zur Ponto-Familie hingewiesen. Albrecht war 1977 an der Ermordung des Bankers Jürgen Pontos beteiligt.

Neben der Spaltung Berlins und der darüber hinaus gehenden politischen Welt im Zuge des kalten Krieges, der Spaltung der Gesellschaft in aufwühlenden, chaotischen Zeiten, gibt es auch eine Spaltung im Hexenzirkel. Früh im Film werden wir Zeugen einer richtungsweisenden Wahl: zwischen der alten Führung, der kultisch verehrten Helena Markos, und einer eventuell neuen, moderneren Ausrichtung unter Madame Blanc. Es ist natürlich kein Zufall, dass beide Rollen von Tilda Swinton verkörpert werden; ähnlich einem Januskopf, der die Dualität in der Welt symbolisiert – Schöpfung und Zerstörung, Leben und Tod, Anfang und Ende, Vergangenheit und Zukunft. Die römische Gottheit lehrt uns, dass das eine immer auch das andere in sich birgt und jede Seite allein sich einer objektiven Bewertung entzieht, sie ist weder gut noch schlecht.
So leben wir auch heute in einer Zeit tiefster Spaltung. Wie im Coven wird man automatisch einer Seite zugerechnet. Für Markos oder für Blanc. Auch heute wird uns von außen aufgedrückt uns für eine Seite entscheiden zu müssen. Gutmensch oder Nazi, dazwischen scheint es keine Nuancen mehr zu geben. Eine gefährliche Entwicklung, die bei Suspiria erst durch das Erscheinen einer uralten Gottheit und einem Blutbad überwunden werden konnte. Dies ist nicht per se gut oder böse. Es ist der Anfang von etwas Neuem. Hier zeigt sich auch ein Machttransfer von einer alten zu einer neuen Generation, was natürlich nicht zwingend mit einer Weiterentwicklung einhergeht.
Susie fragt an einer Stelle danach, wie Menschen glauben können, dass wir das Schlimmste schon hinter uns haben. Wenn wir nicht aufpassen, steht uns das Schlimmste immer erst noch bevor.

Die soziologische Ebene. Thema: Emanzipation

Suspiria ist ein durch und durch weiblicher Film. Die führenden Personen sind allesamt Frauen und selbst der einzige Mann, der im Film eine größere Rolle spielt, wird von Tilda Swinton verkörpert. Wie schon bei Helena Markos und Madame Blanc: kein Zufall. Männer haben in der Hexenwelt von Suspiria keine Macht. Allein schon an der Darstellung von (schlaffen) Penissen ist klar, dass diese hier in keiner Machtposition sind.
Der Hexenzirkel selbst wird zuallererst als Schwesternschaft zum Schutz von Frauen dargestellt. Es gibt einen Satz im Film, dass die Nazis bei Frauen den Uterus offen und den Mund geschlossen haben wollten, was in diversen reaktionären Kreisen nach wie vor der Fall ist. Zu Beginn fällt zudem ein weiterer bemerkenswerter Satz, als Susie offenbart wird, dass das Internat der Tanzschule kostenlos sei: „Ich weiß wie wichtig es für Frauen ist, finanziell unabhängig zu sein“. Dies ist vor allem deswegen spannend, weil Suspiria am Ende der „zweiten Welle“ der Frauenrechtsbewegung spielt. Ging es bei der „ersten Welle“ noch um grundsätzliche politische Rechte wie das allgemeine Wahlrecht, rückte jetzt finanzielle und körperliche Selbstbestimmung stark in den Fokus. 1976 wurde in Berlin das erste Frauenhaus eröffnet und bis 1977 mussten Frauen in Österreich ihren Ehemann um Erlaubnis fragen, wenn sie arbeiten wollten.

Suspiria - Interpretation

Ein Teil des Hexenzirkels

In einer Szene wird explizit erläutert, dass die Tanzschule zum Schutz von Frauen gegründet wurde. Jedoch hat sich der Coven unter der Führung von Markos von diesem Ideal entfernt. Die Schülerinnen der Schule werden für den Machterhalt der Schulmütter missbraucht und daneben scheint ihr einziges Ziel zu sein, sich an denen zu rächen, die ihnen Unrecht getan haben. So werden die einzigen Männer, die im Film vorkommen, eben der Psychotherapeut Josef Klemperer und zwei Polizisten, ausgezogen und erniedrigt. Eine Hexenmutter wirft Klemperer vor, den Frauen, die zu ihm kamen, nie geglaubt, sondern ihnen vielmehr eingeredet zu haben, dass sie Wahnvorstellungen hätten. Dies ist ein klarer Hinweis auf die Vergangenheit der Psychiatrie, in der Frauen, die sich nicht ihrer unterwürfigen Rolle fügen wollten, als hysterisch diagnostiziert, in Irrenanstalt weggesperrt oder gleich lobotomiert wurden.
Jedoch missbrauchen Markos und ihre Anhängerinnen die Idee hinter dem Coven für ihre Zwecke, wodurch sie schlussendlich von Mater Suspiriorum getötet werden. Hier kann durchaus auch Kritik an feministischen Gruppierungen gesehen werden, die von ihrem ursprünglichen Ziel abgekommen sind und sich einerseits nur noch in interne Machtkämpfe verstricken und/oder deren Tun nur noch von Rache getrieben ist und die dies zudem auf dem Rücken Unschuldiger austragen.

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Susie nimmt am Kopfende Platz und übernimmt damit symbolisch die Führung des Covens

Susie/Mater Suspiriorum entschuldigt sich am Ende bei Josef Klemperer dafür was ihre Töchter ihm angetan haben. Sie würden ganz viel Schuld und Scham brauchen, aber nicht von ihm. Ein eindeutiger Appell daran, die Ungerechtigkeiten, die Frauen über Jahrhunderte angetan wurden und nach wie vor werden, ernst zu nehmen und anzuprangern, aber dafür keine Unschuldigen oder ganze Gruppen pauschal in Geiselhaft zu nehmen.
In der Konstellation Markos, Blanc und Susie bzw. Mater Suspiriorum kann man grundsätzlich einen Generationenkonflikt des Feminismus lesen, welcher schlussendlich von der jungen Susie mit Hilfe der alten Ideale (Mater Suspiriorum) aufgebrochen wird. Nach der gewaltsamen Beendigung von eitlen Führungskämpfen und altem Groll, kann es hoffentlich zu einer Weiterentwicklung kommen.

Psychologische Ebene. Thema: Das Ich und die Archetypen.

Als zu Beginn Patricia die Praxis von Psychotherapeuten Josef Klemperer stürmt, wühlt sie sich durch einige seiner Bücher. Unter anderem wird dabei ein Buch von C.G. Jung prominent ins Bild gerückt. Ein Hinweis, der uns bei der Interpretation durchaus eine große Hilfe sein kann.

Zur Interpretationshilfe können wir zuerst Freuds Strukturmodell der Psyche folgen und Tilda Swintons Rollen dem Es, Ich und Über-Ich zuordnen. Dementsprechend wäre Helena Markos das Es: lebt im Verborgenen/im Unbewussten, ist triebgesteuert, primitiv, handelt aus Instinkt und Impulsivität. Wie unser Es von der Außenwelt ferngehalten wird, so bleibt auch Markos in den Tiefen der Tanzschule versteckt, von wo aus sie ihre Macht ausübt. Sie ist allein an einer sofortigen Triebbefriedigung interessiert, welche Folgen dies für sie oder den Coven hat, ist ihr egal.
Das Über-Ich wird durch Josef Klemperer personifiziert. Das Über-Ich enthält nach Freud soziale Normen, Werte und Moral, welche wir vor allem durch unsere Erziehung erwerben. Dieser Teil unserer Psyche ermahnt uns immer entsprechend dieser Normen zu leben, wenn wir dies nicht tun, kommen das schlechte Gewissen und Schuldgefühle ins Spiel. Klemperer spiegelt nun genau jene Elterngeneration bzw. Gesellschaft wieder, die uns diese Normen aufdrückt.
Madame Blanc wiederum stellt das Ich dar, welchem nach Freud die Aufgabe zukommt, zwischen Über-Ich und Es zu vermitteln. Dementsprechend ist Blanc das Gesicht der Tanzschule, die Stimme nach außen. Auch wenn sie an Markos Zielen und Plänen mitarbeitet, so stellt sie doch ein Korrektiv dar, das dem unbändigen Verlangen von Markos Paroli bietet. Im Finale hat das Es das Über-Ich in die Knie gezwungen und als das Ich sich entgegenstellen wollte, dieses beinahe getötet.

Suspiria - Interpretation

Helena Markos – das triebgesteuerte ES

An diesem Punkt würde ich gerne Jung ins Spiel bringen, der auf den psychoanalytischen Theorien von Freud aufbaut. Jungs teilt die Psyche in die drei Teile: Ich, persönliches Unbewusstes und kollektives Unbewusstes. Das Ich umfasst einen Komplex an Vorstellungen von sich selbst und Identifikationen. Im persönlichen Unbewussten sind eng mit dem Ich verknüpfte Komplexe, die wir vergessen oder verdrängt haben. Das kollektive Unbewusste ist insoweit vom persönlichen abzugrenzen, dass diesem keine persönlichen Erfahrungen zugrunde liegen. Jung spricht hier zum Beispiel von Träumen und Motiven aus Religionen, Mythen und Märchen, welche in Form von Archetypen auf die Psyche aller Menschen einwirken.
In Suspiria können wir einige von Jungs Archetypen entdecken, wie zum Beispiel Madame Blanc als die Mutter, Susie als das Kind, Klemperer als der weise, alte Mann und Markos als Trickster (Schwindler). Ich möchte mich hier jedoch auf drei Archetypen beschränken: Persona, Selbst und Schatten. Die Persona ist unsere Repräsentation nach außen, ganz wertfrei, unsere Maske. Es entspricht dem Ideal-Ich, welches wir nach außen zeigen wollen. Der Schatten ist der Gegenpol zur Persona. Hier finden wir alle Persönlichkeitsanteile, die eben nicht unserem Ich-Ideal entsprechen. Hier ist der Ort des Verdrängten, der Ort aus dem der Horrorfilm seine Kraft zieht, der Ort der Monster. Das Selbst beschreibt die Einheit oder Ganzheit der Psyche. Das Selbst ist nach Jung das Ziel eines lebenslangen Individuationsprozesses, bei dem die unterschiedlichen Aspekte einer Persönlichkeit bewusst gemacht und vereint werden.
Bei Suspiria ist Susie die Persona; die freundliche, ehrgeizige Tanzschülerin. Das Monster aus dem Untergrund repräsentiert, wie so oft im Horror, den Schatten. Als Susie sich schlussendlich als Mater Suspiriorum, das Selbst, offenbart, sagt sie „It is I.“ – Es, das Unbewusste und Verdrängte, ist ich. Sie akzeptiert damit die unbewussten Aspekte ihrer Psyche und kann auf diese Weise zu einem Ganzen verschmelzen.

Suspiria - Interpretation

Susie offenbart sich als Mater Suspiriorum und reißt ihre Brust zu einer vaginalen Öffnung auseinander.

Epilog

Komplett überinterpretiert? Nie im Leben haben sich Guadagnino und Kajganich das bei der Entwicklung des Films gedacht? Das mag schon sein, halte ich aber ehrlich gesagt auch für vollkommen irrelevant. Bei Kunst geht es für mich nicht darum, was die KünstlerInnen sich dabei gedacht haben, sondern was es bei mir auslöst. Suspiria war für mich voll an Verweisen, die ich für mich deuten und mit euch teilen wollte. Dies ist selbstverständlich nicht allgemeingültig und ihr werdet mitunter auf komplett andere Ergebnisse kommen. Vielleicht findet ihr euch auch in manchen Interpretationen wieder. Ich würde mich auf jeden Fall sehr freuen, mit euch über den Film zu diskutieren und eure Sichtweisen kennen zu lernen!

Bildquelle: Suspiria © Amazon Studios

Florian Halbeisen

Florian Halbeisen

Horrorfilme sind für mich ein Tor zu den unheimlichen, verstaubten Dachböden und finsteren, schmutzigen Kellern der menschlichen Seele. Hier trifft man alles von der Gesellschaft abgeschobene, unerwünschte, geächtete, begrabene: Tod, Schmerz, Angst, Verlust, Gewalt, Fetische, Obsession. Es ist eine Entdeckungsreise auf die "Schutthalde der Zivilisation".
Auf diese Reise würde ich euch gerne mitnehmen.
Florian Halbeisen

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4 Kommentare

  • Ich habe mir auch einige Gedanken zu den zwei Verfilmungen von Suspiria gemacht:

    Suspiria (1977, 2018)

    Dario Argento greift in Suspiria auf vielerlei Themen zurück, die auch Luca Guadagino in seiner Neuverfilmung verwendet.
    Am offensichtlichsten ist die in Argento‘s Suspiria immer wieder kehrende Titelmusik. Immer wieder kehrende hohe Töne, ein leises Geschrei und geheimnisvolles Flüstern erwecken mit den rhythmischen Trommelschlägen und dem Fehlen jegliches Höhepunktes geschweige denn von Spannungen in der Musik das Gefühl, bei einer Hexenzeremonie anwesend zu sein. Guadagino benutzt den sich durch den ganzen Film ziehenden Tanz, um eine Hexenzeremonie zu inszenieren. Der Tanz scheint wie eine gesteuerte Abfolge von ruckartigen Bewegungen, die plötzlich zum Stillstand kommen. Doch als Susie das erste Mal die Hauptrolle von „Volk“ tanzt, zeigt sich, dass Susie beim Tanzen nicht besessen ist, sondern den Körper einer anderen besitzt. Ihre ruckartig anhaltenden wilden Bewegungen dienen dazu, eine ehemalige Schülerin wild durch einen verspiegelten Raum zu schleudern und sie zu deformieren.
    Weiters taucht in Argento’s originalem Suspiria die rote Farbe immer wieder auf. Lange Gänge sind mit ihr ausgemalt, aber auch verschiedene Lichter strahlen die Farbe aus. Guadagino setzt die rote Farbe durch viel Blutvergießen um, aber auch durch verschiedenste Lichter, die ab und zu die Hexen bescheinen. Man kann annehmen, dass Guadagino durch das zyklische Auftreten der Farbe Rot in Form regelmäßigen Blutvergießens den weiblichen Zyklus inszeniert.
    Die vaginalen Türformen in Argento’s Film setzt Guadagino nicht überzeugend um, aber auch der Raum, der in Argento’s Version scheinbar nie zu Ende ist, ist bei Guadagino schwächer umgesetzt in Form verschiedener geheimer Räume. Der Effekt des Lichtes, das bei Argento immer wieder von der oberen Hälfte des Bildes hervorscheint, fehlt bei Guadagino’s dunklen Interpretation des im Jahre 1977 erschienen Filmes vollkommen.

    In Argento’s Suspiria bespricht Susie Markos Leben mit einem Psychologen. Der Psychologe erzählt ihr, dass Markos damals in einem Feuer umgekommen ist. Doch als Susie den geheimen Raum, in dem sich die Hexen jede Nacht aufhalten, findet, stößt sie auf eine noch lebende schlafende Markos. Durch Susie’s Unachtsamkeit wird diese aber geweckt und geht in Gestalt eines anderen Mädchens auf Susie los. Diese erkennt aber durch Lichtreflexionen am unsichtbaren Köpers der Hexe, wo sich diese befindet und rammt ihr eine dolchartiges Stück Glas in den Hals. Daraufhin stirbt die Hexe scheinbar und als Susie aus dem zusammenfallenden Haus flüchtet, bricht, nachdem Susie das Haus verlassen hat, ein Feuer aus. Es ist also offensichtlich, dass Susie Markos nicht getötet hat, sondern sie ein Teil eines ewigen Zyklus ist.
    Guadagino fasst das zugrundliegende Thema des Filmes durch die Wiedergeburt zusammen. Als Susie durch einen langen dunklen Gang, an dessen Ende sich ein Licht befindet (vom Tod ins neue Leben), zu ihrer Opferung schreitet beginnt der Akt der Wiedergeburt. Sie betritt am Ende des Ganges einer Saal in dem alle Hexen versammelt sind. In dem Saal der Opferung tanzen Mädchen wild auf dem Boden herum und jeder im Saal hat seinen zugewiesenen Platz. Auch Mutter Markos ist bei der Zeremonie anwesend. Die graue Gestalt, die sich aus den Körperteilen der früheren Opferungen zusammensetzt freut sich auf die Opferung. Madame Blanc jedoch will Susie abraten sich zu opfern und daraufhin erkennt Markos die schon zu lange anhaltende Feindschaft zwischen den beiden an und tötet sie. Daraufhin entscheidet sich Susie dazu, sich für Markos zu Opfern, und wird, weil sie den Tod nicht fürchtet, zur Göttin Suspiriorum und beginnt daraufhin Markos und jeden der am Anfang des Filmes dafür war, dass Markos die Mutter der Hexen bleibt, zu töten. Jede die für eine neue Mutter, vertreten von Madame Blanc, gewählt hat, bleibt am Leben. Auch den Schülerinnen die sich für Markos opfern wollten, wird die Entscheidung zwischen dem Leben und dem Tod gewährt. Alle entschieden sich zu sterben. In diesem Akt des Tötens, das mit dem Verlust des Blutes der Frau bei der Geburt, gleichzusetzen ist, geht Lucie als neue Mutter hervor, indem sie ihre Brust zu einer Vagina öffnet. Sie schreitet durch den Saal und wird im Schlussbild der Szene von allen noch anwesenden als neue Mutter verehrt. Die Position der Mutter der Hexen wird neugeboren. Auch der Psychoanalytiker Klemperer ist bei der Zeremonie anwesend und nimmt dort die Position des Opfers ein. Dieser wird vollkommen zerstreut nach Hause geschickt und empfängt am nächsten Tag die neugeborene Mutter Susie. Diese erzählt Klemperer, wie seine Frau in Konzentrationslager Dachau gestorben ist. Daraufhin ist dieser vollkommen erschüttert und beginnt zu weinen. Susie Bannion nimmt daraufhin ihre erste Aufgabe als Mutter an, indem sie die ganze Verantwortung des Lebens des Klemperer auf sich nimmt und ihn sein Leben vergessen lässt. Dr. Josef Klemperer wird daraufhin ebenfalls wieder geboren, doch als Kind der Mutter Bannion.

  • Suspiria 2018 hat mich auf das Argento-Original von 1977 gebracht, das mich total geflasht hat; das Original ist imho tiefgründiger und radikaler als das Remake und fordert geradezu einen psychoanalytischen Blick. Der Film verwirrt den Zuschauer so umfassend, dass sich diesem seine zentrale Blick-Stimme-Raum-Achse verschiebt und entzieht und ihn ein seltsames Unbehagen, eine Verdrehung und Verzerrung erfasst. Vieles wird nicht so gewesen sein, wie es ihm schien.
    Der BLICK: Der Zuseher hat die Szene im Blick, aber darüber liegt ein Blick, der ihn erfasst: die seltsam vaginal geformten Türen im Schlafraum der Protagonistin mit der Doppelöffnung oben, die den Zuseher anblicken, während er glaubt, selbst alles im Blick zu haben: eine Situation, in der das Kino selbst sich zeigt, als Ort, wo wir mehr den Irrtum unseres Sehens einsehen und gewahr werden, dass wir dort sind, wo wir gesehen werden.
    Die STIMME: die Filmmusik, die sich dem Filmcode entsprechend an den Zuseher wendet und für die Protagonistinnen unhörbar ist, ist ein ewig verlängerter Spannungston (Carpenter verwendete das dann in dieser Form für seine Action- und Horrorfilme) ohne Einlösung und ohne Erlösung mit einem Zwischengemurmel von Gesprächs- und Beschwörungsstimmen. Der Zuseher findet neben und zwischen der Sicherheit des gestalteten Gesprächs- und Handlungsraums der Protagonstinnen keinen Ort für diese Stimmen-Musik, sie ergreift und (ent)wendet ihn.
    Der RAUM: Die Türen haben die Erfahrung des Zusehers schon geöffnet auf den Raum hinter und neben den Protagonistinnen (diese zählen die Schritte, um die Sicherheit ihrer Erfahrung wieder zu erlangen). Im Finale des Films wird sich dann der Raum selbst auflösen über das zunehmende Geflecht von Gängen, Tapeten und Türen in ein Gespinst von Vorhängen und Mustern – der Zuseher verliert seine letzte Orientierung und ist dann mit der Protagonistin irgendwie froh, dass das alles niederbrennt – aber auch ort- und ratlos, seltsam unbefriedigt über dieses Ende. Er ist noch einmal davongekommen, weiß aber genau, wovor und für wie lange.
    Ein wirklich großartiger Film, Suspiria 1977, finde ich.

  • Geniale Interpretation! Danke

...und was meinst du?