Our Evil (2017) – Review

Our Evil

Mit Our Evil debütiert der brasilianische Regisseur Samuel Salli und schuf einen fundamentalistisch-religiösen Horrorfilm, der selbst Regan MacNeil die Dämonen ausgetrieben hätte.

Originaltitel:
Land:
Laufzeit:
Regie:
Drehbuch:
Cast:

Mal Nosso
Brasilien
92 Minuten
Samuel Galli
Samuel Galli
Fernando Cardoso, Ricardo Casella, Reinaldo Colmanetti u.a.

Handlung

Zunächst sei eine Warnung ausgesprochen, da es mir nicht möglich ist, den Film zu rezensieren, ohne relevante Teile der hanebüchenen Handlung aufzugreifen.

Im Deep Web sucht Arthur nach einem Auftragsmörder und stößt durch ein Snuffvideo auf Charles, der offensichtlich Freude bei seinen grausamen Folterungen empfindet. Über einen Chat verabredet sich Arthur mit dem sadistischen Killer in einem Stripclub. Dort überreicht er ihm die Anzahlung für den Mord und einen USB Stick mit allen Instruktionen. Ein Ordner darin ist jedoch verschlüsselt und der Zugriff darauf soll erst nach der Tat erfolgen. In einem Video schildert der Protagonist die Hintergründe seines Auftrags, dem Mord an ihm selber und seiner Adoptivtochter.
Darin erzählt er, dass er seit seinem frühen Erwachsenenalter im Bund mit Gott steht. Er soll seine für ihn belastende Gabe, die Geister von Toten zu sehen, dazu nutzen, ihnen aufopferungsvoll zu helfen, statt sich umzubringen. Dies geschieht, indem er beispielsweise der Polizei Hinweise für die Aufklärung von Verbrechen gibt. Des Weiteren erzählt Arthur die Geschichte, dass er eines Tages mit dem Ableben einer Frau konfrontiert wurde, die vom Teufel besessen war, womit er dem Jungen aus The Sixth Sense einiges voraus ist, der ja lediglich Geister sehen kann. Ihm gelang es, das Böse kurzzeitig zu bezwingen, doch Gott kündigte an, dass ihre kleine Tochter, die Arthurs später adoptiert dasselbe Schicksal ereilen wird. Kurz vor ihrem 20. Lebensjahr ist Arthur gezwungen, für ihr Ableben zu sorgen, denn die Ankunft Satans und der Tag des jüngsten Gerichts steht kurz bevor.

Ein filmischer Sündenfall bahnt sich an

Bis das erste Wort gesprochen wird, vergehen einige Minuten, die wohl dem Spannungsaufbau dienen sollen. Doch schnell wirkt der Film sehr zäh und lediglich die Unvorhersehbarkeit der Handlung kann das Interesse am Film aufrecht erhalten. Zwar kann das Geschehen in manchen Szenen zunächst mit einem dreckigen Look aufwarten, doch dieser wirkt zu gezwungen, um sich als Zuschauer vereinnahmen zu lassen. Die Morde zu Beginn sind durchaus unangenehm anzusehen, doch es lässt sich erahnen, dass die Zuschauer kein erneutes Hostel-Plagiat erwarten dürfte, denn dazu setzt Regisseur Samuel Galli zu sehr auf die Undurchsichtigkeit der Handlung. Was zunächst wie ein Folterfilmchen beginnt, mündet in einen Mysterythriller mit Drama-Elementen der Marke The Sixth Sense, der lückenhaft erzählt ist und am Ende lediglich eines zurück lässt: Verärgerung.

Im Angesicht der filmischen Hölle

Beim zentralen Anliegen von Drehbuchautor und Regisseur Samuel Salli liegt das Problem von Our Evil begründet: Der Film scheint vorrangig der Indoktrination christlicher Glaubensvorstellungen zu dienen. Einen Genrefilm mit religiösen Aspekten anzureichern, kann durchaus gelingen. Ein Regisseur sollte es sich jedoch nicht zur Hauptaufgabe machen, einen Film für die Missionierung zu missbrauchen. Samuel Galli macht genau das und inszenierte mit Our Evil einen Propagandafilm.

Gott in Erscheinung eines Zirkusartisten fungiert als Mentor von Arthur und lädt den Protagonisten in sein Reich ein. In einem Gespräch fordert er die Opferungsbereitschaft des Protagonisten zugunsten der Erlösung der „reinen Seelen“ ein. Man mag es Blasphemie nennen, das Himmelreich als Zirkus darzustellen und Gott als Artisten, der das Ausbleiben der Zuschauer betrauert. Doch der Zirkus, welcher zumeist Kinder begeistert, kann auch als ein Ort kindlicher Unschuld gesehen werden, die der sündhaften Natur der Erwachsenen gegenübersteht. Repräsentativ dafür steht der Stripclub, in den Arthur von Charles eingeladen wird. Ihr erstes Aufeinandertreffen erfolgt in der Toilette, die häufig für Geschlechtsverkehr, Drogenhandel und -konsum herhalten muss. Diese ist in tiefen Rottönen gehalten und repräsentiert die Hölle. Als Ort unchristlichen Handelns lässt sich das sündige Volk natürlich nicht so einfach die Toilette herunterspülen, doch zeigt es, mit welch plakativen Mitteln der Regisseur arbeitet.

Our Evil

Dieses simple Gut/Böse-Spiel setzt sich auch bei der Charakterzeichnung der Figuren fort. Zum 20. Geburtstag der Adoptivtochter ist der Zeitpunkt gekommen, dass die junge Dame von ihrem Schicksal befreit werden muss. Vorher erklärt sie, dass sie Medizin studieren möchte, um Kindern zu helfen. Kurz darauf wird sie von dem misanthropischen Auftragskiller erschossen. Doch über diese in ihren Extremen gesteigerte Schwarz/Weiß-Malerei, die ein gottgefälliges Leben von einer sündigen Existenz kontrastieren soll, zeigen sich die wahren Abgründe dieses Werks auf. Richte dein Handeln zum Wohlgefallen Gottes aus, sonst gibt es auch keinen Zutritt in den Himmel. Es sei denn, Gott gibt sein Okay für unchristliche Handlungen. Auch Arthur fragt zögerlich, welche Folgen der Auftragsmord an seiner Adoptivtochter hat. Doch dieser dient schließlich einem höheren Zweck, ist göttlich legitimiert und daher hat Arthur keinen Ausschluss aus dem Himmelreich zu befürchten. Eigentlich fehlt der Szene noch der Jubel gewaltbereiter Fundamentalisten als Untermalung des Geschehens. Und wenn im Himmel wieder alle beisammen sind, ist es auch nicht länger von Bedeutung, dass der Protagonist den Tod eines unschuldigen Lebens auf dem Gewissen hat.

Für diese Erkenntnisse können wir Salli nur zu tiefem Dank verpflichtet sein. Der Teufel ist mittlerweile auf der Erde und fand mit Charles ein Opfer. Das im Film gezeigte Himmelszelt bietet hingegen nicht viel Platz. Eine kümmerliche Anklage an die sündige Menschheit. Doch kaum sind darauffolgend die Credits für einige Sekunden eingeleitet, erwartet den Zuschauer der Gipfel seiner religiösen Absichten. Zum Abschluss lächelt Gott angesichts der im Himmel wiedervereinigten Familie, bevor er in Blickrichtung des Zuschauers dieses zu einer mahnenden Miene verzieht.

Fazit

Our Evil ist in jeder Hinsicht unterdurchschnittlich und lediglich seine Unvorhersehbarkeit kann den Zuschauer anfangs minimal bei Laune halten. Doch in seiner Funktion ist der brasilianische Beitrag zum Horror- und Mysterygenre ein billiges und plakatives Propagandafilmchen, das keine nennenswerten Schauwerte besitzt. Zumindest lernen die Zuschauer, dass sie ein gottgefälliges Leben führen sollen, ansonsten kommt man in die Hölle! Our Evil wird dort übrigens in Dauerschleife gezeigt.

 

Bewertung

SpannungRating: 0 von 5
Atmosphärerating1_5
Gewalt Rating: 2 von 5
Ekel Rating: 1 von 5
Story Rating: 1 von 5

Bildquelle: Our Evil © Pierrot Le Fou

Jan

Jan

Horrorfilme bieten die Möglichkeiten, die Kreativität auszuloten und die nicht zu unterschätzende Fähigkeit, mit den Mitteln des Films Spannung, Schrecken und Angst auf eine Weise zu erzeugen, die bestenfalls selbst bei wiederholender Betrachtung immer wieder funktioniert. Zudem ist es höchst interessant, wie Horrofilme die Ängste der Bevölkerung abbilden können, dabei charakteristisch für die Zeit stehen, in der sie entstanden sind und dennoch in ihrer Essenz zeitlos sind.
Jan

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2 Kommentare

  • Hallo!
    Also, normalerweise lese ich immer nur Artikel zu Filmen und halte mich mit Kommentaren eher zurück – aber nach deiner Kritik muss ich einfach mal was loswerden.

    Kürzlich habe auch ich den Film gesehen und fand ihn wirklich gut.
    Tatsächlich beschäftigt er mich jetzt noch.
    Ich habe ihn keinen Moment lang als Stück zur Bekehrung und Missionierung empfunden. Bin auch selbst kein Stück religiös, weswegen ich für solche Absichten ziemlich feine Antennen habe.
    Eher sah ich das Gegenteil: Der Clown im Zirkus kam mir von Anfang an komisch (aber nicht zum Lachen) vor. Als er Arthur an einem gewissen Punkt erzählte, „er“ würde ihn „an seinen Sohn“ erinnern – oder so ähnlich -, da klingelte etwas bei mir. Auch die ganze restliche verschwurbelte Redeweise dieses Clowns (der auch meinte, er wäre mal genau wie Arthur gewesen) erinnerte mich eher daran, daß es Arthur mit dem Leibhaftigen Beelzebub zu tun hatte, der im Hintergrund die Strippen zieht, um „seinen Sohn“ auf die Erde zu bringen und dafür einen durch und durch menschenhassenden Typen als Gefäß für ihn zu benutzen.
    Dafür, daß der Clown eher Satan als Gott ist, gibt es im ganzen Film viele Indizien. Daß es sich um Gott handeln soll, denke ich persönlich wirklich nicht.
    Allein dieser Blick, den uns Clownie am Ende zuwirft, ist meiner Meinung nach sehr aussagekräftig:
    „He, he, mein Plan ist aufgegangen – und jetzt die Apokalypse“, sagt dieser meiner Meinung nach.
    Mit einem Schlag bekommt der Film dann – in allerletzter Sekunde – eine äußerst düstere Wendung, sollte man sich zu sehr über Arthurs Wiedersehen mit seinem Zögling freuen.

    Denk mal genauer drüber nach: Macht es Sinn, daß Gott Arthur zum Töten seiner eigenen Tochter benutzt, Arthur zum Sterben ermuntert und einen anderen (obgleich sehr bösartigen) Menschen ebenfalls zum Tod verdammt?
    Klingt nicht grade so, wenn Du mich fragst.
    Dann gab es diese Szene, in der Charles auf ein Bild mit seinem Papaclown schaut – der genauso aussieht, wie der, den Arthur immer besucht. Da dachte ich mir: Wieso soll das relevant sein? Arthur wusste nix von diesem Papaclown und Arthur nicht, wie Charles‘ Papa aussah – wieso soll es also wichtig sein, daß sie gleich aussehen?
    Die Antwort, dachte ich: Es IST NICHT relevant. Arthur erzählte von „einem Clown“ und bei Charles ging die Erinnerung an Papa durch den Kopf.
    Das wurde zur Verwirrung eingestreut, denke ich.
    Ich könnte noch ein paar Beispiele nennen, aber ich denke, daß Du auch so weißt, auf was ich raus will.

    Zusammenfassend kann ich sagen, daß der Regisseur hier einen außergewöhnlich interessanten, schockierenden und tiefgründigen Slowburner geschaffen hat, welcher wohl auf jeden anders wirken kann und viel Raum für Interpretationen lässt.
    Je nachdem, wie man es betrachtet, ist es dann entweder ein stinklangweiliger Film mit ein bisschen Gore, ein missionierender Film, ein bitterböser manipulativer Film usw.
    Auch hat er Re-Watch-Qualität, bei der man weitere Hinweise auf das Eine oder Andere entdecken kann.

    Würde mich freuen, wenn Du dir den Film nochmal ansehen würdest – wie er DANN auf dich wirkt.

    Für mich rangiert Our Evil unter den Top 3 Horrorfilmen des vergangenen Jahres.
    Hereditary und Mother! sind aus dem gleichen Holz geschnitzt.
    Alle drei sind keine leichte Kost, clever und köcheln auf kleiner Flamme.

    Hoffe, Du liest das hier und gibst dem Film noch eine Chance 😉

    Liebe Grüße
    Doofnuss

    • Jan

      Hallo,
      zunächst einmal vielen Dank für Deinen ausführlichen Kommentar 🙂 Ich habe ihn mit großem Interesse gelesen und finde Deine Argumente nachvollziehbar. Meine Sichtung liegt jetzt eine ganze Weile zurück, sodass ich mich leider nicht mehr an jede Einzelheit und der genauen Abfolge des Geschehens erinnern kann. Dennoch möchte ich Dir antworten.
      Der Verweis, dass Arthur den Clown an seinen Sohn erinnert, ist meiner Auffassung nach ein Bezug auf Jesus, wobei eine plurale Deutungsweise der Aussage durchaus zutreffen kann. Deine Interpretation erscheint mir schlüssig, wenn ich sie jedoch nicht zustimmen kann.
      Deinem ersten Anhaltspunkt bekräftigst Du abschließend mit dem Argument, dass der Blick, den der Clown dem Betrachter zuwirft, suggerieren soll, sein teuflischer Plan sei aufgegangen. Ich habe dies nie so aufgefasst und bin nach wie vor der Meinung, dass es eher der Ermahnung des Zuschauers zu einem gottgefälligeren Leben dienen soll. Zudem denke ich, wäre es der Plan des Teufels gewesen, hätte er sicher hämisch gelächelt. Der Blick wirkt auf mich jedoch eher als Appell. Dennoch ein interessantes Gegenargument Deinerseits.
      Du fragtest, ob es einen Sinn ergibt, dass „Gott Arthur zum Töten seiner eigenen Tochter benutzt, Arthur zum Sterben ermuntert und einen anderen (obgleich sehr bösartigen) Menschen ebenfalls zum Tod verdammt“. In der Logik des Filmes, meiner Auffassung nach, schon. Zunächst einmal tötet Arthur seiner Tochter nicht selbst, die Aufgabe ist ja Charles zugewiesen, sodass sich Arthur nicht als Täter versündigt. Sicherlich kann man argumentieren, dass er als Auftraggeber Schuld an der Tat ist, jedoch laste ich dies einer schlechten Drehbuchkonstruktion an. Der Ausbruch der Hölle über die Erde ist unausweichlich, doch bevor dies geschieht, sollen sich Arthur und seine Tochter in Gottes Anwesenheit wissen (erst darauf bricht die Hölle aus, soweit ich mich erinnere). Das Beisein weniger anderer Menschen veranschaulicht, wie wenig Menschen nach dem Willen Gottes gelebt haben und treffen in einem Zirkuszelt aufeinander, dass ich als Ort kindlicher Unschuld deute. Somit ist der Film meiner Ansicht nach Zeugnis von christlichem Fundamentalismus, was auch erklärt, warum der Sünder Charles zum Tode verdammt ist. Arthur und seine Tochter hingegen finden sich im Paradies wieder.
      Ein weiteres Mal ansehen werde ich ihn sicherlich nicht, da muss ich Dich leider enttäuschen. Von meinem Vorwurf der Indoktrination christlicher Moral abgesehen, empfand ich den Film in jeder Hinsicht als weit unterdurchschnittlich (um es vorsichtig auszudrücken). Für die Sichtung lag mir ein Presse-Screener vor, dessen Zugang mittlerweile nicht mehr möglich ist und Geld gebe ich lediglich für Filme aus, die mir aus verschiedenen Gründen viel bedeuten. Ich muss jedoch zugestehen, dass meine Überempfindlichkeit auf (scheinbare) christliche Motive meine Auffassung getrübt haben kann. Jedoch sehe ich meine Argumentation nicht entkräftet. Eine plurale Deutungsmöglichkeit möchte ich dem Film nach dem Lesen Deines Feedbacks aber zugestehen. Ich hoffe, ich kann Dich damit halbwegs vertrösten!
      Übrigens finde ich es gut, dass Du dich nachhaltig mit dem Film beschäftigst. Dies ist nach meiner Erfahrung bei Weitem nicht selbstverständlich. Nur Mut, Dich öfter in den Kommentaren zu zeigen, sofern Zeit und Lust es Dir ermöglicht.

      Liebe Grüße, Jan

...und was meinst du?