Boarding School (2018) – Review

Boarding School

In Boaz Yakins (Gegen jede Regel) neuestem Film leidet ein 12jähriger unter Alpträumen, muss sich mit seiner eigenen Identität auseinandersetzen und wird auf eine Boarding School geschickt, wo mysteriöse Dinge vor sich gehen.

Originaltitel:
Land:
Laufzeit:
Regie:
Drehbuch:
Cast:

Boarding School
USA
111 Minuten
Boaz Yakin
Boaz Yakin
Luke Prael, Will Patton, Nadia Alexander u.a.

Inhalt

Brooklyn in den 1990ern: Der zwölfjährige Jacob Felsen (Luke Prael, Eight Grade) leidet unter nächtlichen Albträumen, aus denen er regelmäßig schreiend erwacht. Damit ist er seiner neurotischen Mutter (Samantha Mathis, Stephen Kings Salem‘s Lot – Brennen muss Salem, 2004) ein großes Ärgernis. Er wird in der Schule gemobbt, hat obendrein mit seinen Eltern Probleme, die sich verschlimmern, als er sich in der Schule wehrt. Ihm erscheint in seinen Träumen eine junge Frau, die sich als seine kürzlich verstorbene jüdische Großmutter Feiga herausstellt. Jacob flüchtet sich in Tagträume rund um Feiga, die irgendwie den Zweiten Weltkrieg in Deutschland überlebte.

Bald schon nehmen diese Träume einen sexuellen Charakter an und er entdeckt seine verborgene weibliche Seite, weshalb er sich heimlich die Kleider seiner Großmutter anzieht und schminkt. So wird er von seinem Stiefvater überrascht, was das Fass für seine Eltern zum Überlaufen bringt.

Jacob (Luke Prael) und seine Mutter (Samantha Mathis)

Kurz darauf findet er sich in einem eigenartigen Internat wieder, welches von Dr. Sherman (Will Patton, Halloween 2018) und seiner Frau (Tammy Blanchard, The Invitation) geleitet wird. Die beiden sind dort neben einem Wächter die einzigen beiden Erwachsenen und das einzige Buch, das für den Unterricht hinzugezogen wird, ist die Bibel. Darüber hinaus bestraft Dr. Sherman selbst den geringsten Verstoß gegen seine Regeln drakonisch mit Stockhieben.

In dem Internat trifft er auf die undurchsichtige Christine (Sterling Jerins, Conjuring 1 & 2), den völlig von einem Feuer entstellten Phil (Nadia Alexander, The Dark) und vier weitere Jungen. Sie sind alle auf die eine oder andere Weise einzigartig, wie es Dr. Sherman ausdrückt und sei es, Söhne weißer Eltern indischer Herkunft zu sein. Die Schule, die Shermans und der Unterrichtsinhalt sind ihnen ein Rätsel.

Unbegreiflich bleibt ihnen auch, weshalb ein Schulsemester dort lediglich zwei Wochen dauern soll. Dabei muss sich Jacob mit seiner eigenen Identität auseinandersetzen. Und während die findige Christine ihn dazu verleitet, mit ihr zusammen das Mysterium der Schule zu ergründen, stirbt einer der Schüler eines gewaltsamen Todes. Der Mörder befindet sich in der Schule und wird bald schon erneut aktiv …

Kritik

Boaz Yakin (Safe – Todsicher) schrieb und drehte den Film. Zuvor inszenierte er u.a. Dramen (Fresh, Gegen jede Regel) und Komödien (Uptown Girls, Max). Er arbeitete bereits an den Stories von From Dusk Till Dawn 2: Texas Blood Money und 2001 Maniacs; für sein Raw-Nerve-Studio produzierte er zudem die ersten beiden Hostel-Filme. Er wollte sich jedoch nicht auf ein Genre festlegen. Deshalb inszenierte er mit Boarding School nun auch seinen ersten eigenen Horrorfilm, auch wenn er den Film selbst als schwer einzuordnen einschätzt.

Die erste Handlungsebene des Films ist, wenn auch nicht neu, so doch durchaus interessant. Hier erzählt er die Geschichte von dem jungen Außenseiter, der sich mit seiner eigenen Identität auseinandersetzen muss. So, wie die Großmutter sich in die Träume von Jacob schleicht, spiegelt auch sein Leben zunehmend ihr Leben wider. Die Gegenwart reflektiert sozusagen die Vergangenheit. Dies wäre der Stoff für einen guten Coming-of-Age-Film. Zwei wiederkehrende Themen in Yakins Schaffen sind seine eigene jüdische Identität und die bittere Vergangenheit seiner Familie während des NS-Regimes. Beides behandelte er bereits in vorherigen Filmen, Teurer als Rubine und Death in Love.

Dies wollte er hier ebenfalls thematisieren und es wäre eine vielversprechende Kombination, hätte er vor allem die Ebene um die Großmutter nicht derart vage und abstrakt in Szene gesetzt. Der Film spielt in Jacobs Handlungsebene in den 1990ern, das hat jedoch keine Auswirkung auf die Handlung. Es kommt auch keinerlei 90er-Atmosphäre auf, der Film heute genauso gut heute spielen können. Geschuldet ist dies dem zweiten Handlungsteil, eben der Handlung in der titelgebenden Boarding School, die fast schlagartig die Handlung der ersten Ebene entweder gleich beendet oder völlig in den Hintergrund rückt. Dass im Finale noch eine dritte Handlungsebene hinzukommt, die ebenso unausgearbeitet ist, wie die ersten beiden, kommt noch erschwerend hinzu.

Jacob (Luke Prael) und Phil (Nadia Alexander) beim gemeinsamen Frühstück.

Wenn man die Gender-Thematik, gerade in der beginnenden Pubertät, als Thema wählt, muss das mit einer gewissen Sensibilität geschehen. Das fehlt hier leider völlig, wird auch nicht weiter vertieft, und wenn die Situation im Finale dann eskaliert, wirkt es schlicht aufgesetzt. Damit erscheint es nicht nur wie ein willkürlicher Aufhänger, sondern wie ein Mittel, um damit Aufmerksamkeit zu erwecken und aktuelle Filmtrends zu bedienen.

Diese Sensibilität fehlt leider auch teilweise nur allzu sichtbar in der Anleitung der jungen Schauspieler. Das Positive: Nadia Alexander, unter der Maske völlig verborgen, verkörpert den gebrandmarkten Phil absolut glaubwürdig. Sterling Jerins merkt man mit ihren 13 Jahren die Routine von 18 Rollen an. Es wird spannend sein, die Karrieren der beiden talentierten Schauspielerinnen in der Zukunft zu verfolgen.

Jacob (Luke Prael) und Christine (Sterling Jerins)

Luke Prael beweist einigen Mut mit der Rolle und harmoniert außergewöhnlich gut mit Sterling Jerins, was daran liegt, dass die beiden langjährig miteinander befreundet sind. Darüber hinaus fehlt ihm jedoch die schauspielerische Feinheit, oder schlichtweg Erfahrung, um der Rolle mit der nötigen Feinfühligkeit zu spielen. Es ist seine zweite Filmrolle. Was einem Jung-Schauspieler an Erfahrung fehlt, sollte ihm eigentlich durch die Regie-Anweisungen vermittelt werden. Das ist anscheinend nicht geschehen.
Schlimmer wird es bei den anderen Kinderdarstellern, die zwischen komplettem Overacting und nahezu vollständiger Unsichtbarkeit pendeln. Die Charaktere sind schlecht geschrieben und sie wirken obendrein falsch angeleitet.
Die anderen Schauspieler agieren zumindest routiniert, wobei Will Patton seine Rolle fast schon genüsslich zelebriert. Der Charakterdarsteller überzeugt wie sonst auch völlig.

Bei der Fülle an Ideen wirkt keine davon wirklich genug ausgearbeitet, um richtig zu überzeugen. Schlimmer noch, der Film wirkt so, als wären mindestens zwei Drehbücher zu einem einzigen kombiniert worden, ohne wirklich miteinander zu funktionieren. Man könnte auch meinen, dass Yakin einen guten Überblick über Trends im Filmgeschäft hat. Außenseiter, Coming-of-Age, Gender-Thematik, Juden während der NS-Diktatur, Mobbing, … das alles wird als Thema gern behandelt und gesehen, nur es sollte im Rahmen der Handlung harmonieren. Das ist hier nicht der Fall.

Dr. Sherman (Will Patton) und sein bevorzugtes (und einziges) Lehrbuch: Die Bibel.

Spoiler
Dass er zudem auch noch im Finale aus den drei Erwachsenen Killer macht, die sich aus nicht weiter ausgeführten Gründen eben dort aufhalten, und die Identität ihrer letzten Opfer annahmen, wirkt dann ebenso deplatziert wie weit hergeholt.

Der Film wirkt damit völlig überfrachtet. Statt sich auf wenige Handlungselemente zu konzentrieren und diese vernünftig aufzubauen oder überhaupt zu erklären und aufzulösen, kommen immer neue hinzu. Dies nimmt dem Film leider viel von seinen potenziellen Qualitäten. Dass er verhalten erzählt ist, dazu bis auf das Finale auch der „Horror“ fehlt, kommt noch erschwerend hinzu. Das wäre ja völlig in Ordnung für ein Drama, aber Yakin wollte einen Horrorfilm inszenieren. Auch der finale Twist passt vom Tempo her nicht in den Erzählfluss.

Mrs. Sherman (Tammy Blanchard) zeigt den Kindern gegenüber nicht wirklich Sympathie.

Loben muss man hingegen noch die Kameraarbeit, der Film bietet wirklich eine sehr gelungene Bilder. Und auch wenn das 90er-Feeling fehlt, so gibt es doch vor allem in den Szenen in der Schule eine teilweise wirklich großartige Atmosphäre. Auch sonst ist der Film handwerklich gut gemacht, wobei das Make-Up von Nadia Alexander nicht wirklich überzeugt. Die 24-jährige Schauspielerin wurde für die Rolle gewählt, weil das Make-Up sehr viel Zeit in Anspruch nahm, was die erlaubte Arbeitszeit von Kindern überschritten hätte, und kein passender männlicher Akteur gefunden wurde.

Fazit

Der Film ist handwerklich gut gemacht, einige der Schauspieler überzeugen und das Drehbuch bietet mehrere interessante Ideen. Diese sind jedoch ebenso wenig ausgearbeitet wie miteinander verwoben. So wirkt Boarding School insgesamt einfach unfertig, überfrachtet und wie ein Sammelsurium aktueller Filmtrends. Dies ist insgesamt bedauerlich, denn Boarding School hätte mit einem besser ausgearbeiteten Drehbuch ein großartiger Film werden können und bleibt so im Mittelmaß stecken.

 

Bewertung

SpannungRating: 3 von 5
AtmosphäreRating: 3 von 5
Gewalt Rating: 2 von 5
Ekel Rating: 1 von 5
Story Rating: 3 von 5

Bildquelle: Boarding School © Capelight Pictures

Stephan Lydike

Stephan Lydike

Horrorfilme sind der Stoff aus den Albträumen, der im besten Fall zu dem Stoff in den Albträumen wird.
Stephan Lydike

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