Funny Games (1997) vs. Funny Games U.S. (2007)

1997 drehte der österreichische Regisseur Michael Haneke Funny Games, der seitdem eine große Fangemeinde um sich scharen konnte. 10 Jahre später machte sich Haneke daran sein Werk für den US-amerikanischen Markt neu zu adaptieren. Wir nehmen beide Filme unter die Lupe.

Mit Funny Games schuf der österreichische Regisseur Michael Haneke 1997 einen Film, der bis heute immer wieder Gegenstand heftiger Diskussionen ist, wenn es um die Darstellung von Gewalt in (Horror-)Filmen geht. Schaut man sich ein wenig in entsprechenden Foren um, so fällt der Name außerdem immer wieder, wenn man nach Auflistungen besonders verstörender Filme sucht.

Beide Filme erzählen detailgenau dieselbe Story. Die Handlung folgt einer dreiköpfigen Familie, die in ihrem Ferienhaus an einem See Urlaub machen will. Schon kurz nach ihrer Ankunft werden sie allerdings in ihren eigenen vier Wänden zu Geiseln zweier junger, fast komplett in weiß gekleideter und beinahe verhöhnend höflich agierender Männer. Deren Ziel offenbart sich bereits nach kurzer Zeit, als sie mit ihren Gefangenen gegen deren Willen eine maximal makabere und zynische Wette abschließen: „Passt auf, wir machen jetzt eine Wette, ok? Wir wetten, dass ihr in, sagen wir mal, 12 Stunden alle drei kaputt seid, ok?“

Und so sollen die Spiele beginnen …

Die Absurdität belangloser Gewalt

Funny Games, der, auf den ersten Blick betrachtet, im Gewand eines Home-Invasion-Thrillers daherkommt, ist Hanekes Antwort auf die Gewaltgeilheit der Zuschauer. Mit Hilfe von äußerst perfiden stilistischen Mitteln und einer unglaublichen darstellerischen Leistung seiner Schauspieler erschuf er einen Film, der nicht nur zartbesaitete, sondern auch eingefleischte Horror-Fans außerordentlich verstören kann. Dabei sollte er Gewalt in Filmen außerdem als genau das entlarven, was sie nach Haneke immer ist: Nämlich als „unkonsumierbar“. Hervorzuheben ist hier definitiv die Art der Inszenierung, denn Funny Games verzichtet zu jedem Zeitpunkt auf das genaue Zeigen der Folter, sprich alle Gewalttaten spielen sich ausschließlich außerhalb des Kamera-Sichtfeldes ab.
Durch das Durchbrechen der sogenannten „4. Wand“ macht uns Haneke als Zuschauer unweigerlich zu direkten Komplizen der Täter und offenbart uns im selben Atemzug den Grund für das Leid und die Qualen der Familie – nämlich unsere reine Gier und Lust nach Brutalität. Wenn die sowohl psychische als auch physische Folter ein Ausmaß annimmt, dass sie den Willen der Opfer zu leben komplett bricht, dann stellen die Gepeinigten zu Recht die Frage „Warum bringt ihr uns nicht einfach um?“.  Und tatsächlich wünscht man sich, dass die Qualen endlich ein (gutes) Ende nehmen würden. Aber wir Zuschauer, die wir in gleichem Maße ohnmächtige Zeugen und Mittäter sind, werden der Familie keine Erlösung geben können; höchstens durch das Ausschalten des Fernsehgeräts.
Mit der ebenso banalen wie kaltblütigen Antwort, dass die Betrachter des Spektakels doch eine plausible Entwicklung der Geschichte mit einem richtigen Ende erwarten würden, bricht Funny Games mit jeglichen Konventionen und offenbart uns die Grausamkeiten, denen andere durch unseren Sensationshunger ausgesetzt werden.

Funny Games

Neue Verfilmung, dieselben Spiele

Da die Geschichte ursprünglich in den USA spielen und auch gedreht werden sollte, entschied sich Haneke 10 Jahre später dazu, ein Remake seines Films unter dem Titel Funny Games US zu drehen. Ziel war es, sein Original auch für den US-amerikanischen Markt kompatibel zu machen. Hierbei handelt es sich jedoch im Gegensatz zu den meisten Neuverfilmungen um eine bildgetreue Eins-zu-eins-Replikation seines haarsträubenden Originals.
Mit einem international bekannten Cast (Naomi Watts, Tim Roth und ein herausragender Michael Pitt) begleiten wir erneut die Familie Schober/Faber auf ihrem Leidensweg.

Same same but different

Aber worin unterscheiden die beiden Filme sich denn nun voneinander? Was ist es, was die eine Version eventuell besser oder eben schlechter macht als die andere?

Der Hauptunterschied liegt ganz klar in der schauspielerischen Leistung der Darsteller. Oder besser gesagt in der Interpretation der Rollen.
Im Original von 1997 liegt der Fokus eindeutig auf den Opfern. Susanne Lothar demonstriert uns das wahrscheinlich intensivste Schauspiel ihrer Karriere und lässt die gesamte Tortur umso grausamer und verstörender wirken und auch Ulrich Mühe präsentiert eine beeindruckende Performance. Hier wird geschrien, gefleht, geweint und geschluchzt was das Zeug hält; als Reaktion auf die Folter wirkt dies jedoch so authentisch, dass es jedes Mal aufs Neue bis ins tiefste Mark erschüttert. Besonders hier wird Hanekes anfangs beschriebene Intention deutlich hervorgehoben und offensichtlich – solch ein Leiden will man sich in keinem Fall anschauen müssen. Die Täter sind, trotz ebenfalls guten Leistungen, hier eher ein Mittel zum Zweck; zwei bubihaft aussehende junge Männer, von denen man solche Brutalität definitiv nicht erwarten würde. Schockierend ist dies dafür umso mehr.

In der Version von 2007 ist das Hauptaugenmerk eher auf die Bösen gerichtet. Anders als im Original sind diese aber nicht mehr so bewusst absurd überspitzt, sondern es handelt sich nun um „richtige“ Bösewichte. Ein alle in den Schatten stellender Michael Pitt überragt mit seiner Darstellung eines Psychopathen, der einem bei jedem Satz das Blut in den Adern gefrieren lässt. Wenn seine Figur der Mutter offenbart, dass sie sich nicht nur aussuchen kann, wer von ihnen als nächstes das Zeitliche segnet, sondern auch, auf welche Art und Weise, dann tut er das mit einer beängstigenden Inbrunst und Euphorie. Das dämonische Funkeln in seinen Augen und die Leidenschaft, die er dabei versprüht, sorgen garantiert dafür, dass es einem eiskalt den Rücken runterläuft.

Auch die Wahl der Darsteller der Opfer erzeugt im direkten Vergleich eine unterschiedliche Wirkung.
Im ursprünglichen Film mimen Ulrich Mühe und Susanne Lothar die Eltern der klischeehaft bürgerlichen Familie. Diese waren beide vorher hauptsächlich durch ernste Rollen und diverse Dramen bekannt. Durch diese Erfahrungen konnten beide ihre Rollen unglaublich authentisch verkörpern, was sich in der bereits erwähnten Intensität des Schauspiels (besonders bei Susanne Lothar) perfekt widerspiegelt. In Funny Games US hingegen sehen wir auf einmal die beiden Hollywood-Stars Naomi Watts und Tim Roth in den Rollen der Gepeinigten. Diese machen ihren Job zwar ebenfalls beide solide, schockierend ist hier allerdings eher, dass uns hier zwei vertraute und bekannte Gesichter gezeigt werden, die man wohl beide zumindest in solch unglaublich extremen Rollen nicht gleich erwarten würde. Obwohl beide bereits in der Vergangenheit ähnlich dramatische Rollen verkörpert haben (besonders Roth, beispielsweise in Reservoir Dogs oder Watts im The Ring Remake), so wirkt es doch erstaunlich bedrückend zu sehen, wie sie hier auf physischer und psychischer Ebene gefoltert werden – jedoch bei Weitem nicht so intensiv und verstörend wie in Funny Games.

Ein großes Lob geht auch an die deutschen Synchronstimmen der US-Version. Diese passen deutlich besser zu den verkörperten Charakteren als es im österreichischen Original der Fall ist. Für Leute, die sich lieber die OV des Remakes angucken, sei hier jedoch ebenfalls eine Empfehlung ausgesprochen – die 2007er Version wirkt in diesem Punkt einfach besser auf den Inhalt zugeschnitten und vor allem stimmungsvoller.

Betrachtet man die Optik beider Filme, bietet Hanekes erstes Werk einen natürlicheren Look mit einer etwas organischer wirkenden Farbgebung, was die angestrebte Realitätsnähe des Geschehens noch verstärkt. Der Zweitling kommt dagegen in einem deutlich sterileren Gewand daher, das phasenweise an den ähnlichen Hard Candy erinnert. Dies passt zwar sehr gut zur übrigen Szenerie, sorgt allerdings auch dafür, dass sich die Wirkung auf den Betrachter noch weiter vom Ziel des Originals entfernt.

Was beiden Exemplaren allerdings gemein ist, ist das Verbreiten von absoluter Hoffnungslosigkeit. Denn spätestens, als es einem Familienmitglied an einer Stelle gelingt, den Spieß vorerst umzudrehen und das Blatt zu wenden, bleibt die Gewissheit einem unmittelbar danach wie ein riesiger Kloß im Hals stecken. Die Gewissheit, sowohl unter den Opfern als auch unter den Zuschauern, dass ein Ausweg aus der Tortur hier niemals gewährt werden wird.

Funny Games US

Wenden wir uns nun jedoch noch mal der Inszenierung unserer Täter und Opfer zu, dann offenbart sich hier leider auch die größte Schwäche des Remakes: Funny Games US wirft scheinbar den Ansatz seines Vorgängers komplett über den Haufen, indem es „nur“ ein eiskalter und sehr brutaler Psychothriller ist. Zwar werden wir auch hier durch die Interaktion der Täter mit uns mit der Banalität und Sinnlosigkeit der ausgeübten Gewalt konfrontiert, allerdings in keiner Weise ähnlich vorwurfsvoll oder ablehnend wie im Original. Während die 97er Version uns noch gekonnt als transparenten Mittäter entlarvt, wirkt US eher wie ein „richtiger“ Horrorfilm, der mit ein paar netten Effektspielereien den Verstörungsgrad noch ein wenig nach oben schrauben will. Das Original hat hier den riesigen Vorteil inne, dass es auf beiden Ebenen sehr gut funktioniert; nämlich als eine der besten Gewaltstudien der Filmgeschichte und als einer der besten Home-Invasion Thriller. Das Remake besitzt nicht mehr diese psychologische Ebene, was den Verlust der ursprünglichen Intention Hanekes zur Folge hat.
Dies mag für viele Fans des Erstlings ein Grund sein, die Neuverfilmung als schlecht, belanglos oder unnötig anzusehen. Allerdings ist dieser Verlust der Kritik an der Gewaltgeilheit der Konsumenten (uns) gar nicht so schlimm – mit dem Original gibt es die ja schließlich schon.
Wer also keine Lust darauf hat, seine üblichen Erwartungshaltungen und Wünsche an Horrorfilme zu hinterfragen oder beim Gucken mit einem sehr hoch erhobenen Zeigefinger persönlich getadelt zu werden und trotzdem Lust auf einen beinharten (und sehr guten) Terrorschocker hat, dem sei hiermit Funny Games US wärmstens ans Herz gelegt. Denn für sich alleine stehend ist dieser definitiv einer der besseren Psychothriller des neuen Jahrtausends.
Wer jedoch gewillt ist, sich mit den Konventionen des Horrorgenres kritisch auseinanderzusetzen, die eigenen Sehgewohnheiten zu hinterfragen und als selbstverständlich angesehene Gewalt anzuzweifeln und trotzdem Lust auf einen beinharten (und sehr guten) Terrorschocker hat, der findet in Funny Games vielleicht sogar seinen neuen Lieblingsfilm.

Robert

Robert

Horrorfilme sind für mich die beste Möglichkeit, die Grenzen des Zumutbaren und des eigenen Sehvergnügens auszuloten und neu zu definieren. Außerdem gibt es kaum ein anderes Genre, das so viele verschiedene gute Ideen, Möglichkeiten und Geschichten hervorbringen kann, da, ähnlich wie im Science-Fiction, einfach alles möglich ist. Es ist faszinierend, wie stark einen gute Horrorfilme in ihren Bann ziehen können und dabei sowohl schockieren als auch unterhalten.
Robert

Letzte Artikel von Robert (Alle anzeigen)

...und was meinst du?