Climax (2018) – Review

„Ihr habt Menschenfeind verachtet. Ihr habt Irreversible gehasst. Ihr habt Enter the Void verabscheut. Ihr habt Love verflucht. Versucht euch jetzt an Climax.“

Originaltitel:
Land:
Laufzeit:
Regie:
Drehbuch:
Cast:

Climax
Frankreich
95 Minuten
Gaspar Noé
Gaspar Noé
Sofia Boutella, Romain Guillermic, Souheila Yacoub u.a.

So die vielversprechenden Worte des Posters, welches Gaspar Noé im Mai dieses Jahres auf seiner Instagram Seite veröffentlichte, um seinen neuen Film anzukündigen.
Seine Premiere hatte Climax bei den diesjährigen Filmfestspielen in Cannes, wo er mit kollektiver Begeisterung und Standing Ovations aufgenommen wurde. Vielerorts wurde sogar von Noés bestem Film gesprochen.
Erzählt wird die Geschichte einer Tanzgruppe, für die während einer ausgelassenen Party nach nur kurzer Zeit buchstäblich die Hölle auf Erden losbricht.
Wir haben ihn uns im Rahmen des Fantasy Filmfests für euch angeschaut und sagen euch, was Climax wirklich kann.

Wie schon bei Noés wahrscheinlich bekanntestem Werk Irreversible beginnt der Film mit dem eigentlichen Ende. Wir sehen aus einem 90° Winkel von oben betrachtet eine Frau, nur spärlich bekleidet und blutverschmiert, die sich ziel- und hilflos durch den Schnee kämpft. Als sie schließlich unter gellenden Schreien zusammenbricht und der Abspann vor dem eigentlichen Beginn des Filmes über die Leinwand flimmert, macht sich direkt ein mulmiges Gefühl in mir breit. Die ersten treibenden Techno-Beats erklingen.

Direkt im Anschluss zeigt das Bild in seiner kompletten Größe einen Fernseher, eingerahmt von Büchern über Psychologie, Selbstmord und Bewusstseinserweiterung, auf der anderen Seite VHS-Kassetten von Die 120 Tage von Sodom und Suspiria. Das TV-Gerät stellt uns in kurzen Bewerbungsvideos die Protagonisten des Films vor: Eine Gruppe von 24 jungen Tänzerinnen und Tänzern, die am letzten Abend vor einer großen USA-Tour noch einmal ausgelassen feiern wollen.
Der Film wirft uns unmittelbar mitten in den besagten Abend.

Ein riesiger Saal dient den Tänzern als grenzenloses Spielfeld für ihre Kunstdarbietungen, über dem DJ-Pult hängt in heroischer Selbstdarstellung die französische Nationalflagge. Die letzte Probe vor der großen Fete ist in vollem Gange. Die Kamera betrachtet das Spektakel erst von oben, um sich danach fast schon träge abzusenken und schwerelos zwischen den einzelnen Tänzern umherzugleiten. Zur elektrisierenden Instrumental-Version von Cerrones „Supernature“ fängt sie eine psychedelische und sexuell anmutende Choreographie ein. Die pulsierenden Techno-Klänge werfen immer wieder Performances einzelner Figuren ins Blickfeld der Kamera. Am Rande, im Vorder- und im Hintergrund lassen tranceähnliche Bewegungen die einzelnen Personen zu einem großen hypnotischen Sog verschmelzen. Die gesamte Räumlichkeit wird durchflutet von einer orgastischen Gemeinschafts-Ekstase. Inmitten dieser unglaublich ästhetischen Darbietung entfaltet sich innerhalb der Menschenansammlung eine hemmungslose Euphorie, die einen durch die Leinwand mit durchgehend wummernden und hypnotischen Beats unweigerlich in ihren Bann zieht.

Climax

Nach dieser endlos lang scheinenden Ouvertüre beginnt dann die eigentliche Handlung. Die Kamera, die vorher rastlos in allen möglichen Einstellungen und Winkeln in einer einzigen Einstellung die Tanzgruppe eingefangen hat, ist vorerst erstarrt. Die Party beginnt, es wird ausgelassen gefeiert, getanzt und geredet. Hauptsächlich über die anderen Mitglieder des Ensembles, sehr viel über Sex und Begierde. Die einsetzende Wirkung der Sangria spiegelt sich in der zunehmenden Vulgarität einzelner Männer und Frauen wider. Lästereien und Eifersucht sorgen dafür, dass das anfangs so harmonisch elegant wirkende Kollektiv zu zerbrechen beginnt.
Diese langen Gespräche fangen irgendwann jedoch an, sich sehr zäh in die Länge zu ziehen. Fast schon beschleicht einen das ungute Gefühl, dass Climax hier bereits vom Weg abkommt, bevor er überhaupt richtig gestartet hat.
Im wirklich letzten Moment, bevor der Zuschauer die Geduld verliert, dann eine riesige Einblende: „Das Leben ist eine kollektive Unmöglichkeit“. Einer der Männer schreit laut in den Raum hinein: „Es ist Krieg!“. Die zum Reden gerade so geeignete Lautstärke weicht ohrenbetäubenden Bässen und treibenden Rhythmen.

Kurz darauf beginnen die ersten zu merken, dass etwas mit ihrer Sinneswahrnehmung nicht stimmt. Was dann folgt, ist ein wahrlich grauenerregender Höllentrip. Ein fieberhafter Albtraum, der in einer Spirale aus Rausch und menschlichen Abgründen seinen Höhepunkt in ausufernder Gewalt und purem Wahnsinn findet.

Climax

Interessant bei dieser Prämisse ist, dass alle Geschehnisse ein sehr hohes Verstörungspotential haben. Trotzdem bleiben die eigentlichen Darstellungen an den meisten Stellen weit hinter dem zurück, was wir bisher von Noés Werken gewohnt sind. Als selbsterklärter Fan von Michael Haneke kommt es einem häufig vor, als hätte er sich in vielen Szenen dessen Funny Games als Vorbild genommen. Das Grauen spielt sich viel außerhalb des Kamera-Sichtfeldes ab und wir hören lediglich die entsprechende Geräuschkulisse. Aufgrund dieses Umstandes kann sich bei einer extremen Erwartungshaltung an die Gewaltdarstellung schnell das Gefühl einschleichen, dass der Film nicht so recht vorankommt beziehungsweise sich in seinen Bildern verliert. Hat man sich dieser Annahme allerdings erst einmal entledigt, reißt einen der atemlose Trip sofort wieder mit.

Die zweite, berauschte Hälfte von Climax wird durch die Kamera wieder in nur einer einzigen beeindruckenden Sequenz festgehalten. Durch den großen Saal schleicht sie permanent gespenstisch über die dunklen und bedrohlich einfarbig beleuchteten Flure und Kabinen. Dabei fängt sie beinahe alle denkbaren Formen von Exzess, Gewalt und lebensbedrohlicher Ekstase ein. Immer wieder führt sie dabei in den Tanzsaal, das Herz der Feier, zurück. Mit jeder Rückkehr offenbart sich uns mehr und mehr von dem Wahnsinn, der seine Ranken unabdingbar um die Tänzergruppe schlingt und langsam aber sicher jeden einzelnen von ihnen verdirbt.
Mit Voranschreiten der Nacht verliert sich das Bild zusammen mit den Protagonisten immer weiter im absoluten Rausch, bis jegliche Menschlichkeit und Realitätsnähe der Leinwand entschwindet. Gewalt und Lust sind nicht mehr voneinander zu unterscheiden, so sehr verschmelzen die Menschen zu undefinierbaren Schatten ihrer selbst. „Der Tod ist eine ungewöhnliche Erfahrung“ offenbart uns das Bild in einer letzten, riesigen Texteinblende. Es ist bezeichnend für die außerordentliche Qualität dieses herausfordernden Films, dass während der letzten 15 Minuten nur eine Person den Saal vorzeitig verlassen hat.

Climax

Nach 95 hypnotisch fesselnden Minuten entlässt uns Climax wieder zurück in die Realität und offenbart uns kühl und voyeuristisch das gesamte grausame Ausmaß dieser einzigen, langen Winternacht.
Am Ende muss man dies alles definitiv für lange Zeit erst einmal sacken lassen. Doch der Bann, in den Climax einen mit seinen Bildern und Klängen gezogen hat, lässt einen noch lange nach dem Abspann nicht wieder los.

Ein elektrisierender, atemloser Trip, den sich alle Fans des Horror, des Suspensen und jeglicher anderen Art des phantastischen Films definitiv vormerken sollten. Am 06. Dezember erscheint Climax offiziell in den deutschen Kinos – ein absoluter Höhepunkt (im wahrsten Sinne des Wortes) dieses Kinojahres ist er aber jetzt schon.

Bewertung

SpannungRating: 4 von 5
AtmosphäreRating: 5 von 5
Gewalt Rating: 3 von 5
Ekel Rating: 0 von 5
Story Rating: 1 von 5

Bildquelle: Climax © Alamode Film

Robert

Robert

Horrorfilme sind für mich die beste Möglichkeit, die Grenzen des Zumutbaren und des eigenen Sehvergnügens auszuloten und neu zu definieren. Außerdem gibt es kaum ein anderes Genre, das so viele verschiedene gute Ideen, Möglichkeiten und Geschichten hervorbringen kann, da, ähnlich wie im Science-Fiction, einfach alles möglich ist. Es ist faszinierend, wie stark einen gute Horrorfilme in ihren Bann ziehen können und dabei sowohl schockieren als auch unterhalten.
Robert

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