Jörg Buttgereit von 1985 bis 1993 – Eine Werkschau

Jörg Buttgereit

Jörg Buttgereit hat sich in den 80ern und 90ern im deutschen Horrorbereich vor allem durch Nekromantik und Schramm einen Namen gemacht. Wir widmen dem Berliner eine Werkschau.

Buttgereit tat sich im deutschen Horror- und Splatterbereich schon immer schon durch einen höheren künstlerischen Anspruch hervor. Während sich andere ausgiebigst in Gedärmen suhlten, verschmolz der gebürtige Berliner Horror- und Kunstfilm. Dies mag einer der Gründe sein, warum sich die Filme auch heute noch großer Beliebtheit erfreuen und zum Beispiel in den letzten Jahren sogar durch das britische Label Arrow neu herausgebracht wurden.

Abgesehen von seinem Beitrag zum Episodenfilm German Angst fokussiert sich Buttgereit seit einigen Jahren auf Hörspiele und Theaterbühnen, wo er laut eigener Aussage „versuche, die ganzen Genresachen, die Filmnerds wie wir so im Kopf haben, ins Theater und in die Hochkultur zu überführen“. Ab September 2018 könnt ihr im Theater Dortmund seine neueste an den Film Berberian Sound Studio angelehnte Produktion „Im Studio hört Dich niemand schreien“ bewundern.

Und nun starten wir auch endlich unsere kleine Zeitreise. Ab ins Jahr 1985. Viel Spaß!


Hot Love (1985)

Als die Liebe zweier junger Menschen daran zerbricht, dass sie fremdgeht, nimmt er Rache, indem er sie vergewaltigt und sich anschließend das Leben nimmt. Neun Monate später bringt sie ein missgebildetes Kind zur Welt. Aber die finale Rache kommt erst noch.

Liebe ist einerseits das Schönste, andererseits kann sie auch wehtun, wenn der Gegenpart nicht das Gleiche empfindet. Darum geht es in diesem Kurzfilm. Zu allererst möchte ich auf den genialen Score hinweisen, denn die musikalische Untermalung ist ein Traum. Das Hauptthema, ein melancholisches Klavierstück und ein absoluter Ohrwurm, trägt viel zur Stimmung des Filmes bei. Überhaupt hat er mich über seine kurze Laufzeit durchgängig gut unterhalten. Die Geschichte über Liebe und Rache ist überaus gelungen und das trashige Finale ein absolutes Highlight des frühen deutschen Underground-Films. Auch die Kameraarbeit ist erstklassig und sehr eigen. Ein absolutes Muss für jeden, der Buttgereits Langfilme liebt, selbst die Splattereffekte sind für damalige Verhältnisse gut gelungen. Auch wenn die Story nichts Besonderes erahnen lässt, überrascht und überzeugt der Film auf ganzer Linie.

Die ersten Szenen sind aus Hot Love:

Nekromantik (1987)

Rob ist Mitarbeiter eines Unternehmens, das Unfallstellen säubert und Leichen beseitigt. Er sammelt außerdem verschiedene Körperteile in Einmachgläsern. Als er eines Tages eine vollständig erhaltene Leiche nach Hause zu seiner Freundin nach Hause bringt, beginnen die beiden, ihre nekrophile Leidenschaft an ihr auszuleben. Leider ist das Glück zu dritt nicht von großer Dauer. Als Robert seinen Job verliert, verlässt ihn auch noch seine Freundin und nimmt den gemeinsamen Liebhaber einfach mit.

Ein Meilenstein des deutschen Untergrund-Kinos, der selbst heute noch schockiert und zum Denken und Reden anregt. Zudem ist der Film musikalisch perfekt untermalt. Sowohl die Bilder als auch der Soundtrack sprechen ihre ganz spezielle und eigene Sprache. Eine giftige Mixtur aus Perversion, Kunst und Horror. Fast mehr Liebesfilm und Drama als Horrorschocker – und definitiv einer der Filme, die man nie wieder vergisst. Selten wurde ein Tabubruch so schön in bewegte Bilder umgesetzt.

Der Todesking (1990)

In dem Episodenfilm sehen wir sieben verschiedene Personen, welche Suizid begehen. Alle verbindet ein mysteriöser Brief, den der erste Selbstmörder verfasst hat. Er schrieb darin von der Sinnlosigkeit des Lebens, personifiziert durch den „Todesking“, der ihn dahin getrieben habe. Im weiteren Verlauf erhalten die sechs anderen Personen den Brief und werden zu ähnlichen Taten getrieben. Sieben Tage und sieben verschiedene Leute, die Selbstmord begehen – wobei sie in mehreren Fällen noch andere Personen mit sich reißen.

Der Todesking ist ein wahnsinnig intensiver Film, der seiner Zeit geradezu erschreckend weit voraus war. Keine Wiederholung von Nekromantik, viel poetischer und unglaublich bedrückend. Einsamkeit, Unglück, Unzufriedenheit, Depression und Trauer sind die Themen, die diesen Film beherrschen und sich auch auf den Zuschauer übertragen. Der Todesking ist emotional sehr belastend und ich fühlte mich äußerst erschöpft, fast depressiv, nachdem ich ihn das erste Mal gesehen hatte. Und dennoch, trotz seiner traurigen Geschichte über lebensmüde Versager, stellt man sich unbewusst gegen den Tod und freut sich sogar, am Leben zu sein. Ein sehr eigenes Meisterwerk von geradezu epischer Natur. Ein Höhepunkt des deutschen Untergrund-Films und mein persönlicher Favorit unter den Buttgereit-Filmen, der bis heute nichts von seiner morbiden Faszination verloren hat. Ein beklemmendes und unangenehmes Meisterwerk von geradezu epischer Natur.

Nekromantik 2 (1991)

Der zweite Teil des deutschen Skandalfilmes von 1987 handelt von Monika. Diese gräbt kurzerhand Robert aus, um sich an ihm sexuell zu befriedigen. Als sie jedoch Mark in einem Kino kennenlernt, kommt sie in die Bredouille, sich vor ihm mit ihren nekrophilen Neigungen outen zu müssen.

Nekromantik 2 ist wieder kein typischer Horrorfilm, sondern vielmehr ein Liebesdrama. Es ist ein Film mit expliziten Darstellungen,  bei dem jedoch die Menschen im Vordergrund stehen und nicht die extremen Effekte, die selbst herausragend sind. Diese sind erstklassig und wunderschön anzusehen. War jedoch im ersten Teil mehr der Charakter der nekrophilen Person im Vordergrund, ist es hier das Unverständnis ihrer Umwelt. Ein sehr guter Ansatz, der auch gut in den Film übertragen wurde. Leider weist der Film ein paar Längen im romantischen Part auf. Eine würdige Fortsetzung mit einen wunderbaren Score von morbider Atmosphäre.

Schramm (1993)

Man sieht die letzten Bilder, die Lothar Schramm vor seinem Tod durch den Kopf gehen. Es sind die Bilder mehrerer Morde und Vergewaltigungen, die nicht chronologisch im Film gezeigt werden. Aber auch Erinnerungen an eine Zeit als Sportler oder beim Zahnarzt, vermischt mit allerlei wirren Gedanken und Wahnvorstellungen. Von außen scheint er ein ganz normaler Taxifahrer zu sein, doch unter der Fassade ist er ein Serienmörder und wir, als Zuschauer, sehen seine Gedanken, wobei nicht erklärt wird, was geschieht.

Schramm ist ein schonungslos hartes Psychogramm eines Außenseiters und Mörders. Eine Art Psychostudie mit experimentell anmutenden Bildern in einer nicht-linearen und fragmentierten Inszenierung. Ein hartes und schwer verdauliches Stück, das komplett ohne Humor auskommt. Die sexuellen Perversionen und Gewalt sind überaus abartig, blutig und bildgewaltig dargestellt. Wie man es von Buttgereits Filmen kennt, sind die Effekte erstklassig in Szene gesetzt. Jedoch dienen diese niemals dem Selbstzweck oder sind gewaltverherrlichend. Im Vordergrund steht die intensive und morbide Atmosphäre, die auch jedem Zuschauer beim Ansehen durch den Körper fährt. Ein Film, der mich mit einem schlechten Gefühl im Magen sitzen lässt. Der Film ist äußerst deprimierend und verstörend, dadurch aber auch viel intensiver als viele ähnlich gelagerte Filme.


Ich hoffe wir konnten euch damit einen Einblick in Buttgereits Schaffen vermitteln und auch etwas Neugierde wecken.

Wenn ihr noch mehr über Jörg Buttgereit erfahren wollt, dann solltet ihr euch dieses Interview nicht entgehen lassen.

Thomas Ortlepp

Thomas Ortlepp

Horrorfilme sind für mich das einzige sinnvolle Ventil, um Frust und Aggressionen abzubauen – wenn sie gut gemacht sind. Andernfalls verhält es sich genau umgekehrt: Wenn sie schlecht sind, werde ich zum Hulk!
Thomas Ortlepp

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