It Comes at Night (2017) – Review

It Comes at Night

It Comes at Night wurde letztes Jahr als der nächste große Horrorschocker angekündigt, bevor es plötzlich still wurde. Nun steht das Heimkino-Release an und wir verraten euch, warum ihr euch der Paranoia hingeben solltet.

Originaltitel:
Land:
Laufzeit:
Regie:
Drehbuch:
Cast:

It Comes at Night
USA
91 Minuten
Trey Edward Shults
Trey Edward Shults
Joel Edgerton, Christopher Abbott, Carmen Ejogo

It Comes at Night ist inzwischen schon eine Weile draußen. Seine Premiere feierte er im April 2017 beim Overlook Filmfestival. Das Festivalpublikum und die Presse lobten den Film zu gleichen Teilen in den höchsten Tönen. Das Produktionsstudio witterte Blut und wollte den Film im ganz großen Stil rausbringen. So verspricht der Trailer dann auch den nächsten großen Horrorschocker. Kommt euch irgendwie bekannt vor? Die gleiche Story spielte sich schon 2015 mit The Witch ab. Beide Filme haben auch noch etwas anderes gemeinsam, das gleiche Produktionsstudio: A24. Ich möchte an dieser Stelle das Studio auch gar nicht schlecht reden, sie haben uns in den letzten Jahren mit einigen wundervollen Genre-Perlen beglückt. Die Vermarktungsstrategien des jungen Unternehmens sind jedoch recht eigenwillig.
Auf diesem Wege erreichen Filme wie The Witch, Raw oder eben It Comes at Night, die alles andere als leichte Kost sind, ein breites Publikum. Diese erwarten sich den nächsten großen Schocker und verlassen enttäuscht die Kinosäle. Auf diese sperrigen Filme muss man sich einlassen können, diese wollen vom Publikum bearbeitet werden – berieseln ist nicht. Es ist allerdings von Vorteil, wenn man dies im vorhinein auch weiß.
Dies mag schlussendlich auch ein Grund dafür gewesen sein, dass der Film in Deutschland wesentlich verspätet in die Kinos kam und die Auswertung auch eher bescheiden ausfiel. In Österreich wurde auf eine Kinoauswertung sogar gänzlich verzichtet. Aber vielleicht ist dies in der heutigen Flut an Produktionen auch die einzige Möglichkeit überhaupt wahrgenommen zu werden. Zumindest gibt es mutigen und innovativen RegisseurInnen wie Robert Eggers, Julia Ducournau und Trey Edward Shults überhaupt erst die Chance sich auch vor einem größeren Publikum beweisen zu können.

It Comes at Night

Am 25. Mai steht nun das Heimkino-Release an und ihr solltet euch gut überlegen, ob ihr hier zugreifen wollt. Ich will euch das auf keinen Fall ausreden – ganz im Gegenteil! Ich finde Shults Zweitwerk phantastisch und der Film hat auf jeden Fall eine Chance verdient. Aber vielleicht kann ich euch bei der Entscheidung an dieser Stelle ja auch etwas behilflich sein.

It Comes at Night handelt von einer Familie, die sich in ihrem Haus verschanzt haben. Eine tödliche Krankheit hat die Menschheit befallen und darüber hinaus wartet eine diffuse Bedrohung draußen im Dunkeln. Der einzige Zugang zu dem abgelegenen Haus ist stets verriegelt, das Haus wird nur zu zweit verlassen und in der Nacht grundsätzlich überhaupt nicht. Damit versuchen Paul (Joel Edgerton, The Gift), Sarah (Carmen Ejogo, Alien: Covenant) und ihr 17-jähriger Sohn Travis (Kelvin Harrison Jr., Mudbound) ihr Überleben zu sichern. Diese eingespielte Routine wird jedoch hart auf die Probe gestellt, als sie einer anderen Familie Zuflucht (Christopher Abbott, Riley Keough) gewähren…

Wie schon angekündigt, solltet ihr euch hier keinen postapokalyptischen Horrorschocker voller Monster erwarten, denn der Film sucht nicht nach der Dunkelheit in den umliegenden Wäldern, sondern in uns selbst. Im Grunde serviert uns Trey Edward Shults klassischen Paranoia-Horror. It Comes at Night ist ein Film über die Angst vor dem Fremden, über die Angst vor Verlust, über die Angst vor Unsicherheit – es ist ein Film über die Angst selbst, die in unseren schwächsten und düstersten Momenten über uns kommt, und darüber wie sie uns verändert.

Shults gelingt es hervorragend die gruppendynamischen Prozesse zwischen den einzelnen Individuen darzustellen. Durch den Zusammenprall von zwei Systemen, zwei Familien sehen wir wie diese merklich durch Kleinigkeiten destabilisiert werden und mit Müh und Not versucht wird die Stabilität zu erhalten – zur Not auch mit drastischen Mitteln. Gerade Paul, dessen einziges Ziel es ist seine Familie zu beschützen, tut sich schwer sich an die neuen Gegebenheiten anzupassen und fühlt sich von der plötzlichen Anwesenheit eines weiteren Mannes sichtlich eingeschüchtert. Dies alles ist gutes Futter für Angst und Paranoia, welche auch durchgehend die grimmige Atmosphäre des Films bestimmen. Auch wenn sich beide Familien zunächst näher kommen und sich sogar anfreunden, ist das zerstörerische Feuer der Angst nie gänzlich erloschen und nährt sich an unseren Vorurteilen, Unsicherheiten und kleinen alltäglichen Kränkungen.

It Comes at Night

Da It Comes at Night vielfach eher einer Versuchsanordnung gleicht, kommt das zwischenmenschliche Drama hin und wieder etwas zu kurz. Insbesondere die zwei Frauenrollen hätten mehr Ausarbeitung gut vertragen können. Bei der einen ist überhaupt keine Charakterentwicklung zu erkennen und die andere ist alles andere als glaubhaft. Für den Blick auf das große Ganze ist dies vollkommen ausreichend, doch leidet darunter merklich die Dramaturgie. Der Film ist zwar spannend erzählt und lädt zum mitfiebern ein, aber der fehlende Kitt zwischen den Figuren verhindert, dass ich voll mitgerissen werde. Als Identifikationsfläche dient allein der Sohn Travis, der jedoch auch nur eine sehr passive Rolle inne hat und mich als Zuschauer dementsprechend mehr als Zaungast am Geschehen teilhaben lässt. Dies ist jedoch Jammern auf sehr hohem Niveau, da mich das Finale trotz fehlender Anbindung an die Figuren voll getroffen hat. Bitterböse haut uns Shults mit einem nihilistischen rechten Haken nieder und tritt schlussendlich noch einmal nach. Eine Katharsis rückt in weite Ferne.

So ist It Comes at Night eine wundervolle Allegorie auf die Angst und was sie aus Menschen macht. Mit starken Bildern einer großartigen Location, einem perfekt sitzenden Score und überzeugenden schauspielerischen Leistungen macht Trey Edward Shults hier Paranoia greifbar. Ein phantastischer Genrebeitrag, fernab von Gemetzel, Monstern und Jumpscares, der sich auf den Kern des Horrors fokussiert: die Angst.

Bewertung

SpannungRating: 4 von 5
AtmosphäreRating: 5 von 5
Gewalt Rating: 1 von 5
Ekel Rating: 1 von 5
Story Rating: 4 von 5

Bildquelle: It Comes at Night © Universum Film

Florian Halbeisen

Florian Halbeisen

Horrorfilme sind für mich ein Tor zu den unheimlichen, verstaubten Dachböden und finsteren, schmutzigen Kellern der menschlichen Seele. Hier trifft man alles von der Gesellschaft abgeschobene, unerwünschte, geächtete, begrabene: Tod, Schmerz, Angst, Verlust, Gewalt, Fetische, Obsession. Es ist eine Entdeckungsreise auf die "Schutthalde der Zivilisation".
Auf diese Reise würde ich euch gerne mitnehmen.
Florian Halbeisen

...und was meinst du?