Raw (2016) – Review

Raw

oder: der Werwolffilm im Kleid des Kannibalenhorrors

Originaltitel:
Land:
Laufzeit:
Regie:
Drehbuch:

Grave
Frankreich
99 Minuten
Julia Ducournau
Julia Ducournau

Heißhunger auf Fleisch!

Mit Raw begibt sich Drehbuchautorin und Regisseurin Julia Ducournau auf den Weg durch die Vielfalt des Genres. Inhaltlich folgen wir der Teenagerin Justine während ihres ersten Jahres auf einer Schule für Veterinärmedizin, die auch ihre ältere Schwester Alexia besucht. Schon ab dem ersten Tag sieht sie sich allerdings skurrilen Schultraditionen ausgesetzt. So werden die Neuankömmlinge halbnackt auf allen Vieren durch dunkle Gänge zur Willkommensparty gescheucht, mit roter Farbe/Tierblut übergossen (Carrie lässt grüßen) oder gezwungen rohe Tiereingeweide zu verspeisen. Wäre dies für die Vegetarierin Justine nicht schon dramatisch genug, reagiert ihr Körper darauf mit einem bösen Ausschlag und zudem entwickelt sie einen Heißhunger auf Fleisch – jedoch nicht nur tierisches.

Weibliche Lust

Mit Raw haben wir es wieder mit einem jener ruhigen, sich langsam entfaltenden Horrorfilmen zu tun, die ich so sehr schätze. Filme, die versuchen sich mit einem Aspekt unserer Realität auseinander zu setzen, ihn zu reflektieren, zu zersetzen und im Kleid eines Horrorfilms wieder neu zusammen zu bauen. Bis zu einem gewissen Grad machen dies ohnehin alle Filme, nur einige bewusster als andere und manchen gelingt es auch wesentlich besser.

Die französische Produktion gehört zu jenen Filmen, die einem auch beim Abspann noch etwas fürs Gehirn zum Knabbern da lassen. Der Trailer erweckt leider teilweise Erwartungen, die kaum bis gar nicht erfüllt werden. Wer sich den Trailer angesehen hat und sich einen blutigen Body-Horror erwartet, könnte arg enttäuscht werden. Spart Regisseurin Julia Ducournau durchaus nicht mit expliziten Szenen, so erstrecken sich die Body-Horror-Elemente auf die Szenen, die man ohnehin im Trailer sieht.

Bei Grave, so der französische Originaltitel, der sich mit „schlimm“, „brutal“ oder „folgenschwer“ übersetzen lässt, handelt es sich mehr um einen Werwolffilm im Kannibalenkleid. Klingt auf Anhieb vielleicht etwas seltsam, aber entpuppt sich als phantastische Kombination. Bei Werwolf und dem im Fokus stehenden Geschwistergespann, gespielt von Garance Marillier und Ella Rumpf, weckt dies natürlich sofort Assoziationen mit dem grandiosen Ginger Snaps, der dem Werwolf-Genre neue Aspekte abgewinnen konnte. Ducournaus Debütwerk ist allerdings in keinster Weise ein klassischer Werwolffilm, sondern ein Coming-of-Age-Horror ganz eigener Art.

Raw

Garance Marillier als Justine

Gemein hat er jedoch mit diesen, dass er das jugendliche Erwachen der Triebe, die Angst vor dem eigenen Körper und die Suche nach der eigenen Identität mittels Instrumenten des phantastischen Films erzählt. Gab hier im Genre über Jahrzehnte eine männliche Perspektive den Ton an, änderte sich dies langsam über die letzten Jahrzehnte. Bahnbrechend ist hier sicher der schon genannte Ginger Snaps, aber auch die dänische Produktion When Animals Dream. Ducournau ist in der Darstellung der aufkeimenden weiblichen Lust jedoch wesentlich radikaler, als ihre ähnlich gelagerten Vorgänger. Insbesondere wenn Justine ihren homosexuellen Mitbewohner, während er oberkörperfrei Fußball spielt, unstet fokussiert, ähnelt sie einem triebgesteuerten Raubtier wie wir es sonst nur von männlichen Charakteren kennen. Wenn diese nicht zu bändigende Lust in der Familie durch einen dogmatischen Vegetarismus unterbunden werden soll, tun sich auch wieder Parallelen zu Carrie auf.

Gewürzt mit Kannibalismus, einem der großen Tabus der Menschheit, gelingt Julia Ducournau damit ein hochspannender Horrorfilm, der nicht nur zum Denken anregt, sondern auch durch Ducournaus souveränen Umgang mit dem Genre zudem noch bestens unterhält. Bitte mehr davon, denn ich habe Blut geleckt!

 

Bewertung

SpannungRating: 3 von 5
AtmosphäreRating: 4 von 5
Gewalt Rating: 2 von 5
Ekel Rating: 2 von 5
Story Rating: 4 von 5

Bildquelle: Raw © Wild Bunch

Terror-Floh

Terror-Floh

Der Terror-Floh gehört zur Gattung der blutsaugenden Vampire. Er hält sich bevorzugt in der Nähe von Zombies, Werwölfen und Hexen auf. Beliebte Nistplätze sind verfallene Gemäuer, unheimliche Wälder und Sommercamps.
Durch seine parasitäre Lebensweise eignet sich der Terror-Floh auch hervorragend als Haustier. Er ist sehr anhänglich, benötigt keine weitere Fütterung und befällt bei Bedarf auch unliebsamen Besuch.
Terror-Floh

...und was meinst du?