The Human Centipede 2 (Full Sequence) (2011) – Livebericht

The Human Centipede 2

oder: Bitte nicht zu Hause nachmachen!

Originaltitel:
Land:
Laufzeit:
Regie:
Drehbuch
Studio:

The Human Centipede II (Full Sequence)
USA
91 Minuten
Tom Six
Tom Six
Six Entertainment Company

Live-Bericht

The Human Centipede 2Nachdem mittelprächtig unterhaltsamen The Human Centipede: The First Sequence geht es nun an den Nachfolger The Human Centipede 2: Full Sequence.

Ich hab mich überhaupt nicht über den Film informiert, weiß nur, dass der Hauptdarsteller schon jetzt irgendwie Kultstatus genießt. Nach den ersten Teilen von Vomit Gore und August Underground ist es auf jeden Fall sehr angenehm wieder einen Film mit Handlung zu sehen.

Fängt auch schon mal sehr ansprechend an. Ich bin vor allem darauf gespannt welchen Ton der Film anschlägt, da ich mir beim Vorgänger nicht ganz sicher war, ob der witzig gemeint war oder einfach auf Grund seiner Absurdität unfreiwillig komisch. Nach den ersten eher ruhigen Minuten ist noch alles offen.

Die Exposition ist soweit ganz gelungen. Der Hauptdarsteller ist durchaus ein würdiger Nachfolger von Dieter Laser und auf seine gruselige, absonderliche Art charismatisch. Er steht auch gänzlich im Mittelpunkt der Narration. Über seine Opfer erfahren wir nichts und es ist allein von Interesse in welche Beziehung sie mit dem Protagonisten treten. Wir tauchen somit voll und ganz ein in die Welt von Martin. Ich bin gespannt wie der Film damit seine Dramaturgie gestaltet.

Die Szenen über Martins Familienleben insbesondere mit dem Psychiater sind unglaublich The Human Centipede 2grotesk. Nach dem ersten sehr ruhigen Drittel wird damit die Tonalität zum ersten Mal ins lächerlich Absurde gedrängt.  Auch die nächste Szene im Parkhaus verleitet eher zum Schmunzeln, denn zum Erschaudern.

Wahrscheinlich bin ich noch etwas früh dran, aber meine erste Interpretation wäre, dass sich der Film über jene Fans des Vorgängers lustig macht, die versuchten irgendwas anderes darin zu sehen, als pures Exploitationkino.

Inzwischen haben sich zwar ein paar Längen eingeschlichen, aber die Darstellung von Martin als Serienkiller-Abziehbild aus verkommenen Verhältnissen und allem Drum und Dran ist dermaßen over the top, dass ich mir den einen oder anderen Schmunzler nicht verkneifen kann. Dass dabei überhaupt keine Geschichte erzählt wird, passt allerdings hervorragend zu obiger Lesart.

Wir steuern nun auf das letzte Drittel zu und die Stimmung kippt, denn das Finale hat es definitiv ganz böse in sich. Eine bunte Mischung an Widerlichkeiten. Tom Six scheißt dem Zuschauer mit voller Wucht in die Fresse – das ist nicht nur als Metapher zu verstehen. Ganz weit weg von jeglicher augenzwinkernden Groteske geht es nun völlig humorlos und dreckig zur Sache, wie man es selten gesehen hat. Zumindest etwas muss ich dem Film zugestehen, das verstärkte Bedürfnis wegzuschauen hatte ich glaube ich seit A Serbian Film nicht mehr. Ähnlich wie der Serbe schreckt auch der zweite Hundertfüßer nicht vor Babys zurück und lässt mich mit heruntergeklappter Kinnlade sitzen.

Das Ende hat noch einmal einen kleinen Twist in petto, den ich euch aber natürlich nicht verrate. Der ist allerdings nicht der Grund dafür, wieso mich der Film ziemlich sprachlos zurücklässt.

 

Hintergründe

The Human Centipede 2Die ursprüngliche Idee für den Film basiert auf einem Gespräch, das Tom Six mit ein paar Freunden führte. Im TV wurde gerade über einen Kinderschänder berichtet und einer von Tom Six‘ Freunden meinte man solle ihn als Strafe mit dem Mund an den Arsch eines fetten LKW-Fahrers nähen. Die Idee zum zweiten Teil entstand dann, weil Tom Six regelmäßig auf mögliche Nachahmer des ersten Teils angesprochen wurde.

Die Sequels setzen übrigens immer am Ende des Vorgängers an, sodass diese nahtlos nacheinander geschaut werden können. Mancher mag ein System erkennen.

 

Fazit


Doch was bleibt jetzt unterm Strich? Schwer zu sagen. Full Sequence schlägt auf jeden Fall in eine ganz andere Kerbe als sein „Vorbild“ und ist auch wesentlich schwerer zu ertragen. Er ist brachialer, rauer, dreckiger. Martin ist dementsprechend auch das komplette Gegenstück zu dem bürgerlichen, eloquenten, machtvollen Dr. Heiter. Martin ist kein Chirurg mit feiner Klinge, sondern ein kindlicher, missbrauchter Schlachter hervorragend verkörpert von Laurence R. Harvey. Der Film steht und fällt auch mit diesem Charakter und der Performance von Harvey.

Denn über Harvey hinaus gibt es wenig zu holen. Die Serienkiller-Groteske und vor allem die selbstreferentiellen Aspekte der ersten zwei Drittel haben ihren Reiz, aber laufen schlussendlich auf eine Schlachtplatte hinaus, die versucht auf Teufel komm raus alle zu verstören. Dies ergibt so aber einfach kein rundes Bild. Zuerst auf einer Metaebene Splatterfilme zu dekonstruieren, um danach genau diese Muster zu bedienen. Für mich wirkt das Ganze einfach nicht sonderlich zu Ende gedacht und mehr wie eine Trotzreaktion.

Nichtsdestotrotz ein durchaus sehenswerter Film, der viele interessante Szenen zu bieten hat. Also wer den ersten Teil oder ähnliche Filme mochte, wird bestimmt auch mit dem Nachfolger seine Freude haben – ein starker Magen vorausgesetzt.

 

Bewertung

SpannungRating: 2 von 5
AtmosphäreRating: 3 von 5
Splatterrating4_5
EkelRating: 5 von 5
StoryRating: 2 von 5

Bilder: The Human Centipede II (Full Sequence) © Six Entertainment Company

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Florian Halbeisen

Florian Halbeisen

Horrorfilme sind für mich ein Tor zu den unheimlichen, verstaubten Dachböden und finsteren, schmutzigen Kellern der menschlichen Seele. Hier trifft man alles von der Gesellschaft abgeschobene, unerwünschte, geächtete, begrabene: Tod, Schmerz, Angst, Verlust, Gewalt, Fetische, Obsession. Es ist eine Entdeckungsreise auf die "Schutthalde der Zivilisation".
Auf diese Reise würde ich euch gerne mitnehmen.
Florian Halbeisen

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